Zehn Fälle, null Impfstoff: Der Guineawurm stirbt aus
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Zehn Fälle, null Impfstoff: Der Guineawurm stirbt aus

Weltweit wurden 2025 nur noch zehn Menschen mit dem Guineawurm infiziert, der niedrigste jemals gemessene Wert. Das Carter Center hat die Parasitenkrankheit seit 1986 um mehr als 99,99 Prozent zurückgedrängt, ohne je einen Impfstoff oder ein Medikament einzusetzen.

21. Juli 2026, 17:10 Uhr 780 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Zehn Menschen weltweit. So viele wurden 2025 mit dem Guineawurm infiziert, einem Parasiten, der seit Jahrtausenden Menschenleben in tropischen Regionen ruiniert. Was die Zahl historisch macht: Die Menschheit hat diese Krankheit ohne Impfstoff und ohne Medikament auf den Rand der Ausrottung gedrängt, allein durch Verhaltensänderung.

Was ist der Guineawurm?

Dracunculus medinensis, Lateinisch für „kleiner Drache aus Medina“, ist ein Fadenwurm der im menschlichen Körper bis zu einem Meter lang werden kann. Die Larven leben in Wasserflöhen in stehenden Gewässern, der Mensch infiziert sich durch das Trinken kontaminierten Wassers. Nach einer gut einjährigen Inkubationszeit im Körper bohrt sich das Weibchen durch das Gewebe und tritt oft am Fuß oder Unterschenkel aus. Dieser Prozess ist schmerzhaft und dauert Wochen. Die einzige Behandlung: Den Wurm täglich wenige Zentimeter auf ein Stäbchen aufwickeln. Reißt er ab, drohen Sepsis und bleibende Schäden an Gelenken und Sehnen. Ein Heilmittel gibt es nicht.

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Die Krankheit befällt vor allem Kleinbauern und Hirten, mitten in der Erntezeit. Wer infiziert ist, kann oft wochenlang nicht arbeiten. Zeugnisse der Infektion finden sich in ägyptischen Papyri und im Alten Testament.

Von 3,5 Millionen auf zehn: Der Ausgangspunkt 1986

Als das Carter Center 1986 die Koordination des globalen Ausrottungsprogramms übernahm, litten schätzungsweise 3,5 Millionen Menschen pro Jahr an der Guineawurmkrankheit in 21 Ländern Afrikas und Asiens. Die wichtigsten Partner: die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das US-amerikanische Seuchenschutzzentrum CDC, UNICEF und die Gates Foundation. Die Ausgangslage war schwierig: Es gab keinen Impfstoff, kein wirksames Medikament und die Krankheit betraf vor allem Regionen mit kaum vorhandener Gesundheitsinfrastruktur.

Also konzentrierte sich das Programm auf drei Maßnahmen. Erstens die Wasserfilterung: Einfache Tuchfilter oder Röhrenfilter halten Wasserflöhe zurück. Das Carter Center hat Millionen solcher Filter verteilt, viele im Format eines Trinkhalms. Zweitens die Fallmeldung: Trainierte Freiwillige in jedem Dorf melden neue Infektionen sofort, damit Infizierte von Wasserquellen ferngehalten werden. Drittens die Behandlung von Wasserstellen mit dem Pestizid Temephos, das Wasserflöhe abtötet ohne das Wasser für Menschen gefährlich zu machen. Das Programm hat nach Angaben des Carter Centers mehr als 100 Millionen Infektionen verhindert.

2025: Drei Länder, zehn Fälle, 33 Prozent weniger als im Vorjahr

Im Jahr 2025 entfielen die zehn gemeldeten Fälle auf drei Länder: vier im Tschad, vier in Äthiopien und zwei im Südsudan. Das entspricht einem Rückgang von 33 Prozent gegenüber 2024 (15 Fälle). In Angola, Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Mali wurden im zweiten Jahr in Folge null menschliche Fälle gemeldet. Die WHO hat bereits 200 Länder als guineawurmfrei zertifiziert. Sechs Länder sind noch unzertifiziert.

Im Vergleich: Nur Pocken wurden je ausgerottet

Die einzige Krankheit, die bisher aus dem Lehrbuch der Menschheitsgeschichte gestrichen wurde, sind Pocken. 1980 erklärte die WHO sie für ausgerottet, drei Jahre nach dem letzten dokumentierten natürlichen Fall im Oktober 1977 in Somalia. Pocken hatten einen entscheidenden Vorteil: Seit 1796 gibt es einen Impfstoff. Die Massenimpfkampagne der WHO war das zentrale Werkzeug der Ausrottung.

Polio ist das nächste Ausrottungsziel der Weltgemeinschaft. Seit 1988 hat die WHO die Fallzahl um mehr als 99,9 Prozent gesenkt, von rund 350.000 auf 99 Fälle im Jahr 2024, alle in Pakistan und Afghanistan. Auch hier ist ein Impfstoff das Hauptinstrument. Der Guineawurm würde als erste Parasitenkrankheit und als erste Krankheit ohne pharmazeutisches Werkzeug verschwinden. Der Vergleichspunkt ist bedeutsam: Verhaltensänderung allein hat in der Geschichte der Medizin noch nie eine Seuche ausgerottet.

Was den letzten Schritt bremst: Hunde im Tschad

Das größte verbleibende Problem ist biologisch. Im Tschad sind deutlich mehr Tiere als Menschen mit Dracunculus-Parasiten infiziert: 2025 wurden dort 147 infizierte Hunde, Katzen und Fischotter registriert, in Kamerun 445 und in Angola 70 infizierte Tiere. Die Tiere fressen infizierte Fische oder Wasserinsekten und scheiden Larven aus, die Gewässer kontaminieren. Das klassische Ausrottungsmodell, das auf die Verhaltensänderung von Menschen setzt, greift für tierische Reservoire nicht. Das Carter Center hat das Programm auf Tiere ausgeweitet und versucht, Hunde von stehenden Gewässern fernzuhalten. Ein wirksames Mittel gegen die Infektion bei Tieren fehlt noch.

Drei Jahre ohne Übertragung: Der Fahrplan bis 2027

Für die offizielle WHO-Eradikationszertifizierung muss ein Land drei aufeinanderfolgende Jahre ohne bestätigte Übertragung vorweisen, gefolgt von einer umfassenden epidemiologischen Überprüfung. Das Carter Center geht davon aus, dass frühestens 2027, realistischer 2028 oder 2029, die Gesamtzertifizierung erreicht werden kann. Im optimistischen Szenario würde die Zahl der Fälle 2026 auf null fallen und bis 2029 so verbleiben. Das tierische Reservoir im Tschad macht dieses Szenario unsicher: Solange Hunde Gewässer kontaminieren, sind Rückfälle möglich. Die drei offenen Risiken sind Tierreservoire, lückenhafte Überwachung in Konfliktzonen und politische Instabilität in den verbleibenden Endemieländern.

Quellen (9)

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