Pantisano nur mit 53 Prozent: Linke wählt Doppelspitze
Am Freitag vor dem Parteitag gab Luigi Pantisano der „Bild“ ein Video-Interview und erklärte, es bestehe kein Unterschied zwischen der „CDU, die faschistische Politik macht, der AfD oder den Faschisten selbst“. Am Samstag stimmten die Linken-Delegierten in Potsdam ab. Pantisano erhielt ohne Gegenkandidaten 53,3 Prozent. Seine Mitchefin Ines Schwerdtner wurde mit 85,7 Prozent bestätigt. Das ist der denkbar zweideutige Auftakt für eine Partei, die unter dem Motto Ost-Strategie antritt.
Der Faschismus-Vergleich und sein Echo
Pantisano relativierte seinen Vergleich noch am Freitagabend. „Meine Aussage war verkürzt und in dieser Form falsch“, sagte er. Die Entschuldigung kam spät. Der Tagesspiegel dokumentierte die CDU-Reaktion: „Damit hat sich Herr Pantisano an Tag 1 komplett disqualifiziert“, hieß es aus der Unionsfraktion. Die taz warf Pantisano „Irrwege“ vor. Die ZDF-Berichterstattung aus Potsdam hielt fest, dass die ostdeutschen Landesverbände besonders unruhig reagierten. Für eine Partei, die mit Sachsen-Anhalt im September 2026 ihren nächsten Landtagswahlkampf bestreitet, sind CDU-Faschismus-Vergleiche eine strategische Komplikation: Koalitions- und Tolerierungsoptionen entstehen nicht durch Gleichsetzung.
Die 53,3 Prozent sind historisch schwach für einen Linken-Vorsitzenden ohne Gegenkandidat. Pantisano hatte selbst vorab formuliert, unter 70 Prozent sei kein gutes Ergebnis. Nach der Wahl sprach er von einem „ehrlichen Ergebnis“ und davon, in diese Rolle hineinwachsen zu müssen.
Schwerdtner: Ostbiografie als Kapital
Ines Schwerdtner wurde 1989 in Werdau in Sachsen geboren. Ihre Familie zog nach der Wende nach Hamburg-Harburg. Im Freitag-Magazin hat sie gesagt: „Meine Familie ist an der Wende zerbrochen.“ Diese Biografie gibt ihr in der Ostdebatte eine Authentizität, die kaum programmiert werden kann.
Schwerdtner studierte Politikwissenschaft und Anglistik in Berlin sowie Politische Theorie in Frankfurt am Main. 2020 gründete sie die deutschsprachige Jacobin-Ausgabe mit, das sozialistische Theoriemagazin und leitete es bis 2023. Der Linken trat sie erst im August 2023 bei, also vor der BSW-Abspaltung. Im Oktober 2024 wurde sie erstmals Co-Vorsitzende. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann sie das Direktmandat in Berlin-Lichtenberg. Die Handelsblatt-Berichterstattung bezeichnete ihre 85,7 Prozent als starkes Signal für die Partei.
Die Ost-Strategie: Bekenntnis mit Strukturproblem
Auf dem Parteitag in Potsdam sagte Schwerdtner, die Linke werde „den Osten nicht den Nazis überlassen“. Das ist ein Bekenntnis, keine Blaupause. Die Partei ist noch in Landtagen von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vertreten und in Mecklenburg-Vorpommern an der Regierung beteiligt. Aber sie verliert in diesen Ländern kontinuierlich Boden: an das BSW und an die AfD. In Sachsen und Thüringen sind seit den Landtagswahlen 2024 keine Linke-Politiker mehr in der Regierung.
Das strukturelle Problem: Die Linke hat zum ersten Mal mehr Mitglieder aus dem Westen als aus dem Osten. Die BSW-Abspaltung hat nicht nur Mandatsträger, sondern ostdeutsche Stammwähler mitgenommen. Für Netzwerke in Chemnitz, Zwickau oder Greifswald, für Kommunalpolitiker die seit Jahren in ostdeutschen Stadtparlamenten sitzen, braucht es Personen, die diese Regionen kennen. Schwerdtner hat diese Biografie. Pantisano, aufgewachsen in der Stuttgarter Stadtpolitik, repräsentiert dagegen das, was die Linke in westdeutschen Großstadtmilieus hält: gewerkschaftsnahe Hochschulstädte, Verkehrspolitik, sozialpolitische Debatten aus dem linksliberalen Milieu.
Das Profil-Duopol und seine Risiken
Die Doppelspitze ist strukturell ein Kompromiss zwischen zwei unterschiedlichen Linken. Schwerdtner steht für die programmatische Glaubwürdigkeit gegenüber dem, was von der alten PDS-Linken noch da ist. Pantisano repräsentiert die Modernisierung in westdeutschen Neumitglieder-Milieus. Dass er trotzdem mit 53,3 Prozent denkbar knapp die absolute Mehrheit übersprang, signalisiert: Ein Teil der Delegierten hält diesen Kompromiss für noch nicht überzeugend genug ausbalanciert.
Die taz fasste es direkt: Pantisano sei „auf Irrwegen“. Kritiker aus der eigenen Partei wie aus der politischen Mitte sahen in dem Faschismus-Vergleich nicht nur einen taktischen Fehler, sondern ein Muster. Die Frage, die bis zur Sachsen-Anhalt-Wahl beantwortet werden muss, lautet: Kann die Partei Ost-Strategie und radikale Sprache gleichzeitig betreiben? Oder sabotiert das eine das andere?
Sachsen-Anhalt im September als erster Stresstest
In Sachsen-Anhalt wird im September 2026 der Landtag gewählt. Die Linke ist dort noch mit einer Fraktion vertreten. Ein Rausfall aus dem Magdeburger Landtag würde die Ost-Strategie bereits in ihrem ersten Wahlkampf unter der neuen Führung beschädigen. Die AfD liegt dort nach aktuellen Umfragen bei über 40 Prozent. Die CDU unter Ministerpräsident Sven Schulze hat signalisiert, eine Minderheitsregierung nicht auszuschließen, die gegebenenfalls von der Linken toleriert werden könnte. Das setzt voraus, dass die Linke im Landtag ist und dass sie nicht mit CDU-Faschismus-Gleichsetzungen in den Wahlkampf geht. Pantisano hat ein Ergebnis erhalten, das ihm wenig Rückhalt für einen weiteren Fehler gibt.
Aktualisierungen
Update 23. Juni, 19:05 Uhr: Neben der Führungswahl verabschiedete der Parteitag auch eine Nahost-Resolution: Mit großer Mehrheit bezeichneten die Delegierten Israels militärisches Vorgehen in Gaza als Genozid. Ein schärferes Gegenamendment scheiterte mit 63 zu 30,4 Prozent. Die Resolution verbindet das Genozid-Urteil mit einem Bekenntnis zum israelischen Existenzrecht und einer Zweistaatenlösung, die der Beschlusstext zugleich als zunehmend unrealistisch einordnet. Für die Sachsen-Anhalt-Wahl im September ist das eine zusätzliche Belastung: In Ostdeutschland mobilisiert der Nahost-Konflikt erheblich weniger Wähler als Wirtschafts- und Sozialpolitik.
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