Pickaxe Mountain: Trumps Drohung gegen Irans Atombunker
Rund 1,5 Kilometer südlich des zerstörten Natanz-Nuklearkomplexes liegt ein Berg, den die Welt erst in diesem Sommer kennenlernt: Kuh-e Kolang, auf Englisch Pickaxe Mountain. Seit dem Herbst 2020 treiben iranische Ingenieure Tunnel mehr als 100 Meter tief in seinen Granit. Israelische Geheimdienstberichte vom 21. Juli bewerten, dass dort inzwischen Tausende Urananreicherungszentrifugen und möglicherweise angereichertes Uran lagern. Am selben Tag kündigte Donald Trump im Oval Office an, die USA würden die Region sehr bald und „sehr schwer” treffen.
Was unter dem Kuh-e Kolang liegt
Kuh-e Kolang liegt rund 1,5 Kilometer südlich des Natanz-Nuklearkomplexes in der Provinz Isfahan, mitten im Zagros-Gebirge. Der persische Name bedeutet wörtlich Pickaxe Mountain. Der Bau der Tunnelanlage begann laut dem Institute for Science and International Security im Herbst 2020, nachdem eine Explosion die oberirdischen Zentrifugen-Montagehallen in Natanz zerstört hatte. Iran beschreibt die Anlage offiziell als Zentrum für Produktion und Montage von Fortschrittszentrifugen. UN-Inspektoren haben keinen vollständigen Zugang erhalten, um diesen Zweck zu verifizieren. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA hat Kuh-e Kolang nie inspiziert, weil Iran die Anlage unter dem Atomwaffensperrvertrag nie als Anreicherungsanlage angemeldet hat.
Die militärisch entscheidende Eigenschaft ist die Tiefe. Die Haupthallen liegen nach Einschätzung von Nuklearexperten mehr als 100 Meter unter solidem Granit. Das ist deutlich tiefer als die Anreicherungsanlagen in Natanz und Fordo, die israelisch-amerikanische Streitkräfte während der Operation Rising Lion im Sommer 2025 angegriffen haben. Satellitenaufnahmen vom 9. Juli 2026 zeigen, dass die westlichen Tunnelzugänge noch offen sind, die östlichen aber nicht mehr zugänglich erscheinen.
Die Geheimdienstmeldung vom 21. Juli
Am selben Tag, an dem Trump seine Drohung aussprach, bewerteten israelische Nachrichtendienste, Iran habe nach den Angriffen von 2025 Tausende Urananreicherungszentrifugen in die Tunnels von Kuh-e Kolang verlagert. Das Wall Street Journal berichtete unter Berufung auf israelische Geheimdienstquellen, die Verlagerung sei bereits im Herbst 2025 erfolgt, also kurz nach der Operation Rising Lion. Israelische Stellen teilten diese Einschätzung den USA mit. Laut Israel Hayom bewerten israelische Geheimdienste außerdem, dass Iran auch angereichertes Uran in die Anlage gebracht habe. CNN zitierte einen israelischen Offiziellen mit der Einschätzung, zumindest Teile des iranischen Hochangereicherungsbestands seien unterirdisch gelagert.
Ob die Anlage operativ ist, bleibt unter Analysten umstritten. Satellitenaufnahmen zeigen fortlaufende Bauarbeiten. Das Institute for Science and International Security stuft Kuh-e Kolang als nicht fertig, aber als vorrangiges Überwachungsobjekt ein. Iran hat seit den Angriffen 2025 den IAEA-Inspektoren den Zugang zu beschädigten Anlagen vollständig verweigert.
Warum ein Angriff auf Kuh-e Kolang anders wäre
Alle bisherigen US-amerikanischen Schläge im laufenden Konflikt richteten sich gegen Radaranlagen, Abschussstellungen, Energieinfrastruktur und militärische Häfen. Ein Angriff auf Kuh-e Kolang wäre qualitativ anders, aus drei Gründen.
Erstens die Tiefe. Die bislang schwerste reguläre Bombe der US-Luftwaffe, der GBU-57A/B Massive Ordnance Penetrator, ist für unterirdische Anlagen in Beton ausgelegt. Gegen mehr als 100 Meter Granitgestein ist ihre Wirksamkeit nach übereinstimmender Einschätzung mehrerer Rüstungsexperten begrenzt. Trump signalisierte keine Pläne für ein bodengestütztes Sonderprogramm; welche Munition konkret geplant ist, teilte das Weiße Haus nicht mit.
Zweitens das Strahlungsrisiko. Wenn tatsächlich angereichertes Uran in der Anlage lagert, würde ein Angriff radioaktives Material freisetzen. Das beträfe die rund zwei Millionen Einwohner Isfahans und würde den internationalen Rahmen des Konflikts grundlegend verschieben.
Drittens die rechtliche Dimension. Selbst unter Bedingungen eines Konflikts, den beide Seiten formal nicht als Krieg bezeichnen, gilt ein direkter Angriff auf eine Nuklearanlage als völkerrechtlich hochumstrittener Schritt. Der UN-Sicherheitsrat hat den Konflikt bisher nicht förmlich behandelt, weil Russland und China ein westliches Mandat blockieren. Ein Nuklearschlag würde diese Haltung unter Druck setzen.
Was Gegner eines Angriffs fordern
Das Institute for Science and International Security fordert als Alternative, Iran solle IAEA-Inspektoren Zugang zu Kuh-e Kolang gewähren und den Baustopp als vertrauensbildende Maßnahme anbieten. Das wäre nach ISIS-Einschätzung ein überprüfbarer Schritt, der die Drohung überflüssig machen würde. Iran hat diesen Weg bislang verweigert.
Regionalvermittler aus Katar, Ägypten und Pakistan drängen Trump zu einem anderen Weg. Sie haben dem Iran einen 10-tägigen Waffenstillstandsvorschlag übermittelt, der die Öffnung der Hormusstraße gegen eine Aussetzung der US-Luftschläge tauscht. Außenminister Marco Rubio erklärte, die diplomatische Tür sei weiterhin offen. Trumps Verhandlungsteam aus Vizepräsident JD Vance, Jared Kushner und Sondergesandtem Steve Witkoff ist für den 25. Juli zu Gesprächen in Maskat geplant.
Zwei Optionen, eine Woche Zeit
US-Beamte beschreiben intern zwei Szenarien, über die Trump entscheiden muss. Die erste Option ist ein 10-tägiger Waffenstillstand, der auf die Öffnung der Hormusstraße zielt und von den Regionalvermittlern vorbereitet wird. Die zweite Option ist eine massive gemeinsame Militärkampagne mit Israel, die auf Kapitulation Teherans zielt.
Was auf dem Spiel steht, beschreibt die IEA im Juli-Bericht: Der Hormuz-Konflikt hat rund 14 Millionen Barrel täglich aus dem globalen Markt genommen, was die Agentur als größte Lieferunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarkts bezeichnet. Diesel ist im Jahresvergleich um 58 Prozent teurer, Kerosin um 106 Prozent. Wenn die Drohung wahr wird und Kuh-e Kolang unter Bomben liegt, ist aus einem Energiekonflikt ein nuklearer Ernstfall geworden. Ob die Gespräche in Maskat am 25. Juli das abwenden können, entscheidet sich in wenigen Tagen.
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