G7 in Évian: Trump fordert Russland zum Abkommen auf
Das bilaterale Gespräch zwischen Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj galt bis zum letzten Moment als unwahrscheinlich: Zu tief saßen die Spannungen nach dem öffentlichen Streit im Weißen Haus im Februar 2025. Es fand statt. Danach forderte Trump Russland öffentlich auf, ein Abkommen zu schließen, die schärfste Ukraine-Aussage des US-Präsidenten seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus. Der G7-Gipfel in Évian-les-Bains, der am Mittwoch zu Ende ging, hat mehr geliefert als die meisten Beobachter erwartet hatten.
Geburtstag, Telefonat, Kurswechsel
Am Sonntag, Trumps 80. Geburtstag, riefen sowohl Wladimir Putin als auch Wolodymyr Selenskyj an. In beiden Gesprächen wurde der Krieg besprochen. Trump berichtete davon am Montag im Gespräch mit Gastgeber Emmanuel Macron. Über den Inhalt des Putin-Telefonats äußerte sich Trump nicht. Die Wirkung aber war sichtbar: Trump zeigte sich im Lauf des Gipfels bereit, eine gemeinsame G7-Linie zu stärkerem Druck auf Russland zu tragen.
EU-Ratspräsident António Costa formulierte das Ergebnis der Ukraine-Sitzung ungewöhnlich deutlich: Die G7 hätten sich noch nie so einig präsentiert. Zum ersten Mal seien alle sieben Nationen, einschließlich der USA, klar dafür, dass Kiew keine Gebietsabtretungen als Vorbedingung für Verhandlungen akzeptieren müsse. Das ist eine Abkehr von der früheren US-Haltung, die Gespräche ohne Vorbedingungen verlangte - was faktisch bedeutet hätte, Russlands Territorialgewinne als Ausgangspunkt anzuerkennen.
Selenskyjs Rechnung mit Trump als Hebel
In dem bilateralen Gespräch, das nach außen nicht bis zuletzt bestätigt worden war, legte Selenskyj einen konkreten Vorschlag vor: ein Direktgespräch mit Putin in den USA, vermittelt und als Gastgeber ausgerichtet von Trump. Seine Begründung ist strategisch: Wenn Trump die Einladung ausspricht, sei es für Putin politisch schwerer abzulehnen, als wenn Kiew oder Berlin darum bäten. Ein ukrainisches Friedensangebot kann Putin als Schwäche lesen. Eine Einladung Trumps kann er kaum öffentlich ignorieren, ohne die Beziehung zu Washington zu belasten.
Trump äußerte sich zu dem Vorschlag nicht direkt. Er sagte aber, er habe sehr gute Gespräche mit Selenskyj und Putin geführt und fügte hinzu: Russland sollte ein Abkommen schließen. Das ist keine Forderung an Kiew, die er bisher stets ergänzte. Es ist eine Forderung an Moskau. Europas Diplomaten hatten diesen Satz seit Monaten aus Washington erbeten.
Öl-Sanktionen ja, Friedenstruppe nein
Ein gemeinsames Abschlusskommuniqué gibt es nicht. Gastgeber Macron hatte im Vorfeld darauf verzichtet. Die Ergebnisse sind fragmentierter als üblich, aber in einem Punkt eindeutig: Die G7 einigten sich auf eine Wiederinkraftsetzung von Öl-Sanktionen gegen Russland, die in den vergangenen Monaten teilweise ausgesetzt worden waren. Trump trug diese Linie mit. Öl-Sanktionen gegen Russland hatten in seiner zweiten Amtszeit zuvor keine US-Unterstützung gefunden.
Macron brachte in Évian außerdem einen weiteren Plan ein: eine europäische Friedenstruppe für die Ukraine im Falle eines Waffenstillstands, die auch mit US-Rückhalt ausgestattet werden sollte. Das Ergebnis war gemischt. Einige europäische Länder erklärten sich bereit beizutreten. Trump machte jedoch deutlich, dass er keine US-amerikanischen Soldaten in der Ukraine sehen wolle. Eine Friedenstruppe ohne US-Abschreckungswirkung hat gegenüber Russland ein Glaubwürdigkeitsproblem, das Kritiker an ähnliche Zusicherungen im Budapester Memorandum von 1994 erinnert - jene Sicherheitsgarantien, die Russland 2014 und 2022 brach.
