12.900 Firmenpleiten: Höchststand seit 2013
Wirtschaft

12.900 Firmenpleiten: Höchststand seit 2013

12.900 Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2026, der höchste Stand seit 2013. Das Überraschende: Großunternehmen brachen mit einem Anstieg von 28,6 Prozent besonders stark ein.

24. Juni 2026, 2:40 Uhr 826 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Wenn Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten stärker pleitegehen als der Branchendurchschnitt, signalisiert das mehr als Einzelschicksale. Im ersten Halbjahr 2026 stieg die Insolvenzquote dieser Großunternehmen um 28,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, fast viermal so stark wie der Gesamtanstieg von 7,8 Prozent. Creditreform zählte insgesamt 12.900 Firmeninsolvenzen in den ersten sechs Monaten, so viele wie seit 2013 nicht. Und laut Creditreform-Wirtschaftsforscher Patrik-Ludwig Hantzsch ist der Höhepunkt noch nicht erreicht.

Dreizehn Jahre zurück

Um die Zahl einzuordnen: Im ersten Halbjahr 2013 meldeten mehr als 15.000 Unternehmen Insolvenz an, damals noch unter dem Eindruck der Nachwirkungen der globalen Finanzkrise. Seitdem sank die Zahl kontinuierlich. Niedrigzinsen, Konjunkturprogramme und in den Pandemiejahren staatliche Hilfsprogramme hielten auch strukturschwache Betriebe am Leben. Das Resultat: künstlich niedrige Insolvenzstatistiken, die ab 2023 aufzuholen begannen, als die Hilfen ausliefen und die Zinsen stiegen.

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hatte bereits für das erste Quartal 2026 insgesamt 4.573 Unternehmensinsolvenzen gezählt, den höchsten Quartalswert seit dem dritten Quartal 2005. Die Creditreform-Halbjahreszahlen bestätigen diesen Trend und setzen ihn fort.

Jetzt trifft es auch die Großen

Was die aktuellen Zahlen von früheren Insolvenzwellen unterscheidet: Diesmal brechen auch Unternehmen ein, die eigentlich über ausreichende Puffer verfügen sollten. Betriebe mit mehr als 250 Beschäftigten verzeichneten einen Anstieg um 28,6 Prozent, deutlich über dem Gesamtschnitt von 7,8 Prozent. Das deutet auf strukturelle Ursachen hin, nicht auf vorübergehende Liquiditätsprobleme.

In absoluten Zahlen bleibt der Dienstleistungssektor am stärksten betroffen: Rund 7.900 der 12.900 Fälle entfallen auf Dienstleistungsbetriebe und Gastronomiebetriebe. Auch junge Unternehmen leiden überproportional: 1.140 Start-ups, die in den vergangenen zwei Jahren gegründet wurden, mussten im ersten Halbjahr schließen, ein Plus von 25,3 Prozent. Viele dieser Betriebe entstanden in der Erwartung einer wirtschaftlichen Erholung nach der Pandemie und dem Energiepreisschock von 2022. Diese Erholung ist in vielen Branchen ausgeblieben.

Insgesamt stehen nach Creditreform-Angaben rund 165.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, eine Zahl, die abstrakt wirkt, aber konkret bedeutet: Fachkräfte aus der Gastronomie, dem Maschinenbau und Anlagenbau, der Logistik, die ihren Betrieb nicht wegen eigener Fehler verlassen, sondern wegen eines makroökonomischen Schocks.

Vier Monate Hormus, hohe Energiekosten, US-Zölle

Der Zusammenhang zwischen dem Irankrieg und dem Insolvenzanstieg ist direkt. Der Konflikt ließ die Energiepreise sprunghaft steigen und verteuerte Produktion für die Industrie sowie Heizung und Strom für Haushalte gleichermaßen. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung stellt fest, dass die Kombination aus Irankrieg und Energiepreisschock die zaghaft einsetzende konjunkturelle Erholung strukturell gefährdet hat.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) dokumentiert in seiner Konjunkturumfrage die Tiefe dieses Schocks: 30 Prozent aller befragten Unternehmen planen für 2026 Stellenstreichungen, 35 Prozent rechnen mit einem Produktionsrückgang, 40 Prozent wollen weniger investieren. Seit fast drei Jahren blicken die deutschen Unternehmen durchgehend pessimistisch nach vorn, eine so lang anhaltende Durststrecke gab es seit 20 Jahren nicht.

Hinzu kommt die US-Zollpolitik. Die schwankende Handelspolitik der Trump-Administration hat laut IW Köln die deutschen Exportaktivitäten spürbar gedämpft. DIHK-Präsident Peter Adrian fasste die Situation beim DIHK-Tag im Mai gegenüber Kanzler Merz zusammen: sinkende Energiekosten, spürbarer Bürokratieabbau und verlässliche Investitionsrahmen seien überfällig. „Nach drei Jahren Rezession und Stagnation ist die Wirtschaft ohnehin stark geschwächt“, sagte Adrian.

Creditreform: Stabilisierung frühestens 2027

Hantzsch von Creditreform sieht keinen schnellen Ausweg: „Der Höhepunkt bei den Pleiten ist noch nicht erreicht. Diese Entwicklung wird sich erst dann wieder stabilisieren, wenn die Wirtschaft wieder wächst und das ist nach aktuellem Stand frühestens 2027 zu erwarten.”

Das ifo-Institut teilt die nüchterne Einschätzung, setzt aber auf eine Wende im zweiten Halbjahr. In seiner Frühjahrsprognose rechnet das Institut für 2026 mit nur noch 0,7 Prozent Wachstum, unter der Bedingung, dass das Rahmenabkommen zwischen Iran und den USA hält und die Sanktionspause bis zum 21. August in ein endgültiges Abkommen mündet. Ab dem dritten Quartal, so die ifo-Erwartung, könnte sich die Erholung wieder beschleunigen.

Ob das für die betroffenen Unternehmen und ihre Belegschaften noch rechtzeitig kommt, ist eine andere Frage. Auch die Verbraucherinsolvenzen steigen: Im ersten Halbjahr 2026 meldeten 38.800 Privatpersonen Insolvenz an, 2,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Insolvenzanstieg betrifft damit nicht nur Unternehmer, er erreicht zunehmend auch Arbeitnehmer und Haushalte, die unter denselben Energiekosten leiden wie die Betriebe, die sie beschäftigt hatten.

Quellen (9)

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