
16.000 Wale in Gewässern, die Eis versperrte
Quellen (5)
- Frontiers in Marine Science (Primärstudie)frontiersin.org
- Spektrum der Wissenschaftspektrum.de
- Phys.orgphys.org
- Earth.comearth.com
- Frontiers Newsfrontiersin.org
Bis Mitte der 1990er Jahre kamen Buckelwale und Finnwale an der Ostküste Grönlands bis 70°N praktisch nicht vor. Das Meereis ließ es nicht zu. Heute verbringen dort rund 4.000 Buckelwale, 6.000 Finnwale und 6.000 Zwergwale den Sommer. Was nach einer Erfolgsgeschichte klingt, ist der messbare Beweis für eine fundamentale Umwälzung eines Ökosystems, das sich über Jahrhunderte kaum verändert hatte.
Was die Forscher vor der Grönlandküste zählten
Mads Peter Heide-Jørgensen vom Grönländischen Institut für natürliche Ressourcen und ein internationales Team aus Grönland, Dänemark und Island haben die Ergebnisse am 20. August 2026 in Frontiers in Marine Science veröffentlicht. Die Studie kombiniert mehrere Datenquellen: systematische Befliegungen der ostgrönländischen Küste bis zu 50 Kilometern vom Ufer entfernt in den Sommern 2015 und 2024, ergänzt durch Luftbeobachtungen aus dem Sommer 2022, Berichte Inuit-Jäger aus den Jahren 2023 bis 2025 sowie Schiffssichtungen aus dem Nordatlantischen Sichtungssurvey (NASS), der historische Daten bis 1987 umfasst.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Zahl der Zwergwale hat sich zwischen den Befliegungen 2015 und 2024 mehr als verdoppelt. In den 1980er und 1990er Jahren fanden sich vor der ostgrönländischen Küste kaum Buckel- oder Finnwale. Heute bilden sie einen festen Bestandteil des Sommersgeschehens in Gewässern, die noch vor einer Generation von Eis dominiert wurden.
Warum die Wale jetzt kommen
Der Mechanismus hinter dieser Verschiebung ist mehrstufig. Die Wassertemperatur der Grönlandsee ist laut Primärstudie seit den späten 1990er Jahren um rund ein Grad Celsius gestiegen. Wärmeres, eisfreies Wasser verändert zunächst die Verteilung kleinerer Fische und Kleinkrebstiere. Besonders relevant ist die Lodde, auch Kapelan genannt, ein kleiner Schwarmfisch, der zu den wichtigsten Beutetieren der Bartentwale gehört.
Die Lodde folgt ihren eigenen Nahrungsquellen, die sich in wärmeren, eisfreien Gewässern nach Norden verschieben. Die Bartentwale, also Wale, die ihre Nahrung durch Filtern großer Wassermassen gewinnen, folgen der Lodde. Das Eis war bisher die natürliche Barriere, die diesen Wanderungsweg versperrte. Mit weniger Eis gibt es weniger Barrieren, was laut den Studienautoren zu den massenweisen Sommeraufenthalten führt, die heute beobachtet werden.
Was das für das bestehende Ökosystem bedeutet
Die Studie beschreibt den Wandel ohne Euphemismen: Ostgrönland durchläuft einen massiven ökologischen Regimewechsel. Bartentwale sind temperate Arten, die normalerweise Eisgewässer meiden. Wenn sie nun dauerhaft in Gewässern auftauchen, die bis vor kurzem Eis-assoziierte Arten dominiert haben, entsteht eine neue Konkurrenzsituation.
Betroffen sind vor allem Narwale, die als eisassoziierte Art die Ostküste Grönlands seit Jahrhunderten bewohnen. Narwale meiden keine Eisgewässer, sondern sind auf sie angewiesen. Mit wärmeren, eisfreieren Verhältnissen teilen sie ihren bisherigen Lebensraum zunehmend mit deutlich größeren Arten, die um die gleichen Nahrungsquellen konkurrieren. Eine Verdrängung über längere Zeiträume gilt als plausibles Szenario, auch wenn die Studie keine konkreten Verdrängungsdaten für Narwale liefert.
Für die Inuit an der ostgrönländischen Küste verändert sich die Situation ebenfalls spürbar. Narwale gehören zur Jagdtradition der Inuit, Bartentwale nicht in gleichem Maße. Die Verschiebung der Artenzusammensetzung hat daher auch kulturelle Dimensionen, die in den Zeugnissen der Jäger aus den Jahren 2023 bis 2025 sichtbar werden, auf die sich die Studie stützt.
Ein Grad Celsius und drei Jahrzehnte Verzögerung
Ein Grad Celsius klingt nach wenig. In der Ökologie des arktischen Meeres kann er entscheidend sein. Das Meereis, das laut den Forschern einen Schwellenwert überschritten hat, bildet sich in wärmeren Jahren immer später und schmilzt immer früher. Das verlängert das Nahrungsfenster für Bartentwale von Wochen auf Monate.
Die Datenlage zeigt auch, dass solche Ökosystemwandel keine linearen, leicht prognostizierbaren Prozesse sind. Das deutet auf Schwellenwerte hin: Erst wenn Temperatur und Eisbedeckung eine kritische Grenze unterschreiten, reagiert das Ökosystem sichtbar. Wie schnell sich die Verschiebung dann fortsetzt, hängt vom weiteren Temperaturverlauf ab.
Was die Studie für die kommenden Jahrzehnte nahelegt: Das Ostgrönländische Meer wird keine Rückkehr zu früheren Bedingungen erleben, solange die globale Erwärmung anhält. Die 16.000 Bartentwale, die heute dort den Sommer verbringen, sind kein Ausnahme-Phänomen. Sie sind der neue Normalzustand.
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