Darmkrebs: Kein Rückfall nach 33 Monaten Immuntherapie
Von den rund 60.000 Deutschen, die jährlich an Darmkrebs erkranken, trägt jeder zehnte bis fünfzehnte einen Tumor mit einem bestimmten genetischen Defekt: Das zelluläre DNA-Reparatursystem fehlt. Dieser sogenannte MMR-defiziente Subtyp wird bisher wie alle anderen Darmkrebsfälle behandelt, Operation plus monatelange Chemotherapie, obwohl er immunologisch grundlegend anders funktioniert. Die NEOPRISM-CRC-Studie des University College London hat jetzt gezeigt, was passiert, wenn diese Patienten stattdessen neun Wochen lang ein Immunpräparat erhalten: Von 32 Teilnehmern erlitt nach fast drei Jahren Nachverfolgung keiner einen Rückfall.
Was der MMR-Subtyp bedeutet
Nicht alle Darmkrebsfälle sind gleich. Die Patienten in der Studie litten an einem Kolorektalkarzinom im Stadium 2 oder 3 mit einer spezifischen genetischen Eigenschaft: Ihr Tumor war sogenannt MMR-defizient beziehungsweise MSI-hoch. MMR steht für Mismatch Repair, das zelluläre Reparatursystem für fehlerhafte DNA-Stellen. Fehlt dieses System, häufen sich in der Tumorzelle Mutationen an. Das klingt zunächst gefährlich, ist es für die Immuntherapie aber paradoxerweise günstig: Viele Mutationen bedeuten viele körperfremde Eiweiße auf der Zelloberfläche, sogenannte Neoantigene, die das Immunsystem als fremd erkennen und angreifen kann.

Der MMR-defiziente Subtyp betrifft nach Angaben der UCL-Forscher rund zehn bis fünfzehn Prozent aller Darmkrebsfälle; in Großbritannien sind das etwa 2.000 bis 3.000 Patienten jährlich. In Deutschland erkranken jährlich rund 60.000 Menschen an Darmkrebs; hochgerechnet würden also bis zu 9.000 von ihnen in diese Gruppe fallen.
Was die Studie zeigt
Laut der auf dem AACR Annual Meeting 2026 in San Diego vorgestellten Daten erhielten alle 32 Studienpatienten bis zu neun Wochen lang das Checkpointimmunpräparat Pembrolizumab vor der planmäßigen Operation. Der Checkpointinhibitor blockiert das Protein PD-1 auf T-Zellen und hebt damit die Bremse des Immunsystems gegenüber Tumorzellen auf. Nach Behandlung und Operation zeigten 59 Prozent der Patienten keine nachweisbaren Krebszellen mehr. Bei der Nachverfolgung über 33 Monate erlitt kein einziger der 32 Patienten einen Rückfall.
Chefermittler Dr. Kai-Keen Shiu vom UCL Cancer Institute und UCLH beschrieb den Befund als “extremely encouraging”: Dass kein Patient nach fast drei Jahren eine Krebswiederholung erlebt habe, belege die Wirksamkeit des Ansatzes. Neben Shiu leitete Professor Marnix Jansen die translationalen Forschungsarbeiten; Yanrong Jiang zeichnete als Erstautorin der Studie verantwortlich.
Zusätzlich entwickelten die Forscher einen personalisierten Bluttest, der zirkulierende Tumor-DNA im Blut nachweist. Verschwand diese DNA während der Pembrolizumabphase, korrelierte das laut UCL direkt mit dem Befund nach der Operation: Patienten ohne Tumor-DNA im Blut hatten anschließend signifikant häufiger keinen nachweisbaren Resttumor. Beteiligt waren fünf britische Kliniken sowie das Biotechnologieunternehmen Personalis für die genomische Analyse.
