E5 in Berlin: Europas Kurs vor dem NATO-Gipfel
Donald Trump ist nicht in Berlin, aber er dominiert das Treffen trotzdem. Vier europäische Regierungschefs sind am 24. Juni auf Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz ins Bundeskanzleramt gereist: Emmanuel Macron aus Frankreich, Keir Starmer aus Großbritannien, Giorgia Meloni aus Italien und Donald Tusk aus Polen. Sie kommen zwei Wochen vor dem NATO-Gipfel in Ankara und ihre eigentliche Herausforderung ist dieselbe wie seit Trumps zweitem Amtsantritt: eine gemeinsame europäische Linie zu finden, bevor Trump einzelne Partner herauspicken kann.
Das E5-Format und warum es diesmal besonders schwer wiegt
Das E5-Format ist keine formale Institution, sondern eine pragmatische Runde der fünf gewichtigsten europäischen NATO-Mitglieder. Die E5 umfasst die vier europäischen G7-Länder Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien sowie Polen, das an Russland grenzt und sich als Sprachrohr der osteuropäischen NATO-Partner versteht. Zusammen repräsentieren die fünf Länder mehr als 60 Prozent des europäischen NATO-Budgets.
Das letzte Treffen in diesem Format fand im Juni 2025 in Den Haag statt, wo die NATO historisch das neue Ziel von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsausgaben beschloss. Seitdem hat sich die geopolitische Lage verändert: Die USA begannen im Februar 2026 an der Seite Israels den Irankrieg, die Ukraine-Front hat sich festgefahren und die Trump-Administration drängt auf beschleunigte Umsetzung der Ausgabenziele. NATO-Generalsekretär Mark Rutte wird zum Berliner Treffen aus Washington zugeschaltet, wo er sich danach persönlich mit Trump trifft.
Drei Themen, ein Subtext
Die offizielle Agenda hat drei Punkte: weitere Ukraine-Unterstützung, Rolle der Europäer im Iran-Konflikt und Lastenverteilung im Bündnis. Der Subtext aller drei Punkte ist derselbe: Wie viel europäische Eigenständigkeit ist möglich, ohne die transatlantische Bindung zu beschädigen?
Bei der Ukraine geht es darum, wie lange und in welcher Form militärische Unterstützung aufrechterhalten werden kann, während die USA ihren Fokus zunehmend auf den Iran richten. Frankreich, Deutschland und Großbritannien haben gemeinsame Lieferzusagen für Munition und Luftabwehrsysteme gemacht, stehen aber unter Produktionsdruck.
Beim Iran ist das Gespräch delikater. Die USA sind laut Berichten verärgert darüber, dass europäische Verbündete den Irankrieg nicht aktiver mitgetragen haben. Als Kompromissangebot wollen Frankreich, Großbritannien und Deutschland bei einer anhaltenden Waffenruhe mit Minenjagdbooten und Kriegsschiffen für Sicherheit in der Straße von Hormus sorgen. Das Angebot ist symbolisch bedeutsam: Es zeigt Bereitschaft zur Lastenteilung, ohne die Europäer in den eigentlichen Kriegskonflikt hineinzuziehen.
Hormus und die innenpolitische Dimension
Die Straße von Hormus ist die engste Passage der globalen Energieversorgung: Rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Rohöls durchqueren sie. Seit dem Ausbruch des Irankriegs im Februar 2026 ist die Durchfahrt mehrfach gestört oder bedroht worden. Für Europa bedeutet jede Eskalation dort unmittelbare Energiepreisrisiken.
Dass Frankreich, Großbritannien und Deutschland nun Schiffe in die Region entsenden wollen, stößt innenpolitisch auf Fragen. Teile der SPD und der Grünen haben im Bundestag eine Debatte darüber geführt, ob ein solcher Marineeinsatz einer expliziten parlamentarischen Ermächtigung bedarf. Merz hat sich noch nicht abschließend geäußert, wie der parlamentarische Weg aussehen soll. Polens Ministerpräsident Tusk und Meloni dürften unterdessen auf konkrete Rüstungslieferzusagen für die Ukraine pochen: Für beide ist die östliche Flanke existenzieller als der Hormus-Streit.
Zwei Wochen bis Ankara
Der NATO-Gipfel in Ankara am 7. und 8. Juli ist das eigentliche Zieldatum des Berliner Treffens. Dort stehen Beschlüsse zur Umsetzung des 3,5-Prozent-Ziels an, das beim Haager Gipfel 2025 vereinbart wurde. Polen erfüllt mit 4,48 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (2025) die Marke bereits deutlich. Deutschland liegt mit 2,39 Prozent noch darunter, will das Ziel aber bis 2029 erreichen. Frankreich und Großbritannien befinden sich in ähnlichen Lagen.
Rutte wird die Berliner Positionen in das Gipfeltreffen einbringen; bereits vor Ankara trifft er Trump in Washington persönlich. Welche gemeinsame Linie die E5 am Mittwochabend beschließen, entscheidet mit darüber, ob Europa in Ankara mit einer Stimme spricht. Wenn nicht, rechnen Beobachter damit, dass Trump einzelne Länder mit bilateralen Forderungen unter Druck setzen wird.
Aktualisierungen
Update 25. Juni, 20:50 Uhr: Im Nachgang des Berliner Treffens rückt ein struktureller Kontext in den Vordergrund: Der Europäische Rechnungshof legte im Mai 2026 (Sonderbericht 04/2026) eine Bestandsaufnahme zu kritischen Rohstoffen vor, die deutlich macht, warum Versorgungssicherheit für die fünf E5-Nationen strategisch ist. Die EU bezieht demnach mehr als 97 Prozent ihres Magnesiums und über 90 Prozent ihrer verarbeiteten Seltenerdmetalle aus China. Diese Abhängigkeit wurde 2025 konkret spürbar, als Peking Exportkontrollen auf Gallium, Germanium und Seltenerdverbindungen verhängte. Die EU hat mit dem RESourceEU Action Plan vom Dezember 2025 reagiert, der unter anderem den Aufbau eines gemeinsamen europäischen Rohstofflagers vorsieht. Für E5-Nationen, die gemeinsame Rüstungsprogramme für Drohnen, Kampfjets und Flugabwehrsysteme koordinieren, ist die Versorgung mit Seltenerdmagneten eine direkte Voraussetzung: Diese Materialien stecken in den Elektromotoren moderner Waffensysteme.
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