
Patriot-Engpass: Russlands Raketen töten 17 in Kiew
Quellen (14)
- CNNcnn.com
- Tagesspiegeltagesspiegel.de
- Washington Postwashingtonpost.com
- NBC Newsnbcnews.com
- NPRnpr.org
- CNBCcnbc.com
- Euronewseuronews.com
- taztaz.de
- NPR (Patriot-Nachfrage)npr.org
- Defense Update (Interceptor-Engpass)defense-update.com
- Axios (Patriot-Verhandlungen)yahoo.com
- ZDF heute (Drohnen-Safari)zdfheute.de
- SWI swissinfo (Drohnen-Safari)swissinfo.ch
- Moscow Times (Wildberries Tote)themoscowtimes.com
Nicht eine einzige ballistische Rakete konnte die Ukraine in der Nacht auf Mittwoch abfangen. 17 Menschen in der Region Kiew starben unter russischem Feuer: 24 Iskander-M-Raketen, vier Hochgeschwindigkeitsraketen des Typs Zircon oder Oniks, 115 Drohnen. Der Grund ist eine Lieferkette, die der Iran-Krieg gesprengt hat: Lockheed Martin produziert rund 620 Patriot-Abfangraketen im Jahr. Im Iran-Konflikt verbrauchten US-amerikanische und israelische Streitkräfte nach Fachanalysen allein in den ersten Tagen mehr als 800 davon.
28 Raketen, 17 Tote, null Abschüsse
Die Angriffswelle begann kurz nach Mitternacht Kiewer Zeit und traf vor allem zivile Lagerflächen und Logistikflächen in der Hauptstadtregion. Selenskyj bestätigte Schäden an Warenhäusern eines Getränkeherstellers und eines Baumarktlieferanten sowie an einer Bahnstation. Notdienste dokumentierten schwere Schäden an mehreren Industriegebäuden. 17 Menschen wurden getötet, 44 verletzt, darunter Kinder.
Die ukrainische Luftabwehr schoss in dieser Nacht 98 der 115 russischen Drohnen ab. Die ballistischen Iskander-M-Raketen und die vier Hochgeschwindigkeitsgeschosse blieben dagegen vollständig unberührt. Für Drohnen sind ukrainische Systeme wie das IRIS-T und Gepard-Flakpanzer ausreichend. Gegen Ballistikraketen und Zircon-Hyperschallwaffen ist das Patriot-System der einzige verfügbare Schutzschirm und seine Abfangraketen waren zu diesem Zeitpunkt nahezu aufgebraucht.
Gleichzeitig griffen ukrainische Drohnen in der Nacht russische Ziele an. In der Region Moskau töteten sie nach Angaben von Gouverneur Andrei Worobjow fünf Menschen in einer Industriezone des Bezirks Tschekhow, zehn weitere wurden verletzt. Im Gebiet Tula brannte ein Wildberries-Sortierzentrum in der Stadt Aleksin nieder. Russlands Verteidigungsministerium gab an, in der Nacht insgesamt mindestens 320 ukrainische Drohnen abgefangen zu haben.
Warum Kiew keine ballistischen Raketen mehr abfangen kann
Selenskyj erklärte, die Ukraine erhalte derzeit nur ein Drittel jener Luftabwehrraketen, die sie 2025 noch bekam. Der Präsident machte die westlichen Verbündeten direkt mitverantwortlich: Verzögerungen bei Lieferungen und fehlende politische Entschlossenheit der Partner führten zu zivilen Opfern. Er forderte „starke Entscheidungen“ der Verbündeten.
Hinter dem Engpass steckt ein industrielles Problem, das die Regierungen in Washington und Berlin kaum lösen können. Die PAC-3-MSE-Abfangraketen, der einzige Patriot-Interceptor-Typ, der russische Iskander-Ballistikraketen zuverlässig neutralisiert, werden von Lockheed Martin mit einer Jahreskapazität von rund 620 Einheiten gefertigt. Im Iran-Krieg verbrauchten US-amerikanische und israelische Streitkräfte nach Berechnungen der Fachpublikation Defense Update allein in den ersten Kampftagen mehr als 800 dieser Interceptors. Diese Kapazität steht der Ukraine seither nicht mehr zur Verfügung.
US-Präsident Donald Trump konnte nach Berichten des Nachrichtenportals Axios keine weiteren Patriot-Interceptors zusagen, weil die USA selbst nach dem Iran-Konflikt nur noch begrenzte Bestände haben. Über Vermittlung des Pentagon wurden zwar etwa 90 ausgemusterte israelische Raketen des Typs PAC-2 GEM-T in die Ukraine überführt. Diese ältere Variante kann jedoch moderne russische Iskander-Ballistikraketen nicht zuverlässig abfangen.
Russlands Kalkül: Zivilinfrastruktur als Angriffsziel
Der Angriff folgt einem Muster, das Russland im Sommer 2026 systematisch verfolgt. Ballistische Raketen werden nicht primär gegen militärische Ziele eingesetzt, sondern gegen Lagerflächen und Logistikflächen weit hinter der Frontlinie. Das Ziel ist die Ausweitung des Krieges auf Orte, die Kiewer Bürger bislang als sicher betrachteten.
In Cherson, wo ukrainische und russische Truppen einander über den Dnipro gegenüberstehen, zeigt ein viral gegangenes Video diese Logik in kleinem Maßstab. Eine russische Drohne verfolgte einen Gemüsehändler auf einer Straße, explodierte nahe ihm und verletzte ihn leicht. Aus dem Krankenhausbett wandte sich der Mann an die Kamera und erklärte, er habe dem Drohnenpiloten zu signalisieren versucht, dass er lediglich Tomaten und Auberginen verkaufe. Selenskyj sprach daraufhin von einer russischen Drohnen-„Safari“ auf Zivilisten.
Russland nutzt die Symmetrie mit Ukraines eigener Wirtschaftskriegsstrategie. Die Ukraine greift seit Mitte Juli systematisch Wildberries-Lagerhallen an und begründet das mit dort gelagertem Militärgut. Selenskyj bestand auf einem Unterschied: Ukraine treffe Lager, die nachweislich Drohnenkomponenten beherbergen. Russland schlage auf Getränkelager und Bahnstationen ein, die keinerlei militärische Funktion hätten. Ob diese Unterscheidung im humanitären Völkerrecht standhält, wird international diskutiert.
Engpass bis mindestens 2027
Eine schnelle Lösung gibt es nicht. Raytheon, Hersteller des Patriot-Gesamtsystems, kündigte an, die Fertigungskapazitäten hochfahren zu wollen, doch eine signifikante Produktionssteigerung sei frühestens 2027 realistisch. Axios berichtete von Verhandlungen zwischen den USA und Israel über weitere Lieferungen an die Ukraine. Mengen und Zeitplan blieben nicht öffentlich.
Europäische Alternativen gibt es, aber sie reichen nicht. Frankreichs SAMP/T-System mit Aster-30-Raketen sowie das israelische Arrow-System können teilweise ballistische Ziele bekämpfen. Die bislang gelieferten Einheiten sind jedoch nicht ausreichend für den vollständigen Schutz einer Großstadt wie Kiew. Eine koordinierte NATO-Antwort auf den aktuellen Engpass hat sich bislang nicht herausgebildet.
Für Kiewer Bürger ist das abstrakte Beschaffungsproblem längst konkret. Solange der Produktionsengpass nicht geschlossen ist, bleibt jede Nacht in der ukrainischen Hauptstadt ungeschützt. Lockheed Martins Fertigungskapazität entscheidet gerade darüber, wie viele Menschen in Kiew überleben.
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