Eco Purge: Abbaubares Plastik gegen Mikroplastik
Jährlich gelangen 31.000 bis 42.000 Tonnen Mikroplastik allein durch Klärschlamm in europäische Ackerflächen. Sind Mikroplastikpartikel erst einmal in den Boden eingedrungen, lassen sie sich kaum noch entfernen. Arya Satheesh, eine 18-jährige Schülerin aus dem irischen Letterkenny, hat für dieses Problem einen ungewöhnlichen Ansatz entwickelt: einen pflanzlichen Kunststoff, der beim Zersetzen Enzyme freisetzt, die bereits im Boden liegendes Plastik angreifen. Das Projekt Eco Purge gewann im Mai 2026 die europäische Kategorie des Earth Prize.
Das Problem: 42.000 Tonnen Mikroplastik auf Europas Äckern
Mikroplastik bezeichnet Kunststoffpartikel kleiner als fünf Millimeter, die entstehen, wenn Plastik durch UV-Strahlung, mechanischen Abrieb oder Verwitterung zerfällt. Sie wurden in der Tiefsee, im Arktiseis und im menschlichen Blut gefunden. Eine Hochrechnung aus US-amerikanischen Studien schätzt, dass ein Erwachsener jährlich 39.000 bis 52.000 Mikroplastikpartikel über Nahrung und Wasser aufnimmt; unter Einbeziehung der Atemluft können es bis zu 121.000 sein.

Besonders problematisch ist die Lage in europäischen Böden: Laut einer Studie der Universität Cardiff nehmen europäische Ackerflächen jährlich 31.000 bis 42.000 Tonnen Mikroplastik auf, überwiegend durch Klärschlamm, der als Dünger ausgebracht wird. Das entspricht dem Gewicht von mehr als einer Milliarde handelsüblicher Einwegflaschen, die unsichtbar zerkleinert in Europas Böden gelangen. Die Forscher beschreiben europäisches Farmland als potenziell das weltweit größte Mikroplastik-Reservoir. Bisherige Lösungsansätze konzentrieren sich auf die Verhinderung weiterer Einträge oder die Entfernung aus Gewässeroberflächen. Was tief im Boden steckt, bleibt weitgehend unangetastet.
Wie Eco Purge funktioniert
Satheesh entwickelte laut Projektbeschreibung einen pflanzlichen biologisch abbaubaren Kunststoff, in den Enzyme eingebettet sind. Während das Material selbst abgebaut wird, setzt es diese Enzyme frei, die auf vorhandene Mikroplastiken in Boden, Süßwasser und Salzwasser einwirken. Der duale Ansatz: Das Material hinterlässt selbst keine Plastikreste und gibt gleichzeitig Wirkstoffe ab, die vorher entstandene Kontamination angreifen.
Die Enzyme werden laut einem Bericht von Euronews über genetisch modifizierte Bakterien produziert. Satheesh arbeitete für die Entwicklung mit dem University College Dublin, dem Atlantic Technological University Letterkenny und dem BiOrbic Bioeconomy Research Centre zusammen. Quantitative Wirkdaten aus Laborversuchen hat die 18-Jährige bislang nicht öffentlich veröffentlicht; die Technologie befindet sich in einem frühen Entwicklungsstadium. Bereits vor dem Earth Prize hatte das Projekt Anerkennung erhalten: Bei der Stripe Young Scientist and Technology Exhibition 2026 belegte Satheesh den zweiten Platz in der Kategorie Biologie und Ökologie.
Earth Prize 2026: Von 6.000 Projekten unter die sieben
Der Earth Prize wird von der gemeinnützigen Earth Foundation mit Sitz in Genf vergeben. Die Organisation bezeichnet ihn als den weltgrößten Umwelt-Nachhaltigkeitswettbewerb für Jugendliche zwischen 13 und 19 Jahren; 2026 gingen mehr als 6.000 Bewerbungen aus 169 Ländern ein. Aus ihnen wurden 35 Finalisten, sogenannte Earth Scholars und sieben Regionalsieger ermittelt.
Satheesh gewann die europäische Kategorie. Den globalen Hauptpreis erhielt das indische Team Plas-Stick, bestehend aus Vivaan Chhawchharia, Ariana Agarwal und Avyana Mehta (alle 16 Jahre). Das Team entwickelte ein Verfahren, bei dem Tamarindsamenpulver Mikroplastikpartikel verklumpt, sodass sie anschließend magnetisch entfernt werden können, ohne Energie oder Strom. Plas-Stick wurde bereits an über 8.000 Schülerinnen, Schülern und Lehrenden erprobt. Jeder der sieben Regionalsieger erhält 12.500 US-Dollar Preisgeld für die weitere Projektentwicklung.

Im Vergleich: Was gegen Mikroplastik schon funktioniert
Plas-Stick zeigt einen komplementären Ansatz: Tamarindsamenpulver bindet Mikroplastikpartikel aus Gewässern zu Klumpen, die sich dann magnetisch herausfiltern lassen, ohne Strom und ohne teure Ausrüstung. Der Wettbewerbssieger adressiert damit Mikroplastik in zugänglichen Oberflächengewässern. Eco Purge zielt auf ein anderes Problem: tief in Böden und Sedimenten gebundene Partikel, wo mechanische Filterung nicht funktioniert.
Auf industrieller Ebene hat das französische Unternehmen Carbios einen anderen Weg gezeigt: eine engineered Enzym-Variante (LCC-Cutinase), die PET-Plastik bei etwa 70 Grad Celsius in 24 Stunden zu 98 Prozent zersetzt. Eine Pilotanlage arbeitet seit 2021. Das Verfahren erfordert jedoch industrielle Reaktoren unter definierten Bedingungen und funktioniert nicht in natürlichen Böden oder Gewässern. Die Mikroplastikforschung zeigt damit ein Grundmuster: Jede Technologie deckt einen anderen Teil des Problems ab. Eine Lösung, die alle Eintragsquellen und Ablagerungsorte gleichzeitig erfasst, gibt es bislang nicht.
Was zwischen Schulprojekt und Marktreife steht
Drei Hürden trennen Eco Purge von einem praktischen Einsatz.
Erstens Wirksamkeitsnachweise: Öffentlich zugänglich sind keine Laborergebnisse über Abbauraten oder Wirkdauer der freigesetzten Enzyme. Ohne quantifizierbare Daten ist eine Bewertung durch Regulierungsbehörden nicht möglich.
Zweitens Kostenreduktion: Die Herstellung der Enzyme über genetisch modifizierte Bakterien ist laut Euronews derzeit aufwändig. Ob sie sich auf einen wirtschaftlich vertretbaren Industriemaßstab bringen lässt, ist offen.
Drittens ökologische Sicherheit: Enzyme, die gezielt Kunststoffmoleküle angreifen, könnten in Böden mit anderen organischen Verbindungen interagieren. Die Auswirkungen auf das Bodenökosystem wären in Langzeitstudien zu klären, bevor ein flächendeckender Einsatz vertretbar wäre. Mit dem Preisgeld und der Anbindung an BiOrbic hat Satheesh eine institutionelle Basis für die nächste Entwicklungsphase. Die drei offenen Fragen werden die Forschungsagenda der nächsten Jahre bestimmen.
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