Südafrika startet Rollout der HIV-Präventionsspritze
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Südafrika startet Rollout der HIV-Präventionsspritze

Am 5. Juni 2026 startete Präsident Ramaphosa den Rollout von Lenacapavir in 360 Kliniken. Die HIV-Präventionsspritze schützt mit fast 100 Prozent Wirksamkeit und kostet Südafrika 60 Dollar pro Person und Jahr, statt 28.000 wie in den USA.

13. Juli 2026, 17:23 Uhr 768 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Am 5. Juni 2026 sprach Präsident Cyril Ramaphosa im Lilian-Ngoyi-Stadion in Secunda, Mpumalanga, vor Tausenden Besuchern und verkündete den Start des nationalen Rollouts von Lenacapavir. Das Mittel des US-Unternehmens Gilead Sciences schützt mit zwei Injektionen im Jahr vor HIV, ohne dass täglich Tabletten genommen werden müssen. Südafrika ist das erste Land der Welt, das Lenacapavir flächendeckend im öffentlichen Gesundheitssystem einsetzt: zunächst in 360 Einrichtungen in sechs Provinzen und 24 Hochrisikogebieten, mit dem Ziel, bis Ende 2027 eine Million Menschen zu erreichen.

7,5 Millionen Infizierte: Südafrikas HIV-Krise in Zahlen

Kein Land der Welt hat mehr Menschen mit HIV als Südafrika: rund 7,5 Millionen nach Schätzungen von UNAIDS aus dem Jahr 2024. Die Neuinfektionsrate ist trotz jahrelanger Interventionen besonders unter jungen Frauen zwischen 15 und 24 Jahren hoch geblieben. Das bisher verbreitetste Mittel, die orale Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) auf Basis von Tenofovir-Emtricitabin, wurde 2015 von der WHO empfohlen und hat Millionen von Menschen in Südafrika erreicht. Das Problem liegt nicht in der Wirksamkeit: Wer die Tablette täglich nimmt, ist gut geschützt. Das Problem liegt im Alltag. Laut einer Implementierungsstudie unter jungen Frauen in Südafrika und Simbabwe hatten 55 Prozent der Teilnehmerinnen innerhalb von zwölf Monaten Lücken in der Einnahme; nur 21 bis 22 Prozent galten nach sechs Monaten als konsequent adhärent.

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Was die PURPOSE-Studien zeigten

Lenacapavir wirkt als Kapsidinhibitor, der einen entscheidenden Schritt im HIV-Replikationszyklus blockiert und als Depot unter die Haut injiziert wird. Ein einziger Stich wirkt sechs Monate lang. In der PURPOSE-1-Studie, die unter rund 5.300 Frauen und Mädchen in Südafrika und Uganda durchgeführt wurde, erkrankten im Lenacapavir-Arm null Teilnehmerinnen an HIV: eine Wirksamkeit von 100 Prozent. Das Ergebnis war so eindeutig, dass die Studie vorzeitig abgebrochen wurde, um auch der Kontrollgruppe den Zugang zu ermöglichen. In der PURPOSE-2-Studie, die cis-geschlechtliche Männer, transgeschlechtliche Frauen und nicht-binäre Personen einschloss, lag die Wirksamkeit bei 99,9 Prozent. Die Südafrikanische Heilmittelkontrollbehörde SAHPRA ließ Lenacapavir am 27. Oktober 2025 als erste Regulierungsbehörde auf dem afrikanischen Kontinent zu, acht Monate vor dem offiziellen Rollout.

Preis: 60 Dollar statt 28.000

In den USA kostet Lenacapavir rund 28.000 Dollar pro Person und Jahr. Südafrika zahlt nach Berichten des südafrikanischen Gesundheitsmagazins Bhekisisa 60 Dollar, was durch eine Subventionierung des Children's Investment Fund möglich wird, der die Differenz ausgleicht. Ab 2027 sollen Generika verfügbar sein, voraussichtlich zu rund 40 Dollar pro Person und Jahr, was die Subventionierung überflüssig machen würde. Gesundheitsminister Aaron Motsoaledi betonte, das Ziel sei, Lenacapavir zu einem öffentlichen Gut zu machen: zugänglich, erschwinglich und lokal produziert. Südafrika hat bereits einen Antrag auf Produktionsrechte gestellt.

Der Rollout ist bewusst unabhängig von US-amerikanischer Entwicklungshilfe aufgestellt. Ramaphosa verwies beim Launch darauf, dass das Programm durch südafrikanische Staatsmittel, den Children's Investment Fund und Partnerschaften mit Unitaid und der Wits Reproductive Health and HIV Institute (Wits RHI) getragen wird. Angesichts der massiven Kürzungen des US-PEPFAR-Programms unter der aktuellen US-Regierung ist das keine Selbstverständlichkeit.

Im Vergleich: Was langwirksame Injektionen in der Praxis bewirken

Das Vorläuferpräparat Cabotegravir zeigt, was injizierbarer HIV-Schutz in der Praxis bedeutet. Die HPTN-084-Studie verglich bei mehr als 3.200 Frauen in Subsahara-Afrika zwei Optionen: Cabotegravir-Injektionen alle acht Wochen versus täglich Truvada. Die HIV-Infektionsrate in der Injektionsgruppe lag am Ende bei 0,21 Prozent, in der Tablettengruppe bei 1,79 Prozent. Der mehr als achtfache Unterschied war nicht pharmakologisch bedingt: In klinischen Studien, wo alle Mittel konsequent eingenommen wurden, sind orale PrEP-Mittel ähnlich wirksam. Der Effekt entsteht, weil injizierbare Präparate die Compliance-Hürde von Tausenden täglicher Entscheidungen auf wenige Klinikbesuche im Jahr reduzieren.

Zum Vergleich, wie weit die HIV-Medikation in dreißig Jahren gereist ist: In den frühen 1990er Jahren wurden HIV-positive Patienten mit mehreren täglichen Tabletten behandelt, zum Teil mit erheblichen Nebenwirkungen. Bis 2016 genügte eine einzige Tablette täglich. 2022 wurden die ersten vollständigen HIV-Behandlungen als Injektion alle zwei Monate zugelassen (Cabenuva). Lenacapavir steht nun auf der Präventionsseite für die nächste Stufe: ein Schutz, der aus zwei Spritzen im Jahr besteht.

Bis Ende 2027 soll eine Million Menschen geschützt sein

Die WHO lobte Südafrika am 15. Juni 2026 ausdrücklich als globalen Vorreiter. Kein anderes Land rollt Lenacapavir bislang im öffentlichen Gesundheitssystem aus. Ramaphosa mahnte beim Launch dennoch zur Nüchternheit: die Spritze sei kein Wundermittel. Sie schütze nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten, erfordere regelmäßige Klinikbesuche und müsse Teil eines umfassenderen HIV-Programms bleiben. Parallel zur Lancierung in Südafrika startete durch die Unitaid-Partnerschaft mit Wits RHI und Fiocruz auch Brasilien als eines der ersten Länder mit einer frühen Verteilung.

Das Ziel ist ehrgeizig: eine Million Menschen bis Ende 2027, drei Millionen bis 2029. Ob Südafrika die logistische und finanzielle Infrastruktur aufbauen kann, um Lenacapavir tatsächlich flächendeckend in den 24 Hochrisikogebieten zu verankern, wird in den nächsten zwei Jahren zeigen, ob das Programm zum globalen Maßstab für HIV-Prävention mit Langzeitinjektionen wird.

Quellen (12)

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