35 Nationen, eine offene Frage
Im Hintergrund des Gipfels hat sich in den vergangenen Monaten eine diplomatische Struktur aufgebaut, die weit über die G7 hinausgeht. 35 Nationen - darunter europäische Staaten, Australien, Japan und Neuseeland - bilden die Koalition der Willigen. Die Pariser Erklärung vom Januar 2026 nennt fünf Bedingungen für jeden künftigen Friedensprozess: vollständiger sofortiger Waffenstillstand, robuste Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die aktuelle Kontaktlinie als Ausgangspunkt für Gespräche, kein Territorienverzicht Kiews als Vorbedingung und US-Beteiligung an den Garantien.
Dieser letzte Punkt bleibt offen. Trump hat US-Truppen ausgeschlossen. Was eine US-Beteiligung an Sicherheitsgarantien ohne Truppenpräsenz konkret bedeutet - ob etwa automatische Sanktionsmechanismen, Waffenlieferungsversprechen oder politische Beistandsklauseln, wurde in Évian nicht ausformuliert. Das ist die Aufgabe für den 13. und 14. Juli.
Putin hat noch nicht Nein gesagt
Russland hat auf den Gipfel bislang nicht offiziell reagiert. Kremlsprecher Dmitrij Peskow bezeichnete westliche Positionen zur Ukraine zuletzt als nicht konstruktiv - eine Formulierung, die Gesprächsverweigerung signalisiert, ohne Türen formell zuzuschlagen. Moskau hält seit Monaten an der Position fest, dass Gebietsgewinne nicht verhandelbar seien und westliche Truppen aus der Ukraine fernzubleiben hätten.
Selenskyjs Vorschlag, Putin nach Washington einzuladen, liegt offiziell auf dem Tisch. Eine russische Reaktion darauf steht aus. Das nächste Treffen der Koalition der Willigen am 13. und 14. Juli wird zeigen, ob Trumps seltener Schulterschluss mit den Europäern in Évian eine Einmaligkeit war oder den Beginn einer koordinierteren Gangart gegenüber Moskau markiert. Die Öl-Sanktionen werden nur wirken, wenn asiatische Abnehmer russischen Öls mitziehen - bislang tun sie das nicht.
Aktualisierungen
Update 17. Juni, 07:03 Uhr: Im Nachgang des Gipfels hat Kanada ein konkretes Sanktionspaket angekündigt: Premierminister Mark Carney erklärte beim bilateralen Treffen mit Selenskyj in Évian, Ottawa werde 162 Personen, Entitäten und Schiffe sanktionieren, darunter Akteure der russischen Schattenflotte, der Energiefinanzierung, Rüstungsindustrie und Desinformation. Damit hat Kanada seit Kriegsbeginn mehr als 3.400 Individuen und Entitäten sowie 600 Schiffe mit Sanktionen belegt.
Update 18. Juni, 03:18 Uhr: Das US-Finanzministerium ließ die seit März geltende Ausnahmeregelung für bestimmte russische Rohölexporte am 17. Juni auslaufen. Washington hatte die Regelung im März eingeführt, als Irans Sperrung der Hormuzstraße die globalen Energiepreise in die Höhe trieb. Mit dem Iran-MoU entfällt der Notstandsgrund für diese Ausnahme: Die Meerenge öffnet sich wieder, russisches Öl verliert seinen Sonderstatus. Trump signalisierte beim G7-Gipfel die Bereitschaft zur vollständigen Wiederanwendung der Russland-Sanktionen: „Wir schauen uns das an. Wir sehen, wie weit der Ölpreis fällt." Die Richtung ist klar: Die Entspannung im Mittleren Osten wird zur Verschärfung des Drucks auf Moskau genutzt.
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