Eine Sekunde gegen Krebs: FLASH-Radiotherapie
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Eine Sekunde gegen Krebs: FLASH-Radiotherapie

FLASH-Radiotherapie verabreicht Krebsbestrahlung in weniger als einer Sekunde statt in Minuten. Erste klinische Studien zeigen, dass diese Blitzbestrahlung Tumoren genauso wirksam abtötet und gesundes Gewebe dabei deutlich schont. Jetzt bündeln Institut Curie, CERN und der Technologiekonzern Thales ihre Kräfte für die nächste Stufe.

22. Mai 2026, 16:43 Uhr 821 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Wie lange dauert eine Krebsbestrahlung? Konventionell: mehrere Minuten pro Sitzung, oft über Wochen wiederholt. Bei FLASH-Radiotherapie: weniger als eine Sekunde. Erste klinische Studien zeigen, dass diese Blitzbestrahlung Tumoren genauso wirksam abtötet und gesundes Gewebe dabei deutlich weniger schädigt.

Was ist FLASH-Radiotherapie?

FLASH-Radiotherapie (FLASH-RT) verabreicht Strahlung mit Dosisraten von mindestens 40 Gray pro Sekunde, in der Praxis oft über 100 Gray pro Sekunde. Zum Vergleich: Konventionelle Strahlentherapie arbeitet mit 0,001 bis 0,4 Gray pro Sekunde. Eine Einzeldosis von 8 Gray, eine typische Bestrahlungsmenge bei Knochenmetastasen, dauert bei konventioneller RT mehrere Minuten. Bei FLASH-RT sind es 0,2 Sekunden.

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Der sogenannte FLASH-Effekt ist das entscheidende Phänomen: Normalgewebe scheint bei ultra-hohen Dosisraten weniger Schaden zu nehmen, während die Tumorabtötung gleichwertig oder besser bleibt. Warum genau, ist unter Forschern noch nicht vollständig geklärt. Die verbreitetste Hypothese: Die Blitzbestrahlung verbraucht lokal den Sauerstoff im gesunden Gewebe. Sauerstoff verstärkt normalerweise die Strahlenempfindlichkeit, weshalb weniger Sauerstoff das Gewebe vorübergehend schützt. Tumorgewebe ist ohnehin sauerstoffarm und profitiert von diesem Schutzmechanismus nicht. Diese Hypothese wird allerdings diskutiert; eine umfassende Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 fand, dass Sauerstoffverarmung am lebenden Organismus in Experimenten keine globale Gewebehypoxie erzeugte. Wahrscheinlich wirken mehrere Mechanismen zusammen.

Warum jetzt?

Der erste menschliche FLASH-Patient wurde 2019 am Universitätsspital Lausanne (CHUV) behandelt. Die Patientin, 75 Jahre alt, litt an einem multiresistenten Hautlymphom. Bei konventioneller Bestrahlung hatte sie zuvor Reaktionen der Schweregrade 3 und 4 gezeigt. Die FLASH-Behandlung verabreichte laut dem 2019 in Radiotherapy and Oncology veröffentlichten Bericht eine Einzeldosis von 15 Gray in Bruchteilen einer Sekunde. Der 3,5 Zentimeter große Tumor verschwand vollständig. Nebenwirkungen: Grad 1.

Die erste randomisierte Proton-FLASH-Studie am Menschen folgte 2022 in Cincinnati. Die FAST-01-Studie des Cincinnati Children's Proton Therapy Center behandelte zehn Patienten mit schmerzhaften Knochenmetastasen. Dosisrate: 60 Gray pro Sekunde, Einzeldosis: 8 Gray, Bestrahlungszeit: unter einer Sekunde. Die Ergebnisse, 2022 in JAMA Oncology veröffentlicht: Bei 66,7 Prozent der behandelten Stellen trat vollständige oder teilweise Schmerzlinderung ein, bei 50 Prozent vollständige Schmerzfreiheit. Alle Nebenwirkungen blieben mild.

