Studie: Antidepressivum lindert Long-Covid-Erschöpfung
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Studie: Antidepressivum lindert Long-Covid-Erschöpfung

Eine randomisierte Studie mit 399 Long-Covid-Patienten zeigt: Das Antidepressivum Fluvoxamin reduziert die lähmende Erschöpfung messbar und haltbar bis mindestens 30 Tage nach Therapieende. Es ist das erste pharmakologische Mittel, das in einer großen kontrollierten Studie einen robusten Effekt gegen Long-Covid-Fatigue nachweist.

20. Juli 2026, 17:01 Uhr 860 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Millionen Long-Covid-Patienten leiden unter einer Erschöpfung, für die es bislang keine zugelassene Behandlung gibt. Eine große randomisierte Studie liefert jetzt den ersten pharmakologischen Ansatz: Das Antidepressivum Fluvoxamin, seit Jahrzehnten in der Psychiatrie eingesetzt, reduziert diese Fatigue messbar. Und der Effekt hält auch 30 Tage nach Behandlungsende an.

Die Ergebnisse der REVIVE-TOGETHER-Studie wurden am 31. März 2026 in den Annals of Internal Medicine veröffentlicht, einer der renommiertesten Medizinzeitschriften der Welt.

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Ein bekanntes Medikament als Kandidat

Fluvoxamin kam in den 1990er-Jahren auf den Markt, sein Patent ist längst abgelaufen. In Deutschland und weltweit wird es zur Behandlung von Zwangsstörungen und schweren Depressionen eingesetzt, ein Monat Therapie kostet wenige Euro. Für Long-Covid-Forscher macht genau das den Wirkstoff attraktiv: Wenn er hilft, steht eine Behandlung sofort global zur Verfügung, ohne neue Zulassungsverfahren und ohne prohibitive Kosten.

Was Fluvoxamin von anderen Antidepressiva unterscheidet, ist seine zusätzliche Wirkung auf sogenannte Sigma-1-Rezeptoren. Diese Rezeptoren sitzen an der Schnittstelle von Immunregulation und zellulärem Stressmanagement. Im Labor hemmt Fluvoxamin über diesen Weg die Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen und reduziert Zytokindysregulation. Bei akuter Covid-19-Erkrankung hatte das Mittel in früheren Studien das Hospitalisierungsrisiko gesenkt. Ob derselbe Mechanismus bei chronischer Long-Covid-Fatigue greift, war die Frage der REVIVE-TOGETHER-Studie.

757.000 Betroffene in Deutschland ohne kausale Therapie

Ende 2025 lebten in Deutschland 757.000 Menschen mit Long Covid, weltweit sind es nach Schätzungen mehr als 65 Millionen. Das prägende Symptom: eine lähmende Erschöpfung, die Betroffene oft über Jahre davon abhält, zu arbeiten oder alltägliche Aufgaben zu erledigen. Diese Fatigue ist kein gewöhnliches Müdigkeitsgefühl, sondern ein neurologisch-immunologisches Phänomen, das durch Anstrengung häufig schlimmer wird.

Die Versorgungslage ist eng. In Deutschland gibt es 112 spezialisierte Long-Covid-Ambulanzen, deren Angebot sich auf symptomatisches Management beschränkt: Physiotherapie, angepasstes Aktivitätstraining, Schlafmedizin. Eine Behandlung, die kausal an der Fatigue ansetzt, existiert nicht. Die Bundesregierung hat für 2026 bis 2036 zwar 500 Millionen Euro für ein Nationales Jahrzehnt gegen post-infektiöse Erkrankungen zugesagt. Konkrete Therapien daraus sind frühestens in Jahren zu erwarten.

399 Patienten, drei Arme, Brasilien

Die REVIVE-TOGETHER-Studie teilte 399 Erwachsene mit anhaltender Fatigue von mindestens 90 Tagen nach bestätigter SARS-CoV-2-Infektion in drei Gruppen auf: Fluvoxamin (100 mg zweimal täglich), Metformin (ein Diabetesmedikament mit theoretisch entzündungshemmender Wirkung) und Placebo. Die Teilnehmer stammten aus 22 ambulanten Kliniken in Belo Horizonte und dem Bundesstaat Minas Gerais. Die Behandlung dauerte 60 Tage, die Nachbeobachtung bis Tag 90.

Gemessen wurde auf der Fatigue Severity Scale (FSS), einer Selbstbewertungsskala mit neun Fragen, bewertet von 1 bis 7. Ein Wert über 4 gilt als klinisch bedeutsam; gesunde Erwachsene kommen im Schnitt auf 2,3 Punkte.

