870 Millionen Euro: Isars Rakete wartet auf den Orbit
Keine Rakete ist je von europäischem Boden aus in den Orbit geflogen. Weder Ariane noch irgendeines der aufstrebenden europäischen Startups hat diesen Meilenstein erreicht. Das Münchner Startup Isar Aerospace will ihn als Erstes setzen und hat dafür rund 870 Millionen Euro eingesammelt, Verträge mit der ESA geschlossen und gerade eine Startbasis in Kanada gesichert. Der Haken: Nach sechs Startabbrüchen in der zweiten Flugkampagne wartet die Spectrum-Rakete noch immer auf ihren ersten Orbit. Am 31. Juli soll der siebte Versuch folgen.
30. März 2025: Lift-off und Abbruch nach 30 Sekunden
Am 30. März 2025 hob die Spectrum-Rakete im Rahmen der Mission „Going Full Spectrum” erstmals vom Andøya-Weltraumbahnhof im Norden Norwegens ab. Laut ESA lief der Start technisch korrekt an. Doch 30 Sekunden nach dem Lift-off musste das Bodenkontrollteam den Flug beenden. Eine unerwartete Fehlöffnung des Entlüftungsventils bei T+25 Sekunden ließ die Rakete die Lagekontrolle verlieren, woraufhin das Bodenkontrollteam bei T+30 Sekunden den Flugabbruchbefehl erteilte, die Rakete fiel nach dem Abbruchbefehl unkontrolliert in die Norwegische See nahe dem Startplatz.
Isar Aerospace bezeichnete den Flug dennoch als Teilerfolg: Alle Bodensysteme, der Startkomplex und der Countdown hätten reibungslos funktioniert. Weniger als neun Monate später erklärte das Unternehmen die Stufentests für den zweiten Flug für abgeschlossen. Auftrag der neuen Mission „Onward and Upward”: die Spectrum-Rakete als kommerziell einsatzbereites Trägersystem zu qualifizieren. Die zweitstufige Rakete ist 28 Meter hoch, 2 Meter im Durchmesser und soll mit ihren zehn Triebwerken bis zu 1.000 Kilogramm in den niedrigen Erdorbit transportieren können.
Januar bis Juni 2026: Sechs Abbrüche in sechs Monaten
Das erste Startfenster für „Onward and Upward” öffnete am 21. Januar 2026. Ein defektes Druckventil stoppte den Countdown, bevor die Zündung erfolgen konnte. Für März waren gleich zwei Versuche geplant: Beim ersten musste abgebrochen werden, weil ein Fischerboot in die Sperrzone eingelaufen war. Beim erneuten Versuch kurz darauf stiegen die Temperaturen im Treibstoffsystem während des Countdowns über die zulässigen Grenzwerte.
Im April verhinderte ein Leck in einem sogenannten Composite Overwrapped Pressure Vessel (COPV), einem Hochdruckbehälter aus Verbundmaterial, den vierten Versuch. Die Kampagne wurde unterbrochen, um das Bauteil zu ersetzen. Am 15. Juni öffnete das fünfte Startfenster: Abermals stoppten Abweichungen in den Flüssigsystemen des Triebwerksverbunds den Countdown. Drei Tage später, am 18. Juni, wurde auch Versuch sechs beim laufenden Countdown gestoppt. Diesmal lag das Problem im Antriebssystem.
Jedes Mal folgte die gleiche Prozedur: Isar-Ingenieure analysierten die Telemetriedaten, isolierten die Ursache, reparierten oder kalibrierten Bauteile und warteten auf das nächste Wetterfenster. NASASpaceFlight dokumentierte die Kampagne als eine der aufwendigsten in der europäischen Raumfahrtgeschichte.
Parallel: 870 Millionen Euro und ein Kanada-Deal
Während die Spectrum auf dem Startpad wartet, wächst das Unternehmen auf anderen Ebenen rasant. Am 10. Juni, fünf Tage vor dem fünften Startversuch, gab Isar Aerospace eine Finanzierungsrunde der Serie D über 270 Millionen Euro bekannt. Zu den neuen Investoren zählen Island Green Capital und Molten Ventures, mit starker Beteiligung der bestehenden Investoren HV Capital, Lakestar sowie dem staatlichen KfW Capital. Das Gesamtkapital des 2018 gegründeten Startups liegt damit bei rund 870 Millionen Euro.
Nur wenige Wochen später, am 8. Juli, unterzeichnete Isar Aerospace einen Zehnjahresvertrag mit Maritime Launch Services für eine zweite Startbasis auf dem Spaceport Nova Scotia an der kanadischen Atlantikküste. Geplante Investition: 112,5 Millionen US-Dollar in den Ausbau des Startkomplexes. Ab 2028 soll dort die Spectrum abheben, bis 2029 mit bis zu 40 Starts pro Jahr. Eine neue Fabrik nahe München ist auf ähnliche Produktionszahlen ausgelegt.
An Bord der aktuellen Qualifikationsmission fliegen fünf Nanosatelliten europäischer Hochschulen im Rahmen des ESA-Programms „Boost!”: CyBEEsat der TU Berlin, TriSat-S der Universität Maribor, Platform 6 von EnduroSat, FramSat-1 der NTNU Trondheim und SpaceTeamSat1 des TU Wien Space Team, dazu ein nicht trennbares Experiment des deutschen Unternehmens Dcubed. Das macht die Mission zu einem europaweiten Vorhaben: Wenn Isar fliegt, fliegt ein Stück Universitätsforschung aus fünf Ländern mit.
Dass das Kapital und die Expansionspläne trotz ausbleibenden Orbitalstarts weiter fließen, zeigt das Kalkül der Investoren: Die technischen Herausforderungen bei der Qualifikationsmission sind keine grundsätzlichen Konstruktionsfehler, sondern die normalen Anlaufschwierigkeiten eines neuen Trägersystems. Zur Einordnung: SpaceX brauchte drei Fehlstarts bis zum ersten Erfolg der Falcon 1 im Jahr 2008.
31. Juli, 00:00 Uhr UTC: Siebter Anlauf in Andøya
Das nächste Startfenster öffnet am 31. Juli um Mitternacht UTC. Gelingt der Start, würde „Onward and Upward” zwei Dinge gleichzeitig markieren: den ersten Orbitalstart eines Unternehmens von europäischem Boden und den Abschluss des Qualifikationsverfahrens, das Isar Aerospace für den kommerziellen Betrieb benötigt. Erst danach greifen Kundenverträge, der Kanada-Zeitplan und weitere kommerzielle Starts.
Scheitert auch dieser Versuch, rückt der nächste Anlauf wegen zunehmender Dunkelheit und Herbststürmen in Nordnorwegen weiter in den Herbst 2026. Die 870 Millionen Euro und die Expansionspläne von München bis Nova Scotia warten dann weiter auf einen einzigen Moment: den Orbit.
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