Milliarden versenkt: Pistorius stoppt Fregatte F126
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Milliarden versenkt: Pistorius stoppt Fregatte F126

Verteidigungsminister Pistorius beendet das teuerste Marine-Beschaffungsprojekt der Bundesrepublik. Statt 18 Milliarden Euro für sechs nie gebaute Fregatten sollen nun acht MEKO-Schiffe für 11,6 Milliarden Euro kommen.

25. Juni 2026, 7:07 Uhr 620 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Über 2,3 Milliarden Euro sind bereits geflossen, die Kosten hätten sich auf rund 18 Milliarden verdoppelt und kein einziges Schiff steht zu Wasser: Verteidigungsminister Boris Pistorius hat am Mittwoch das Aus für die Fregatte F126 erklärt. Es ist die bislang teuerste Beschaffungspanne in der Geschichte der Bundeswehr.

Wie das Milliardenprojekt entgleiste

Das Vorhaben begann 2020 mit großen Ambitionen. Das Bundesverteidigungsministerium bestellte beim niederländischen Unternehmen Damen Schelde Naval Shipbuilding sechs Fregatten der sogenannten Niedersachsen-Klasse: Mehrzweckschiffe für U-Boot-Abwehr, Flugabwehr und Überwasserkampf. Ursprünglicher Kaufpreis: rund 10 Milliarden Euro. Es war der größte Marinebeschaffungsauftrag, den Deutschland je vergeben hatte.

Was folgte, ist eine Chronik des Versagens. Damen Naval konnte die vereinbarten Zeitpläne und Budgets nicht halten. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr nennt als Hauptursache Probleme bei der Einführung neuer IT-Systeme durch den Auftragnehmer. Als das Ministerium neu verhandelte, zeigte sich das Ausmaß der Misere: Der Preis für sechs Fregatten stieg in den Neuverhandlungen auf 15,2 Milliarden Euro. Pistorius schätzte, dass die Gesamtkosten bei weiterer Projektdurchführung auf rund 18 Milliarden Euro geklettert wären, fast das Doppelte des ursprünglichen Preisrahmens.

Hinzu kamen massive Verzögerungen. Die erste Fregatte war für Mitte 2028 geplant. Damen lag so weit hinter dem Zeitplan, dass selbst Neuverhandlungen keine verlässliche Perspektive boten. Pistorius erklärte deshalb am 24. Juni die Beendigung des Projekts und kündigte Schadensersatzansprüche gegen Damen Naval an.

CDU mahnt Tempo, AfD fordert Untersuchungsausschuss

Thomas Röwekamp, CDU-Abgeordneter und Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Bundestag, stellt sich hinter die Entscheidung, fordert aber Eile: Die Marine könne bei der aktuellen Sicherheitslage keinen langen Stillstand bei einem zentralen Rüstungsprojekt verkraften.

AfD-Abgeordneter Hannes Gnauck, Mitglied des Verteidigungsausschusses, sieht sich bestätigt. Seine Fraktion habe bereits 2020 gewarnt, die Gesamtverantwortung für das wichtigste Marineprojekt an einen niederländischen Auftragnehmer auszulagern. Deutschland habe mit TKMS (ThyssenKrupp Marine Systems) einen erfahrenen Hersteller gehabt, der übergangen worden sei. Das F126-Debakel sei nicht nur ein sicherheitspolitisches, sondern auch ein industriepolitisches Versagen, sagte Gnauck. Die AfD-Fraktion hat einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss gefordert.

Das Muster hat Tradition. Der Bundesrechnungshof hatte die unzureichende Kostenkontrolle bei Rüstungsprojekten der Bundeswehr zuletzt in seinem Bericht 2024 scharf kritisiert. Mit dem abgebrochenen Aufklärungsdrohnenprojekt Euro Hawk (2013), den wiederholten Pannen beim Schützenpanzer Puma und der F126 häufen sich Fälle, in denen Milliarden in Projekte flossen, die grundlegend scheiterten.

Acht MEKO-Fregatten: mehr Schiffe, niedrigerer Preis

Statt sechs F126-Fregatten sollen nun acht Fregatten vom Typ MEKO A-200 beschafft werden, produziert von TKMS. Der Gesamtpreis: 11,6 Milliarden Euro. Das ist weniger, als die sechs F126-Schiffe gekostet hätten und liefert zwei Einheiten mehr. Die ersten vier sollen 6,3 Milliarden Euro kosten; für vier weitere besteht eine Option bis Ende 2026 in Höhe von 5,3 Milliarden Euro. Die erste Auslieferung ist für Ende 2029 geplant, nur rund anderthalb Jahre später als der ursprünglich geplante erste F126-Termin.

Der MEKO-Entwurf ist ein bewährtes Design, das seit Jahrzehnten in Varianten für die Marinen Deutschlands, Portugals, Südafrikas und anderer Länder gebaut wird. Das ist seine Stärke und zugleich seine Grenze: Die F126 war für modernere Systeme zur U-Boot-Erkennung konzipiert, darunter fortschrittliche Schleppsonaranlagen. Ob die MEKO-Variante gleichwertige Fähigkeiten liefern kann, ist unter Rüstungsexperten umstritten. Was in der Debatte fehlt, ist die Frage einer europäisch koordinierten Beschaffung: Die EU-Verteidigungsinitiative PESCO sieht genau solche Kooperationen vor, wurde im konkreten Fall aber nicht genutzt.

Haushaltsausschuss muss noch zustimmen

Formell ist die Entscheidung noch nicht besiegelt. Das Verteidigungsministerium will den Antrag beim Haushaltsausschuss des Bundestages so schnell wie möglich stellen. Ohne parlamentarisches Plazet kann der MEKO-Vertrag nicht unterzeichnet werden. Eine Abstimmung noch vor der Sommerpause gilt als Ziel des Ministeriums.

Wie viel von den 2,3 Milliarden Euro über die Schadensersatzklage gegen Damen Naval zurückgeholt werden kann, ist offen. Solche Verfahren dauern Jahre. Für den Steuerzahler steht zunächst ein schwer aufholbarer Verlust. Pistorius hat angekündigt, aus dem F126-Fall Konsequenzen für die Beschaffungspraxis zu ziehen. Wie verbindlich diese Versprechen sind, wird sich zeigen, wenn das nächste Milliardenprojekt dieselben Symptome entwickelt.

Quellen (10)

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