Elf Milliarden gegen Europas Cloud-Abhängigkeit
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Elf Milliarden gegen Europas Cloud-Abhängigkeit

Vier von fünf digitalen Technologien, die Europa nutzt, kommen aus den USA oder China. Die Schwarz Gruppe und die Deutsche Telekom starten Milliardenprojekte für eine eigene europäische KI-Infrastruktur, während das Vorzeigeprojekt Gaia-X als gescheitert gilt.

1. Juni 2026, 3:00 Uhr 791 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wer in Europa KI-Rechenleistung braucht, mietet sie bei Amazon, Microsoft oder Google. Wer Chips bestellt, wartet auf Lieferungen aus Taiwan oder Südkorea. Jetzt setzt die Schwarz Gruppe mit einem Rechenzentrum für elf Milliarden Euro in Brandenburg dagegen: ein europäischer Anbieter, der es mit den US-Giganten aufnehmen will. Wie realistisch das ist, zeigt ein Blick auf das, was Europa mit Gaia-X schon einmal versucht hat.

Das Ausmaß der digitalen Abhängigkeit

Über 80 Prozent der in Europa genutzten Digitaltechnologien werden importiert. Im Cloud-Markt dominieren US-Anbieter rund 66 Prozent des europäischen Geschäfts. Bei Halbleitern ist Europas Anteil an der globalen Fertigung auf etwa zehn Prozent gefallen, in den 1990er Jahren lag er noch bei 25 Prozent.

Das Problem ist nicht nur wirtschaftlich. Der US-amerikanische Cloud Act erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten europäischer Unternehmen, auch wenn diese Daten auf Servern in Europa liegen. Die Lieferkettenkrisen während der Pandemie haben vorgeführt, was passiert, wenn Europa plötzlich keinen Zugriff auf Chips hat: Automobilfabriken standen still, Krankenhäuser warteten auf medizinische Geräte. Die EU-Kommission nennt diese Abhängigkeit seither einen strategischen Risikofaktor.

Zwei Großprojekte, eine Strategie

Am 4. Februar 2026 eröffnete die Deutsche Telekom in Münchens Tucherpark Deutschlands erste KI-Industrie-Cloud. Die Industrial AI Cloud umfasst laut Telekom-Angaben knapp 10.000 NVIDIA-Blackwell-GPUs und erreicht eine Rechenleistung von bis zu 0,5 ExaFLOPS. Partner sind neben NVIDIA das Rechenzentrum Polarise sowie Siemens, das seine SimCenter-Simulationssoftware integriert. Vorgesehene Anwendungen: Qualitätssicherung in der Fertigung, vorausschauende Wartung und industrielle KI-Assistenten für Unternehmen im deutschsprachigen Raum.

Noch größer ist das Vorhaben der Schwarz Gruppe im brandenburgischen Lübbenau im Spreewald. Der Mutterkonzern von Lidl und Kaufland investiert nach eigenen Angaben rund elf Milliarden Euro in ein KI-Rechenzentrum mit einer Anschlussleistung von 200 Megawatt und bis zu 100.000 KI-Spezialchips. Grundsteinlegung war am 17. November 2025, die ersten drei Module sollen bis Ende 2027 in Betrieb gehen. Die Abwärme des Rechenzentrums soll ab 2028 das städtische Fernwärmenetz in Lübbenau speisen. Die Schwarz Gruppe, die intern unter dem Markennamen Schwarz Digits agiert, will sich damit als europäischer Hyperscaler positionieren: ein europäischer Anbieter, der in der Kapazität mit Amazon Web Services und Microsoft Azure konkurrieren kann.

Auf regulatorischer Ebene treibt die EU-Kommission mehrere Vorhaben gleichzeitig voran. Der European Chips Act soll Europas Halbleiteranteil bis 2030 von etwa zehn auf 20 Prozent verdoppeln und hat nach EU-Angaben bisher über 80 Milliarden Euro an Investitionen in der Branche ausgelöst. Der Digital Markets Act und neue Cloud-Regulierungen sollen US-Hyperscalern Schranken setzen und europäischen Alternativen Marktchancen öffnen.

Gaia-X als warnendes Beispiel

Europas digitale Ambitionen sind nicht neu und sie sind schon einmal gescheitert. Das 2019 gestartete deutsch-französische Cloud-Projekt Gaia-X sollte eine europäische Alternative zu US-Hyperscalern werden. Das Ergebnis ist ernüchternd: Microsoft, Amazon und Google wurden selbst Mitglieder der Initiative. Frank Karlitschek, Gründer und Chef von Nextcloud, einem der wenigen erfolgreichen europäischen Cloud-Anbieter, kommt zu dem Schluss: Gaia-X sei tot, weil von dem Projekt schlicht nicht mehr viel übrig sei. Das Handelsblatt bezeichnete das Vorhaben 2023 als Problemfall.

Beim neuen Chips Act sind ähnliche Zweifel angebracht. Der Europäische Rechnungshof kommt in einer Bewertung zu dem Schluss, dass das 20-Prozent-Ziel mit den derzeitigen Maßnahmen nicht erreichbar ist. Private Investitionen seien zu gering, mehrere angekündigte Halbleiterprojekte seien eingefroren oder nie realisiert worden. Das GIGA Hamburg, das Deutsche Institut für Globale und Regionale Studien, warnt, vollständige technologische Entkopplung sei unrealistisch: Europas Unternehmen arbeiteten in globalen Lieferketten, die sich nicht einfach neu aufbauen lassen.

Die EU-Kommission räumt selbst ein, dass es nicht um Autarkie geht. Das offizielle Ziel lautet strategische Rekalibrierung: Europa solle in kritischen Bereichen eigenständig werden, in anderen kooperativ bleiben. Diese Differenzierung ist realistischer als ein vollständiger Bruch mit US-Anbietern. Sie macht es aber schwieriger, gegenüber Bürgern und Unternehmen zu erklären, was Souveränität konkret bedeutet und woran man messen kann, ob sie erreicht wurde.

Bis Ende 2027 liefert Lübbenau den ersten Praxistest

Das Schwarz-Rechenzentrum in Lübbenau ist der erste Moment, an dem sich zeigen wird, ob ein europäischer Hyperscaler funktioniert. Ende 2027, wenn die ersten Module in Betrieb gehen, werden Unternehmen entscheiden, ob sie ihre Workloads von AWS oder Azure zu Schwarz Digits verlagern. Der entscheidende Faktor wird der Preis sein: US-Hyperscaler können durch Skaleneffekte günstige Tarife anbieten, die ein noch im Aufbau befindliches europäisches Angebot kaum unterbieten kann.

Parallel überarbeitet die EU-Kommission noch 2026 den Chips Act, nachdem klar ist, dass das 20-Prozent-Ziel im bisherigen Tempo verfehlt wird. Ob die neue Version verbindlichere Ziele setzt oder lediglich Fristen verschiebt, wird über den Ernst der europäischen Souveränitätsstrategie entscheiden. Das Muster aus Gaia-X hat gezeigt: Gut klingende Ziele und europäische Kooperationsorgane reichen nicht aus, wenn US-Anbieter schneller, billiger und benutzerfreundlicher sind.

Quellen (12)

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