Doppelstreik: Handel und Mercedes eskalieren
Wirtschaft

Doppelstreik: Handel und Mercedes eskalieren

Am 3. Juli streikten Zehntausende Einzelhandelsbeschäftigte bundesweit, während gleichzeitig 33.000 Mercedes-Mitarbeiter gegen Sparpläne des Konzerns demonstrierten. Zwei der größten Gewerkschaften Deutschlands kämpfen in derselben Woche um dieselbe Frage: Wer trägt die Kosten wirtschaftlicher Anpassung?

4. Juli 2026, 8:40 Uhr 864 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Die gesamtwirtschaftliche Statistik zeichnet ein freundliches Bild: Im ersten Quartal 2026 stiegen die Reallöhne in Deutschland um 1,8 Prozent, wie das Statistische Bundesamt im Mai veröffentlichte. Kassiererinnen im Einzelhandel oder Montagearbeiter bei Mercedes-Benz werden diesen Zahlen skeptisch begegnen. Ihrem Arbeitgeber bot sich entweder eine sechsmonatige Nullrunde an oder ein Modell mit mehr Arbeit für denselben Lohn. Am 3. Juli streikten Zehntausende Handelsbeschäftigte bundesweit, während 33.000 Mercedes-Mitarbeiter an Standorten von Sindelfingen bis Bremen gegen den Sparkurs des Konzerns auf die Straße gingen.

Im Handel: Sieben Prozent oder die nächste Streikstufe

ver.di fordert für die rund 5,2 Millionen Beschäftigten im deutschen Einzel-, Groß- und Außenhandel eine tabellenwirksame Lohnerhöhung von 7 Prozent, mindestens jedoch 225 Euro monatlich. Die Mindesterhöhung in Euro ist besonders relevant für untere Einkommensgruppen: Kassiererinnen, Lagerarbeiter und Verkäuferinnen verdienen je nach Entgeltgruppe zwischen 13 und 17 Euro brutto pro Stunde.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) hat nach mehr als 25 Verhandlungsrunden in allen sechzehn Tarifgebieten folgendes Angebot vorgelegt: eine sechsmonatige Nullrunde, dann 2 Prozent mehr Lohn ab November 2026 und weitere 1,5 Prozent ab August 2027, bei einer Gesamtlaufzeit von 24 Monaten. Das ergibt nominell 3,5 Prozent über zwei Jahre, also rund 1,75 Prozent jährlich. Bei einer Inflationsrate von 2,2 Prozent, die das Statistische Bundesamt für das erste Quartal 2026 gemessen hatte, bedeutete das real einen Verlust.

ver.di-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer nannte das Angebot eine Unverschämtheit: „Diese Unverschämtheiten lassen wir uns nicht bieten.“ Am 3. Juli mobilisierte die Gewerkschaft zu bundesweiten Warnstreiks mit zentralen Kundgebungen in Dortmund, Berlin, Wiesbaden, Hannover und Hamburg. Zuvor hatte ver.di bereits einzelne Konzerne in den Arbeitskampf gezogen: Am 19. Juni streikten Beschäftigte in mehr als der Hälfte aller deutschen IKEA-Einrichtungshäuser, am 25. Juni folgten Beschäftigte aus mehr als 100 Kaufland-Filialen. Das Konfliktmuster wiederholt sich: Die Gewerkschaft erhöht stufenweise den Druck, die Arbeitgeber verbessern ihr Angebot minimal und keine Seite gibt substanziell nach.

Bei Mercedes: Mehr Arbeit, gleicher Lohn

Der Konflikt bei Mercedes-Benz ist von anderer Qualität, betrifft aber dieselbe verteilungspolitische Grundfrage. Der Konzern will bis 2027 seine Kosten um rund fünf Milliarden Euro senken, davon etwa eine Milliarde über ein Abfindungsprogramm. Mehr als 40.000 Stellen außerhalb der Produktion sind betroffen; bis März 2026 hatten rund 5.500 Beschäftigte einen Aufhebungsvertrag angenommen.

