
Ukraine greift Ozon an: E-Commerce im Wirtschaftskrieg
Quellen (11)
- Tagesspiegeltagesspiegel.de
- t-online Ukraine-Krieg aktuellt-online.de
- CNBCcnbc.com
- The Moscow Timesthemoscowtimes.com
- Yahoo Finance Deutschlandde.finance.yahoo.com
- UNITED24 Mediaunited24media.com
- Militarnyimilitarnyi.com
- audimax.deaudimax.de
- NBC News (Wildberries)nbcnews.com
- Wikipedia: Ukrainian strikes on Wildberriesen.wikipedia.org
- Liga.net (Ozon)news.liga.net
Was wie ein weiterer Drohnenangriff aussieht, ist in der Logik des Wirtschaftskriegs ein qualitativer Sprung: Erstmals hat die Ukraine nicht nur Wildberries getroffen, sondern auch Ozon. Russlands zweitgrößten Online-Versandhändler. Das 135.000-Quadratmeter-Lager in Chapayevsk im Samara-Gebiet brannte in der Nacht zum 22. August stundenlang, über 500 Mitarbeiter wurden evakuiert, der Betrieb ist auf unbestimmte Zeit eingestellt. In derselben Nacht trafen ukrainische Drohnen auch die Erdölraffinerie Novokuybyshevsk im selben Samara-Gebiet und töteten in einer Angriffswelle auf verschiedene Ziele in Russland mindestens sechs Menschen.
Ozon und Wildberries: Fast ein Zehntel des russischen BIP
Wildberries und Ozon sind die dominierenden Kräfte im russischen Online-Handel. Zusammen mit kleineren Anbietern erwirtschaftet dieser Sektor rund 8,5 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt vier Millionen Menschen, mehr als fünf Prozent aller Erwerbstätigen in Russland. Wildberries gilt als Russlands Amazon: ein Unternehmen, das nicht nur Konsumgüter liefert, sondern Logistikzentren in vielen russischen Regionen unterhält.
Seit dem 18. Juli 2026 greifen ukrainische Drohnen systematisch Wildberries-Lagerhallen an. Mindestens 21 Lager in mehr als zehn russischen Regionen wurden zerstört oder schwer beschädigt; der direkte Schaden liegt laut Analysten bereits bei über einer Milliarde Euro. Mit dem Angriff auf Ozon am 22. August ist erstmals ein zweiter Online-Händler betroffen.
Selenskyjs Begründung, Putins Dementi
Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Wildberries-Angriffe öffentlich verteidigt: Die Lagerhallen versorgten das russische Militär mit Drohnenkomponenten, Navigationsgeräten und anderem Kriegsmaterial. Die ukrainische Regierung bezeichnet Wildberries-Standorte als Umschlagpunkte für sogenannte Dual-Use-Güter, also Güter, die sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke einsetzbar sind. Selenskyj bezeichnete die Angriffe als legitimen Teil der Verteidigung gegen die russische Invasion.
Wildberries-Gründerin Tatjana Kim hatte die Darstellung zuvor zurückgewiesen: Das Unternehmen habe nichts mit dem russischen Militär zu tun. Dass auch Ozon-Einrichtungen militärische Güter umschlagen, hat Kiew zum Zeitpunkt des Angriffs öffentlich behauptet. Ozon erklärte in einem Telegram-Statement lediglich, der Betrieb sei nach dem Angriff eingestellt und Verletzungen seien entstanden.
Von der Raffinerie zur Kaufhalle
Ukraines Wirtschaftskrieg gegen Russland hat sich in zwei Jahren schrittweise verändert. Die erste Welle richtete sich gegen Ölraffinerien und Treibstoffdepots; Russlands Benzinproduktion brach dadurch um rund 25 Prozent ein. Danach folgten Schläge auf Ölexportterminals am Schwarzen Meer, die kurzzeitig einen erheblichen Teil der russischen Exportkapazität lahmlegten. Die Angriffe auf Wildberries seit Juli 2026 eröffneten eine neue Front: zivile Logistikinfrastruktur, die nach ukrainischer Darstellung in die militärische Versorgungskette eingebunden ist.
Das Ozon-Lager in Chapayevsk liegt rund 1.000 Kilometer von der Frontlinie entfernt, tief im russischen Kernland. In derselben Nacht traf eine Drohne zudem die Novokuybyshevsk-Raffinerie im Samara-Gebiet. Dass die Ukraine in einer einzigen Nacht ein Logistikzentrum und eine Raffinerie in derselben Region treffen kann, zeigt die gewachsene Reichweite und Präzision des ukrainischen Drohnenprogramms.
Für die russische Bevölkerung bedeuten die Angriffe auf Ozon und Wildberries: Lieferengpässe, Preisaufschläge und wachsende Unsicherheit über die Zuverlässigkeit des Online-Handels. Wildberries meldete nach den wiederholten Drohnentreffern erhebliche Störungen im Liefernetz.
Betrieb ruht, Lieferungen werden umgeleitet
Ozon teilte mit, Lieferungen an Händler würden vorübergehend auf andere Einrichtungen umgeleitet. Das Chapayevsk-Lager, eines der neueren Großzentren im Ozon-Netzwerk, wurde im Oktober 2022 eröffnet und gilt als wichtiger Umschlagpunkt für die Wolga-Region. Einen Wiedereröffnungstermin nannte das Unternehmen nicht.
Russland verfügt über begrenzte Kapazitäten zur Drohnenabwehr im Inland. Die meisten Systeme konzentrieren sich auf die Frontregion oder schützen Moskau und St. Petersburg. Das dezentrale Netz aus Dutzenden Logistikzentren großer Online-Händler kann kaum vollständig gesichert werden. Für die Ukraine ist das ein struktureller Vorteil: Jedes neue Ziel, das brennt, gilt als Signal an den russischen Innenraum, dass der Krieg die zivile Infrastruktur erreicht hat.
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