Im Vergleich: Checkpointinhibitoren und andere Behandlungsdurchbrüche
Der Einsatz von Checkpointinhibitoren wie Pembrolizumab ist kein völlig neues Konzept, aber der voroperative Einsatz bei Darmkrebs in diesem Umfang schon. Bei Lungenkrebs hat Pembrolizumab seit seiner Zulassung durch die FDA im Jahr 2016 die Fünfjahresüberlebensrate bei bestimmten Subgruppen von unter fünf auf über 23 Prozent angehoben; bei Melanompatienten mit PD-L1-Expression liegt die Fünfjahresüberlebensrate mit Pembrolizumab laut einer 2019 publizierten Keynote-001-Langzeitstudie bei 34 Prozent, verglichen mit unter zehn Prozent bei früheren Chemotherapieprotokollen.

Einen strukturell ähnlichen Paradigmenwechsel erlebte die Medizin 2014 mit der Zulassung der ersten direkt wirkenden antiviralen Mittel gegen Hepatitis C. Zuvor bedeutete eine chronische Hepatitis-C-Infektion monatelange Interferontherapie mit starken Nebenwirkungen und einer Heilungsrate von maximal 50 Prozent. Die neuen Medikamente heilten über 95 Prozent der Patienten in acht bis zwölf Wochen. Das Prinzip ist vergleichbar: Ein präzises Mittel, das auf eine molekulare Schwachstelle des Krankheitsprozesses zielt, ersetzt eine breite, belastende Behandlung.
Noch direkter vergleichbar ist ein 2022 in The New England Journal of Medicine publizierter Befund aus der Studie von Dr. Andrea Cercek am Memorial Sloan Kettering Cancer Center: Bei den behandelten Patienten mit einem lokal fortgeschrittenen, MMR-defizienten Rektumkarzinom führte ausschließlich Dostarlimab, ebenfalls ein PD-1-Inhibitor, ohne Operation oder Bestrahlung bei allen zu einer vollständigen klinischen Remission. Die NEOPRISM-CRC-Studie bestätigt damit für das breitere Dickdarmkarzinom der Stadien 2 und 3, was Cerceks kleinere Studie für das Rektum angedeutet hatte.
Was diesen Erfolg auf mehr Patienten ausweiten würde
Die Studie hat bislang 32 Teilnehmer und keine Kontrollgruppe mit zufälliger Zuweisung zu den Behandlungsarmen; das ist der klassische Maßstab in der Onkologie. Ohne eine randomisiert kontrollierte Studie mit mehreren Hundert Patienten lässt sich nicht ausschließen, dass die Kohorte günstiger zusammengesetzt war als der Durchschnitt. Dr. Shiu selbst deutete an, dass der nächste Schritt darin bestehe, Patienten anhand des Bluttests und der Immunprofilierung aus dem Tumorgewebe noch feiner zu stratifizieren: Wer gut anspricht, braucht möglicherweise weniger Behandlung; wer ein höheres Rückfallrisiko trägt, profitiert von ergänzenden Maßnahmen.
Für eine breite Zulassung müsste Pembrolizumab als präoperative Standardtherapie in einer größeren Phase-III-Studie erprobt werden. Vergleichbare Studien dauern in der Onkologie typischerweise fünf bis sieben Jahre bis zur regulatorischen Entscheidung. Eine Beschleunigung wäre möglich, wenn die europäische Arzneimittelbehörde EMA oder die FDA dem Ansatz den Status einer Breakthrough Therapy Designation zuweisen, was eine engere Begleitung und schnellere Prüfverfahren ermöglicht. Ob das beantragt wurde, gaben UCL oder Pembrolizumabhersteller MSD bislang nicht bekannt.
Für die rund 9.000 deutschen Darmkrebspatienten mit MMR-defizientem Tumor könnte das bedeuten: statt sechs Monaten Chemotherapie neun Wochen Immuntherapie und danach möglicherweise kein Rückfall. Bis das zur Leitlinientherapie wird, sind weitere Belege nötig. Die Nulllinie bei den Rückfällen nach 33 Monaten ist ein starkes Argument dafür, diese Belege zügig zu sammeln.
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