Als erste Sparmaßnahme hat Mercedes-Benz bereits eine fällige Sonderzahlung für 90.000 der rund 108.000 Beschäftigten in Deutschland auf das nächste Jahr verschoben. Besonders umstritten ist darüber hinaus ein Vorschlag, die Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden zu verlängern, ohne einen Lohnausgleich zu gewähren. Die IG Metall bezeichnete das als beschäftigungspolitischen Unsinn: Längere unbezahlte Arbeitszeiten sicherten weder Arbeitsplätze noch schüfen sie neue Aufträge. Die Beschäftigten, die am 3. Juli auf die Straße gingen, trugen Schilder gegen überzogene Dividenden und forderten ein Zukunftsbekenntnis des Konzerns zum Standort Deutschland. Mercedes bezifferte die Zahl der Protestierenden auf rund 16.000; die IG Metall sprach von 33.000 Teilnehmern an allen deutschen Standorten, darunter Sindelfingen, Untertürkheim, Rastatt, Kuppenheim, Bremen, Hamburg, Berlin und Germersheim.

Das Argument der Arbeitgeber: Wettbewerbsdruck und Margen

Der Handelsverband Deutschland warnt vor den Folgen eines zu hohen Tarifabschlusses. Die Margen im Einzelhandel seien durch Inflation und verändertes Konsumverhalten bereits unter Druck; höhere Personalkosten könnten zur Schließung von Filialen und zum Abbau von Stellen führen. Das Argument hat eine gewisse Plausibilität: Der stationäre Handel hat seit 2020 Marktanteile an den Onlinehandel abgegeben und die operative Marge großer Lebensmitteleinzelhändler liegt regelmäßig unter drei Prozent.

Was der HDE nicht erwähnt: Das eigene Angebot läge, gemessen an der aktuellen Inflationsrate, real im Minus. Eine sechsmonatige Nullrunde zum Beginn der Laufzeit bedeutet, dass Beschäftigte durch Inflation zunächst Kaufkraft verlieren, bevor überhaupt eine Lohnerhöhung wirksam wird. Das Argument „Wir können uns mehr nicht leisten“ und das Argument „Die Beschäftigten verlieren Kaufkraft“ schließen sich in diesem Fall nicht aus.

Was die Statistik verschweigt

Der gesamtwirtschaftliche Reallohnanstieg von 1,8 Prozent im ersten Quartal 2026 ist real, aber ungleich verteilt. Nominallöhne stiegen im selben Zeitraum um 4,1 Prozent, die Inflation lag bei 2,2 Prozent. Diese Durchschnittswerte sagen jedoch nichts darüber, ob Beschäftigte in bestimmten Branchen davon profitieren. Das HDE-Angebot liegt unterhalb der Inflationsrate. Bei Mercedes käme eine unbezahlte Arbeitszeitverlängerung auf 40 Stunden effektiv einer Lohnkürzung je Stunde gleich. Der gesamtwirtschaftliche Reallohnzuwachs gilt für diese Beschäftigten gerade nicht.

Die IG Metall hat angekündigt, in den kommenden Wochen auch bei anderen Autobauern und Zulieferern Aktionen zu organisieren. Das Muster bei Mercedes könnte sich wiederholen: Parallele Tarifkonflikte in Sektoren, die unter Transformationsdruck stehen, während gesamtwirtschaftliche Statistiken eine Entspannung suggerieren, die in den konkreten Tarifverhandlungen nicht ankommt.

Vollstreik oder Einigung: Warum der Herbst entscheidet

Im Einzelhandel stehen nach dem bundesweiten Streiktag vom 3. Juli weitere Verhandlungsrunden an. ver.di hat angekündigt, den Druck zu erhöhen, falls das nächste Angebot erneut unter der Inflationsrate liegt. Eine Schlichtung, die beide Seiten beantragen könnten, ist bislang nicht angestrebt. Vollstreiks gelten unter Gewerkschaftsstrategen als nächste Eskalationsstufe. Im Herbst, wenn die Weihnachtsvorbereitungen im Handel anlaufen und das Saisongeschäft beginnt, wächst der Druck auf eine Einigung erheblich: Streiks in den Wochen vor dem Weihnachtsgeschäft kosten beide Seiten mehr, als ein Kompromiss es täte.

Bei Mercedes läuft die Auseinandersetzung über Betriebsvereinbarungen und Tarifverhandlungen parallel. Der Konzern hat seinen Sparkurs bislang nicht zurückgezogen; die IG Metall hat die Forderung nach Lohnausgleich bei Arbeitszeitverlängerung nicht aufgegeben. Zwei Fronten, zwei Gewerkschaften, dieselbe strukturelle Frage: Wer bezahlt die Anpassungskosten der deutschen Wirtschaft.

Quellen (15)

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