Der jüngste Meilenstein datiert vom 22. April 2026: Das Institut Curie in Paris, das Commissariat à l'énergie atomique (CEA) und der Technologiekonzern Thales unterzeichneten eine Partnerschaft für das FRATHEA-Projekt. Budget: 37 Millionen Euro. Ziel: ein weltweit einzigartiger Beschleuniger für VHEE-FLASH-Bestrahlung (Very High Energy Electrons, 50 bis 250 Megaelektronenvolt) auf dem Campus Orsay bei Paris. Erste klinische Studien sollen 2028 bis 2029 starten.

Am CERN in Genf forscht die CLEAR-Anlage (CERN Linear Electron Accelerator for Research) an Elektronenenergien bis 200 Megaelektronenvolt für FLASH-Anwendungen. CERN hat 2022 eine Partnerschaft mit dem CHUV Lausanne und dem Unternehmen THERYQ unterzeichnet, um klinische Anwendungen voranzutreiben.

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Was bedeutet das konkret?

Für Krebspatienten könnte FLASH-RT besonders relevant sein, wenn Tumoren nahe an lebenswichtigen Organen liegen: Bauchspeicheldrüse, Lunge, Gehirn. Konventionelle Strahlentherapie scheitert dort oft daran, dass die nötige Dosis das umliegende gesunde Gewebe zu stark schädigt. Wenn sich der FLASH-Effekt in größeren Studien bestätigt, ließen sich höhere Dosen verabreichen, ohne die Nebenwirkungen zu erhöhen.

Besonders relevant ist das für Kinder mit Krebs: Ihr wachsendes Gewebe reagiert empfindlicher auf Strahlung. Langzeitfolgen nach Krebsbehandlungen, darunter Sekundärtumore und Organschäden, sind bei Kindern besonders gravierend. Marie-Catherine Vozenin, Professorin am CHUV Lausanne und Pionierin der FLASH-Forschung, wurde 2025 mit dem Claudius-Regaud-Preis der European Society for Radiotherapy and Oncology ausgezeichnet. Ihr Labor veröffentlichte 2014 die wegweisende präklinische Studie, die zeigte, dass FLASH-Bestrahlung bei Mäusen Lungengewebe schont, ohne die Tumorabtötung zu verringern.

Im Vergleich mit anderen jungen Krebstherapien zeigt sich, wie schnell solche Entwicklungen in die Klinik kommen können. CAR-T-Zelltherapien wurden 2017 erstmals zugelassen und sind heute Standardtherapie bei bestimmten Leukämieformen. CRISPR-basierte Gentherapien erhielten 2023 mit Casgevy die erste Zulassung. FLASH-RT steht früher in diesem Entwicklungsprozess, aber der Weg ist kartiert.

Bis zur FRATHEA-Studie 2028

FLASH-RT ist derzeit in keinem Land für den allgemeinen klinischen Einsatz zugelassen. Alle bisherigen Behandlungen laufen unter Ausnahmegenehmigungen für klinische Studien. Die laufende LANCE-Studie testet erstmals FLASH-RT randomisiert gegen konventionelle Bestrahlung bei Hautkrebs. Ergebnisse werden frühestens 2027 erwartet.

Drei Fragen bleiben offen. Erstens: Tritt der FLASH-Effekt bei allen Tumorarten und Bestrahlungsarten gleichermaßen auf? Zweitens: Wie sind die genauen Dosisraten zu standardisieren? Die Dosimetrie bei ultrahohen Dosisraten ist technisch anspruchsvoll, weil herkömmliche Messgeräte bei diesen Geschwindigkeiten versagen. Drittens: Wann wird die Methode für ärmere Länder erschwinglich? Die benötigten Geräte sind komplex und teuer.

Der Fahrplan für die nächste Entscheidungsphase: Der FRATHEA-Beschleuniger am Institut Curie soll in den nächsten Jahren gebaut werden, klinische Studien starten 2028 bis 2029. Das Institut Curie ist eines der größten Krebsforschungszentren Europas und behandelt jährlich über 50.000 Patienten. Die Ergebnisse dieser Studien werden maßgeblich bestimmen, ob FLASH-RT in diesem Jahrzehnt zur Standardtherapie wird.

Quellen (7)

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