Kernkraft nach vierzig Jahren: Italiens Kehrtwende
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Kernkraft nach vierzig Jahren: Italiens Kehrtwende

Italiens Ministerpräsidentin Meloni will Kernkraft nach fast vierzig Jahren zurückbringen. Noch in diesem Sommer soll ein Rechtsrahmen kommen, der den Weg für Small Modular Reactors ebnet. Das Problem: Das Land hat zweimal per Referendum gegen Atomkraft gestimmt.

16. Mai 2026, 0:41 Uhr 625 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Als 1990 die letzten Reaktoren Caorso und Trino Vercellese abgeschaltet wurden, schien die Sache entschieden: Die Italiener hatten 1987 nach Tschernobyl in einem Referendum gegen Kernkraft gestimmt. 2011, nach Fukushima, bekräftigten sie das mit 94 Prozent. Giorgia Meloni bricht diese demokratische Tradition auf. Am 14. Mai 2026 kündigte die Ministerpräsidentin an, ihre Regierung werde noch in diesem Sommer einen Rechtsrahmen vorlegen, der Kernkraft offiziell in Italiens nationale Energiestrategie reintegriert.

Was Meloni konkret plant

Die legislativen Vorarbeiten liefen bereits. Am 3. Oktober 2025 billigte der Ministerrat einen Gesetzentwurf, der die Regierung bevollmächtigt, einen nationalen Nuklearplan zu entwickeln, eine unabhängige Atomaufsichtsbehörde aufzubauen und die Forschungskapazitäten zu stärken. Das Parlament berät diesen Entwurf seit Januar 2026 in gemeinsamen Ausschüssen. Die nun angekündigte Sommerinitiative soll den rechtlichen Rahmen für die eigentliche Reintegration schaffen.

Inhaltlich setzt die Regierung auf Small Modular Reactors (SMR) und fortgeschrittene Modulreaktoren, nicht auf die Großanlagen der 1980er Jahre. Die Kapazitätsziele bis 2050: Im konservativen Szenario acht Gigawatt elektrischer Leistung, was laut nationalem Energieplan mehr als zehn Prozent des Strombedarfs decken würde. Im ambitionierten Szenario sind es bis zu 16 Gigawatt, entsprechend 20 bis 22 Prozent. Der Italian National Integrated Energy and Climate Plan, den die Regierung der EU vorgelegt hat, beziffert die Kosteneinsparung durch Kernkraft auf 17 Milliarden Euro gegenüber einem rein erneuerbaren Szenario.

Warum ausgerechnet 2026

Den unmittelbaren Antrieb liefern Energiekosten und Importabhängigkeit. Italien bezieht heute etwa 15 Prozent seines Stroms aus dem Ausland, wesentliche Teile davon aus Frankreich, dessen Strom großteils aus Kernkraftwerken stammt. Die Ironie ist offensichtlich: Ein Land das zweimal gegen Atomkraft gestimmt hat, kauft Atomstrom von der französischen Staatsgesellschaft EDF.

Finanzminister Giancarlo Giorgetti erklärte am 22. April 2026, Kernkraft sei für Italien keine rein wirtschaftliche, sondern eine Souveränitätsfrage. Es gehe um nationale Sicherheit. Der Verweis auf geopolitische Risiken und Preisschocks nach dem Ukrainekrieg ist berechnet: In der öffentlichen Debatte hat Energieunabhängigkeit seitdem erhebliches Gewicht. Die Regierung nutzt das als politisches Fenster, das nach einem Nachlassen des Themas wieder schließen könnte.

Wo Widerstände liegen

Die parlamentarische Opposition kommt vor allem von Movimento 5 Stelle unter Giuseppe Conte. Die Fünf-Sterne-Bewegung lehnt Kernkraft historisch ab und betrachtet beide Referenden als demokratischen Auftrag, den die Regierung nicht einfach ignorieren könne. Legambiente, die größte Umweltorganisation Italiens, hat angekündigt, die Pläne kritisch zu begleiten: Italien verfüge über das sonnigste Klima Mitteleuropas und solle dieses Potenzial vorrangig ausschöpfen statt auf eine Technologie zu setzen, deren erste Reaktoren frühestens 2035 ans Netz gehen.

Der Verweis auf die Referenden ist dabei rechtlich keine zwingende Schranke. Das Verfassungsgericht hat klargestellt, dass Referendumsentscheidungen den Gesetzgeber nicht dauerhaft binden. Politisch ist die Lage komplizierter: Das 2011-Referendum fand nach Fukushima statt und erzielte mit 94 Prozent ein klares Votum. Eine Regierung die dieses Ergebnis ohne neue Volksabstimmung umkehrt, setzt sich dem Vorwurf aus, demokratische Signale selektiv zu ignorieren.

Bis 2035 dauert es mindestens

Selbst im günstigsten Fall wird kein italienischer Reaktor vor 2035 ans Netz gehen. Das zeigt die Geschichte: In Frankreich, das seit den 1970er Jahren über ausgereifte Kernkraftinfrastruktur verfügt, dauern Neubauten trotzdem zehn bis fünfzehn Jahre. Für Italien, das fast vierzig Jahre Pause hatte und weder Personal noch Aufsichtsbehörden noch Standortgenehmigungsverfahren besitzt, beginnt der Aufbau von Null.

Als privatwirtschaftlichen Vorreiter betrachtet die Regierung das Startup Newcleo, das bleigekühlte Schnellreaktoren entwickelt und bis Ende 2026 eine nicht-nukleare Testanlage am ENEA-Forschungszentrum Brasimone in Betrieb nehmen will. Newcleo hat in mehreren Finanzierungsrunden bisher mehr als 700 Millionen Euro eingesammelt. Die Regierung erwägt nach Medienberichten eine direkte Kapitalbeteiligung. Technologiepartnerschaften werden mit Frankreich, den USA, Südkorea und Kanada verhandelt.

Der Kurs hängt von mehreren Faktoren ab: ob SMR-Technologien die versprochene Marktreife bis Ende der 2020er Jahre erreichen, ob Standortgenehmigungen zügig laufen und ob künftige Regierungen die Strategie fortsetzen. Italiens Wahlzyklen sind kurz, die Koalitionsarithmetik komplex. Meloni kann den Kurs setzen. Ob er Bestand hat, entscheiden andere.

Quellen (7)

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