58 Prozent erneuerbar: Der Rekord und die Lücke im Meer
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58 Prozent erneuerbar: Der Rekord und die Lücke im Meer

Im ersten Halbjahr 2026 deckten erneuerbare Energien 58 Prozent des deutschen Stroms, ein neuer Rekord. Die Photovoltaik liefert, Offshore-Wind nicht: Das 30-Gigawatt-Ziel für 2030 ist kaum noch erreichbar.

6. Juli 2026, 18:41 Uhr 764 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im ersten Halbjahr 2026 stammten 58 Prozent des deutschen Stroms aus erneuerbaren Quellen. Laut Berechnungen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Baden-Württemberg (ZSW) ist das ein neuer Rekordwert, 2,2 Prozentpunkte über dem Vorjahreszeitraum. Der Jubel hat eine Einschränkung: Auf See fehlen fast 20 Gigawatt zum 2030-Ziel, das Zubautempo reicht nicht annähernd und das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie erwartet die gesetzlich vorgeschriebene 30-Gigawatt-Marke frühestens 2031.

Was BDEW und ZSW für das Halbjahr gemessen haben

Erneuerbare Energiesysteme erzeugten laut BDEW und ZSW im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 152,2 Milliarden Kilowattstunden. Die Photovoltaik setzte dabei den deutlichsten Akzent: Mit 43,2 Milliarden Kilowattstunden erreichte sie ein Allzeithoch, 10 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Beim Zubau legte die Solarenergie im ersten Halbjahr 8,3 Gigawatt an neuer Kapazität zu, nach 7,8 Gigawatt im ersten Halbjahr 2025.

Die Windenergie leistete einen starken Beitrag: Onshore kamen 2,5 Gigawatt neue Kapazität hinzu, nach 2,2 Gigawatt im Vorjahreszeitraum. Offshore wurden im ersten Halbjahr 0,9 Gigawatt neu installiert, im gesamten Jahr 2025 waren es nur 0,5 Gigawatt gewesen. Auf den ersten Blick sieht das nach einer deutlichen Beschleunigung aus. Auf den zweiten Blick offenbart sich das eigentliche Problem.

Solar und Onshore liefern, Offshore hängt hinterher

Das Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG) schreibt 30 Gigawatt installierte Offshore-Kapazität bis Ende 2030 vor. Aktueller Stand laut Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie: 10,2 Gigawatt. Fehlende Kapazität: 19,8 Gigawatt. Verbleibende Zeit: viereinhalb Jahre. Hochgerechnet auf das aktuelle Zubautempo aus dem ersten Halbjahr ergibt sich ein Jahrespfad von 1,8 Gigawatt. Um 30 Gigawatt bis Ende 2030 zu erreichen, wären im Jahresmittel 4,4 Gigawatt nötig, mehr als das Doppelte des aktuellen Tempos.

Kai Trümpler, Abteilungsleiter Raumordnung beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), formulierte es direkt: Deutschland werde das Ausbauziel von 30 Gigawatt bis Ende 2030 wahrscheinlich nicht erreichen. Das BSH erwartet die 30-Gigawatt-Marke erst 2031 oder 2032. Das für 2035 geplante Ziel von 42 Gigawatt werde dagegen voraussichtlich bereits 2034 übertroffen, die Kurve ist also steil, aber sie startet zu spät.

Der Bundesverband WindEnergie bestätigt die Einschätzung: Statt 30 Gigawatt seien bis 2030 realistisch nur rund 20 Gigawatt erreichbar. Damit bliebe ein strukturelles Defizit von 10 Gigawatt genau in dem Jahr, in dem die Bundesregierung 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen anstrebt.

Warum der Netzanschluss das Kernproblem bleibt

Hinter dem Offshore-Rückstand steckt ein spezifisches Problem: Windparks auf See können erst Strom liefern, wenn Seekabel sie mit dem Festlandnetz verbinden. Für diese Infrastruktur sind die Übertragungsnetzbetreiber zuständig, nicht die Windparkbetreiber. Verzögerungen beim Netzanschluss und fehlende Gebote in Ausschreibungsrunden haben das Tempo seit Jahren gebremst. Im August 2025 gab es in einer Ausschreibungsrunde keine einzigen Gebote, was das BSH als Signal für strukturelle Investitionshindernisse wertet.

Anfang Juli 2026 erwarb die staatliche KfW im Auftrag des Bundes eine Minderheitsbeteiligung von 25,1 Prozent an TenneT Deutschland, dem wichtigsten Betreiber der Offshore-Anbindungskabel in der Nord- und Ostsee. Ob staatliche Kontrolle den Anschlusstakt tatsächlich beschleunigt, ist in der Branche strittig. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) fordert für 2026 nicht nur mehr Investitionen, sondern eine grundlegende Vereinfachung der Genehmigungsverfahren: Das Ausbautempo müsse sich verdoppeln, um die Klimaziele nicht dauerhaft zu gefährden.

Was der Winterstromhorizont 2030 bedeutet

Die 58 Prozent des ersten Halbjahres enthalten eine saisonale Komponente, die oft übersehen wird: Der Winter liefert für Solar wenig, für Wind viel. Solange Offshore-Wind in großem Umfang fehlt, ist die 80-Prozent-Jahresquote für 2030 strukturell schwer haltbar. Photovoltaik auf dem Rekordniveau des ersten Halbjahres liefert in den Dezember- und Januarmonaten nur einen Bruchteil dieser Menge. Onshore-Wind an Binnenstandorten ist gegenüber Offshore-Wind begrenzt durch schlechtere Windverhältnisse und geringere Auslastungszeiten.

Das BSH-Szenario mit 20 Gigawatt Offshore bis 2030 statt 30 Gigawatt entspricht einer Lücke von rund 10 Gigawatt, die in Stunden ausgedrückt an windreichen Wintertagen fehlt. Die Zahl klingt abstrakt, bis man sie mit dem deutschen Winternachtbedarf von 60 bis 70 Gigawatt vergleicht: Dann bedeutet das strukturell eine um 15 Prozent niedrigere erneuerbare Grundabdeckung als politisch geplant.

Für den Sommer 2026 ist das kein Problem, die Photovoltaik-Rekorde kaschieren die Offshore-Lücke. Wenn der Winter kommt, wird sie sichtbar.

Quellen (8)

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