Wasser aus Wüstenluft: Atoco plant Serienproduktion
Omar Yaghi hat zwei Jahrzehnte damit verbracht, Kristallstrukturen mit einer inneren Oberfläche von mehreren Fußballfeldern pro Gramm zu bauen. 2025 erhielt er dafür den Nobelpreis für Chemie. Jetzt soll diese Forschung ein praktisches Wasserproblem lösen: Das Startup Atoco, das Yaghi mitgründete, will noch 2026 Geräte ausliefern, die in Wüstenregionen bei nur 20 Prozent Luftfeuchte täglich bis zu 1.000 Liter sauberes Trinkwasser aus der Luft gewinnen.
Was sind Metallorganische Gerüststrukturen?
Metal-Organic Frameworks (MOFs) sind kristalline Materialien mit einer extrem feinen Porenstruktur. Wenige Gramm MOF-Material haben eine innere Oberfläche von mehreren Fußballfeldern: Die Poren binden Wassermoleküle aus der Umgebungsluft, ähnlich wie ein Schwamm Wasser aufsaugt, aber bei weit niedrigeren Konzentrationen. Das schwedische Nobelpreiskomitee verlieh Yaghi den Nobelpreis für Chemie 2025 gemeinsam mit Susumu Kitagawa und Richard Robson für die Entwicklung dieser Materialklasse. MOFs wurden ursprünglich für Gasspeicherung und Katalyse entwickelt. Die Anwendung zur Wassergewinnung ist eines von mehreren Feldern, in denen sie heute eingesetzt werden.

Wie das Atoco-Gerät konkret funktioniert
Die Maschine arbeitet in zwei Phasen. Zunächst zieht sie Luft durch MOF-Schichten, in denen Wassermoleküle gebunden werden. Sind die Poren gesättigt, heizt das System das Material auf, wobei Solarenergie diese Wärme liefern kann. Das freigesetzte Wasser kondensiert und wird in einem Tank gesammelt. In Tests erbrachte das MOF-Material je nach Standortbedingungen 7 bis 20 Liter Wasser pro Kilogramm Material pro Tag in Trockengebieten wie der Mojave-Wüste; in feuchteren Regionen wie Chennai in Indien waren es bis zu 90 Liter pro Kilogramm. Atoco entwickelt zwei Modelle: ein netzunabhängiges Containermodell für bis zu 1.000 Liter täglich und eine netzgebundene Großanlage für bis zu 4.000 Liter. Genaue Produktionskosten pro Liter hat das Unternehmen noch nicht veröffentlicht.

Im Vergleich: Warum andere Ansätze scheitern
Wasser aus der Luft zu gewinnen ist keine neue Idee. Nebelnetze, wie sie in der Atacama-Wüste und im Bergland Marokkos erprobt werden, sammeln täglich 20 bis 80 Liter pro Netz, aber nur dort wo natürlicher Nebel vorkommt, also an Küsten oder in bestimmten Gebirgslagen. Warka Water, ein äthiopisches passives Konstrukt aus Bambus und Mesh-Material, kommt auf 25 bis 100 Liter täglich, braucht dafür aber Luftfeuchtigkeit von mindestens 50 Prozent. MOF-Systeme funktionieren nach Atoco-Angaben ab 10 bis 20 Prozent relativer Luftfeuchte, also genau dort, wo konventionelle Methoden versagen: in Trockengebieten Nordafrikas, des Nahen Ostens und Zentralasiens. Rund 2,2 Milliarden Menschen hatten 2023 laut UN keinen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser; ein erheblicher Teil lebt in Regionen mit ganzjährig niedrigem Niederschlag.
Der Fahrplan zur Marktreife
Atoco hat laut einem Bericht des Agri Navigator vom Januar 2026 als Ziel ausgegeben, erste kommerzielle Anlagen noch 2026 auszuliefern. Ein konkretes Quartal bestätigte das Unternehmen nicht. Die entscheidende Frage ist der Preis: Für Gemeinden in wasserarmen Regionen des globalen Südens muss das Gerät wirtschaftlich konkurrenzfähig mit dem Bau neuer Brunnen oder Entsalzungsanlagen werden. Als Vergleichspunkt dient die Geschichte der Solarphotovoltaik: 1976 kostete ein Watt Solarkapazität rund 100 US-Dollar; bis 2024 sank der Preis laut dem Energieberatungshaus Lazard auf unter 0,30 Dollar, ein Rückgang um mehr als 99 Prozent in fünfzig Jahren, getrieben durch Skaleneffekte und Lernkurven in der Massenproduktion. Ob MOF-Systeme eine ähnliche Kostenkurve durchlaufen können, hängt entscheidend davon ab, ob Atoco und weitere Hersteller in industrielle Serienproduktion gehen. Für die 2,2 Milliarden Menschen ohne sicheres Trinkwasser wäre das eine der folgenreichsten Fragen der nächsten Jahrzehnte.
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