Hormusblockade: 230 Tanker gefangen, Öl bei 84 Dollar
Es war der stärkste Tagesanstieg des Ölpreises im gesamten bisherigen Konfliktverlauf: Am Montag kletterte Brent-Rohöl um 9,59 Prozent auf 83,30 Dollar pro Barrel, der Septemberkontrakt notiert inzwischen bei rund 84 Dollar. Auslöser war Trumps Ankündigung einer Durchfahrtsgebühr für Tanker, die sicher durch Hormus geleitet werden wollen. Dahinter liegt die eigentliche Lage im Persischen Golf: Rund 230 beladene Öltanker sitzen ohne Auslaufmöglichkeit fest, die US-Seeblockade aller iranischen Häfen und Küstengebiete hat den Schiffsverkehr durch die Meerenge auf einen Bruchteil des Normalwerts reduziert.
Was Hormus in normalen Zeiten bedeutet
Durch die rund 50 Kilometer breite Meerenge am südlichen Ende des Persischen Golfs fließen in Friedenszeiten rund 25 Prozent des weltweiten Seetransports von Rohöl und Ölprodukten sowie etwa ein Fünftel des globalen Flüssiggashandels. Letzteres betrifft vor allem katarisches LNG, das seit dem Ausfall russischer Pipelinelieferungen 2022 erhebliche Teile der europäischen Gasversorgung trägt. Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) hat die aktuelle Störung bereits als eine der schwersten des Welthandels und der Ölversorgung in der modernen Geschichte eingestuft.
Vor dem Konfliktbeginn im Februar 2026 passierten täglich 18 bis 22 Schiffe die Meerenge innerhalb von je zwölf Stunden. Am 11. Juli waren es noch sechs. Reedereien, die ihre Tanker nicht durch die umkämpfte Zone schicken wollen, steuern Umleitungen über den Suezkanal oder rund um das Kap der Guten Hoffnung an, was die Lieferzeiten um zwei bis vier Wochen verlängert und die Frachtkosten erheblich erhöht.
230 Tanker ohne Kurs
Schifffahrtsanalysten zufolge lagen Mitte vergangener Woche rund 230 beladene Öltanker im Golf ohne Kurs fest. Sie können die iranischen Küstengewässer nicht verlassen, ohne in den Geltungsbereich der US-Blockadeflotte zu geraten oder fürchten Angriffe der iranischen Revolutionsgarden auf freier See. Die Versicherungsprämien für Schiffe in der Region haben sich seit Konfiktbeginn vervielfacht; Kriegszonenversicherungen müssen täglich erneuert werden und sind inzwischen kaum noch zu bekommen.
Am 7. Juli wurde laut Bloomberg ein aus Katar auslaufender LNG-Tanker beim Verlassen von Hormus von einem Projektil der Revolutionsgarden getroffen. Das zeigt, dass nicht nur der Öl-, sondern auch der LNG-Korridor unter Beschuss steht. Europäische Energieversorger haben seit dem Angriff bei Qatar Energy nach Alternativmengen angefragt, einem Markt, der außerhalb der Hormusdurchfahrt kaum erschließbar ist, weil die katarischen Verflüssigungsanlagen an Ras Laffan im Golf liegen.
Wie die Märkte auf die Blockade reagieren
Als Trump am Montag die Blockadeankündigung mit einer Durchfahrtsgebühr von 20 Prozent für Schiffe verband, die sicher durch die Meerenge geleitet werden wollen, reagierten die Märkte mit dem stärksten Preisanstieg seit Monaten. Brent schloss bei 83,30 Dollar, WTI-Rohöl für August-Lieferung bei rund 79 Dollar. Die Gebühr wurde keine 24 Stunden später zurückgezogen, nachdem Golfstaaten protestierten und US-Marineexperten auf die praktische Unmöglichkeit hinwiesen, unter laufenden Kampfbedingungen Gebühren einzutreiben. Das rasche Hin und Her hat das Vertrauen der Märkte in die Planbarkeit der US-Hafenstrategie nicht gestärkt.
Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) kann ein vollständiger Ausfall der Hormusdurchfahrt kurzfristig durch keine andere Ölroute kompensiert werden. Saudi-Arabien betreibt zwar eine Festlandpipeline zur Küste des Roten Meeres (East-West-Pipeline, Kapazität bis zu sieben Millionen Barrel pro Tag), die Hormus umgeht, doch diese fasst kaum die Hälfte des normalen Durchsatzes durch die Meerenge.
Was das für Europa bedeutet
Für Europa sind zwei Importströme direkt betroffen: Rohöl aus Saudi-Arabien, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten und das katarische LNG. Beide laufen durch Hormus. Während Rohöl über Alternativrouten und Lagerhaltung bis zu einem gewissen Punkt überbrückbar ist, lässt sich LNG kaum ersetzen, solange Katar seine Verflüssigungsanlagen nicht anderweitig anbinden kann.
Für Deutschland ist die direkte Abhängigkeit geringer als für Südeuropa, das stärker auf Golfstaaten-Öl angewiesen ist. Dennoch reagieren die Preise für Heizöl, Kerosin und Diesel auf die globale Rohölknappheit. Benzinpreise sind in Deutschland seit Mitte vergangener Woche gestiegen. Wirtschaftsverbände warnen, dass anhaltende Energiepreisanstiege den fragilen Aufschwung der deutschen Industrie gefährden könnten, der sich im zweiten Quartal abgezeichnet hatte.
Die festliegenden Tanker können nicht ewig warten
Entscheidend für die Preisentwicklung der nächsten Wochen ist, wie lange die rund 230 im Golf festliegenden Tanker warten können. Besatzungen müssen abgelöst werden, Versicherungsverträge laufen täglich aus. Abnehmer, die auf Lieferungen warten, beginnen bereits, alternative Quellen zu suchen. Reedereien in Griechenland, Japan und Südkorea, den größten Betreibern des Hormus-Tankerverkehrs, haben teilweise den Durchfahrtsbetrieb eingestellt.
Ohne eine diplomatische Entspannung dürften Händler den Brent-Preis in Richtung 90 Dollar treiben. Eine Deeskalation bis Ende Juli könnte die Spekulationskomponente im aktuellen Ölpreis wieder herausnehmen, nach Einschätzung mehrerer Rohstoffhändler ist sie erheblich. Das Zeitfenster dafür wird mit jedem Tag enger.
Aktualisierungen
Update 16. Juli, 03:15 Uhr: Am Mittwochabend haben US-Streitkräfte erstmals ein Handelsschiff direkt beschossen, um die Hormusblockade durchzusetzen. CENTCOM teilte mit, der leere unter Curacao-Flagge fahrende Öltanker M/T Belma habe auf dem Weg zu Irans Kharg Island mehrere Warnungen ignoriert. US-Streitkräfte feuerten Hellfire-Raketen in den Schornstein des Schiffes und stoppten es. Parallel lief eine fünfte Welle Luftangriffe auf iranische Militärziele an. Irans Revolutionsgarde drohte unmittelbar: Die Öl- und Gasexportrouten der Region würden entweder für alle oder für niemanden offen sein. Iran feuerte Raketen auf US-Basen in Kuwait, Bahrain und Jordanien.
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