El Niño 2026 bestätigt: Die wirtschaftlichen Dominos für Europa
Tech & Wissen

El Niño 2026 bestätigt: Die wirtschaftlichen Dominos für Europa

Seit dem 2. Juni ist El Niño offiziell bestätigt. Das Pazifikphänomen trifft Europa nicht als Sturm, sondern über Preiswellen: WMO und NOAA sehen mit über 90 Prozent Wahrscheinlichkeit ein anhaltendes starkes Ereignis bis Winter 2026/27.

20. Juni 2026, 17:11 Uhr 720 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am 2. Juni bestätigte WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo das, was Klimamodelle seit Wochen angedeutet hatten: El Niño ist zurück. Das Klimaphänomen trifft Europa in einem exponierten Moment, nach einer Hitzewelle, die dem Deutschen Wetterdienst bereits Warnungen für über hundert Landkreise abverlangte. Für deutsche Haushalte sind die direkten Folgen zunächst kaum spürbar. Bis sie auf der Einkaufsquittung sichtbar werden.

Was WMO und NOAA messen: Stärke und Zeitrahmen

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) beziffert die Wahrscheinlichkeit für ein aktives El Niño von Juni bis August 2026 auf 80 Prozent; bis mindestens November liegt sie über 90 Prozent. Die US-Wetterbehörde NOAA sieht sogar eine 96-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass El Niño bis Winter 2026/27 andauert. Europäische Klimamodelle veranschlagen die Chance für ein extremes Ereignis doppelt so hoch wie die NOAA, die ihrerseits 13 Prozent angibt. Insgesamt sehen Prognosemodelle eine 63-prozentige Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis, das sich in die intensivsten seit Beginn systematischer Messungen 1950 einreihen würde.

Meteorologe Hartmut Mühlbauer erinnerte an das Vergleichsereignis 2015/2016: "Da gab es weltweit wirklich große Schäden: Dürrekatastrophen und heftige Niederschläge, wo es sonst nie regnet." Klimaforscher Karsten Haustein von der Universität Leipzig hält es für denkbar, dass die globale Durchschnittstemperatur 2027 bei 1,7 bis 1,8 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau liegen könnte. 2024 hatte dieser Wert bereits 1,55 Grad erreicht. Haustein betonte jedoch eine wichtige Einschränkung: In Mitteleuropa überlagert die Nordatlantische Oszillation die Signale des El Niño. Deutschland könnte trotz eines global starken Ereignisses einen meteorologisch schwachen Sommer erleben.

Westafrika und Südostasien: Die Ursprünge der Preiswellen

Der Übertragungsweg von der Pazifikwassertemperatur auf die deutsche Einkaufsquittung läuft über konkrete Anbaugebiete. Westafrika produziert rund 70 Prozent des weltweiten Kakaos. El Niño bringt in diese Region heißere und trockenere Bedingungen. Eine Auswertung von Marktdaten durch Reuters zeigte, dass jedes starke El Niño in den vergangenen 55 Jahren mit einem Rückgang der globalen Kakaoproduktion einhergegangen ist. Kakaoterminkontrakte an den Warenterminbörsen reagierten auf die laufenden Prognosen bereits mit deutlichen Aufschlägen.

Betroffen sind auch Arabicakaffee, Reis, Palmöl und Zucker. Die EU importiert Nahrungsmittel im Wert von 188,6 Milliarden Euro jährlich, wie aus Daten der Europäischen Kommission hervorgeht. Wenn Erntemengen in Zentralamerika, Kolumbien, Indonesien und Indien zurückgehen, landen Preissteigerungen als Importkosten in der EU und schließlich als Preisaufschläge in deutschen Supermärkten. Der typische Zeitversatz zwischen Ernteschaden und Verbraucherpreis beträgt sechs bis zwölf Monate: Ernteausfälle 2026 werden sich 2026 und 2027 an der Kasse niederschlagen.

Dr. Micha Werner vom IHE Delft Institut für Wasserwirtschaft formulierte die übergeordnete Logik: "The coming El Niño is a reminder that drought is not only an environmental issue." Es ist auch ein Inflationsproblem für Importstaaten, ein Liquiditätsproblem für Rohstoffhändler und ein Planungsproblem für Lebensmittelkonzerne, deren Einkaufspreise für Rohwaren steigen, bevor sie diese an Verbraucher weitergeben können.

Norwegische Fjorde und Europas Energiemarkt

Ein zweiter Übertragungskanal verläuft durch die Energiemärkte. Norwegen deckt rund 90 Prozent seines Strombedarfs aus Wasserkraft, verteilt auf 1.791 Kraftwerke. Die Schneereserven in den norwegischen Bergen, die im Sommer als Schmelzwasser die Turbinen antreiben, lagen Mitte Mai 2026 auf dem niedrigsten Stand der vergangenen 25 Jahre. Das daraus resultierende Energiedefizit wird auf rund 25 Terawattstunden geschätzt, was dem jährlichen Strombedarf von 2,5 Millionen Haushalten entspricht und annähernd einem Fünftel von Norwegens gesamter Wasserkraftjahresproduktion.

Wenn Norwegen weniger Strom exportiert, steigt der Druck auf den europäischen Großhandelsmarkt. Mittelnorwegen und Südnorwegen erwarten für den Sommer 2026 unterdurchschnittliche Speicherstände, was die Exportmengen weiter bremsen dürfte. Hinzu kommt ein physikalischer Faktor: Ab 25 Grad Celsius sinkt die Effizienz von Solarmodulen pro Grad um 0,4 bis 0,5 Prozent. In einem heißen Sommer liefern Photovoltaikanlagen weniger Strom genau dann, wenn Klimaanlagen den Bedarf erhöhen.

Bis Winter 2026/27 entscheidet sich das Ausmaß

El Niño ist laut NOAA bereits vorhanden und soll sich bis in den Winter 2026/27 weiter verstärken. Als Maßstab gilt das Ereignis von 1997/98, das nach Schätzungen globale wirtschaftliche Schäden von 5.700 Milliarden Dollar verursachte. Klimawissenschaftlerin Friederike Otto vom Imperial College London mahnte, den Unterschied zwischen natürlichem Phänomen und menschengemachter Erwärmung nicht zu verwischen: "El Niño is a natural phenomenon. Climate change on the contrary gets worse." Jeder El Niño wirkt heute auf einem höheren Temperaturbasisniveau als seine Vorgänger, was die Extremereignisse verstärkt.

Für europäische Haushalte und Unternehmen folgt daraus eine praktische Konsequenz: Die Preisentwicklungen bei Grundnahrungsmitteln und Energie der nächsten zwölf Monate hängen erheblich vom weiteren Verlauf dieses El Niños ab. Die direkten meteorologischen Auswirkungen auf Deutschland bleiben, wie Haustein betonte, durch die Nordatlantische Oszillation gedämpft. Die indirekten wirtschaftlichen Folgen über Importpreise, Großhandelsstrom und Rohstoffmärkte unterliegen keiner vergleichbaren Dämpfung.

Quellen (9)

Kommentare