Die Ergebnisse für Fluvoxamin sind eindeutig: An Tag 60 verbesserte sich die FSS in der Fluvoxamin-Gruppe gegenüber Placebo um 0,43 Punkte. Die statistische Gewissheit, dass Fluvoxamin Placebo übertrifft, beziffern die Forscher auf 99 Prozent. Bemerkenswerter noch: An Tag 90, also 30 Tage nach Behandlungsende, hatte sich der Unterschied zur Placebo-Gruppe auf 0,58 Punkte vergrößert. Der positive Effekt verstärkte sich also noch nach Ende der Therapie. Auch die Lebensqualität verbesserte sich in mehreren Dimensionen.

Metformin zeigte keinen messbaren Nutzen. Dieses Ergebnis unterstreicht die Spezifität des Fluvoxamin-Effekts: Nicht jede entzündungshemmende Substanz hilft gegen Long-Covid-Fatigue.

Was die Studie nicht erklärt

Die Ergebnisse kommen mit einem wesentlichen Vorbehalt: Die Studie erfasste keine biologischen Marker, keine Entzündungswerte im Blut, keine Immunparameter. Die Forscher können nicht sagen, ob Fluvoxamin tatsächlich in die Ursachen der Long-Covid-Fatigue eingreift oder ob die Verbesserung über andere Wege zustande kommt. Die Autoren schreiben selbst, die beobachteten Vorteile könnten eher Verbesserungen des allgemeinen Wohlbefindens und der Symptomwahrnehmung widerspiegeln als eine Modifikation der zugrunde liegenden Erkrankungsbiologie.

Hinzu kommt: Alle Teilnehmer stammten aus Brasilien. Ob die Ergebnisse auf europäische Patienten, die anderen Infektionswellen ausgesetzt waren und oft andere Begleiterkrankungen mitbringen, übertragbar sind, ist offen. Die ME Association weist außerdem darauf hin, dass ein verwandtes Medikament, Fluoxetin, in Studien bei Patienten mit Myalgischer Enzephalomyelitis und Chronischem Fatigue-Syndrom die Erschöpfung nicht reduziert hat. Nicht alle Erschöpfungserkrankungen sprechen gleich auf Serotonin-aktive Substanzen an.

Im Vergleich: Wie andere chronische Infektionskrankheiten Therapie fanden

Wie lang der Weg von einer ersten positiven Studie zur etablierten Therapie sein kann, zeigt die Geschichte anderer chronischer Infektionskrankheiten. Hepatitis C galt bis in die frühen 2000er-Jahre als schwer behandelbar: Interferon-basierte Therapien halfen nur einem Teil der Patienten und hatten erhebliche Nebenwirkungen. Ab 2014 kamen direkte antivirale Wirkstoffe auf den Markt, die Heilungsraten von über 95 Prozent erreichen, oral, in wenigen Wochen, mit wenigen Nebenwirkungen. Von den ersten Wirksamkeitssignalen bis zur klinischen Routine vergingen etwa zehn Jahre.

Bei HIV verlief es ähnlich: 1996 zeigte die hochaktive antiretrovirale Kombinationstherapie, dass die Viruslast dauerhaft unterdrückt werden kann. Heute haben HIV-positive Menschen in Industrieländern mit leitliniengerechter Therapie eine Lebenserwartung nahezu wie die Allgemeinbevölkerung. Der Weg war nicht linear. Er brauchte viele Folgestudien, schrittweise Optimierungen und erheblichen politischen Druck.

Für Long Covid bedeutet das: Die REVIVE-TOGETHER-Studie ist kein Endpunkt, sondern ein Startpunkt.

Drei Bedingungen, bevor Fluvoxamin in die Versorgung kommt

Damit das Mittel tatsächlich in der Regelversorgung von Long-Covid-Patienten ankommt, müssen mindestens drei Bedingungen erfüllt sein.

Erstens: Reproduktion in anderen Bevölkerungsgruppen. Eine Studie aus Brasilien ist ein Signal, kein Beweis. Studien in Europa und Nordamerika müssen zeigen, ob der Effekt stabil bleibt.

Zweitens: Biomarker-Analysen. Ohne biologische Korrelate lässt sich weder erklären, warum Fluvoxamin wirkt, noch vorhersagen, welche Patienten profitieren. Kliniken, die das Mittel unkritisch verschreiben, riskieren, Patienten zu behandeln, für die es nicht geeignet ist.

Drittens: Ärztliche Begleitung. Fluvoxamin hat Wechselwirkungen und Absetzsymptome, die ärztliche Aufsicht erfordern. In der Studie lag die Rate unerwünschter Ereignisse in der Fluvoxamin-Gruppe bei 20 Prozent, überraschend niedriger als in der Placebo-Gruppe mit 29,7 Prozent. Dieses Ergebnis ist selbst noch nicht verstanden und zeigt, wie viel die Forschung noch zu klären hat.

Patienten sollten das Mittel nicht auf eigene Faust einnehmen. Fluvoxamin ist bislang für keine Long-Covid-Indikation zugelassen. Was die Studie getan hat: Sie hat das erste überzeugende pharmakologische Signal gesetzt und damit den Boden für die nächste Phase der Forschung bereitet.

Quellen (11)

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