Zwei Millionen pro Schiff: Irans Hormusmaut läuft
Am 1. Juli lief ein Containerschiff auf Grund, das die alternative IMO-Route durch die Straße von Hormus ohne Irans Genehmigung nutzte. Die Revolutionsgarden kommentierten knapp: nicht genehmigte Routen könnten zu „nicht reparablen Vorfällen“ führen. Irans Mautsystem, das seit März bis zu zwei Millionen Dollar pro Supertanker verlangt, ist vollständig in Betrieb, zahlbar in Renminbi, Bitcoin oder USDT. Die Doha-Gespräche vom 2. Juli brachten keine Lösung der Grundsatzkonflikte; wegen des Staatsbegräbnisses für Ali Chamenei pausieren die Verhandlungen bis zum 9. Juli, danach bleiben 37 Tage.
Die Maut, die keine Maut heißen darf
Iran hat die Straße von Hormus seit Kriegsbeginn im Februar 2026 für westlich orientierte Handelsschiffe faktisch geschlossen. Parallel dazu baute Teheran ein Gebührensystem auf: Am 30. März kodifizierte das Parlament den „Hormus-Verwaltungsplan“, der Registrierung, Routenfreigabe und Transitabgaben verpflichtend vorschreibt. Die neu geschaffene „Behörde für die Meerenge des Persischen Golfs“ (Persian Gulf Strait Authority, PGSA) verwaltet das System; Schiffe müssen Irans „Route der Autorität“ nutzen, die südlich der Insel Larak entlangführt und IRGC-Einheiten freie Sichtlinie gibt.
Die Gebührenstruktur richtet sich nach der Ladungsmenge: rund ein Dollar pro Barrel Rohöl. Ein voll beladener Very Large Crude Carrier mit rund zwei Millionen Barrel Kapazität zahlt damit bis zu zwei Millionen Dollar pro Passage. Laut TRM Labs könnte das System Iran theoretisch bis zu 800 Millionen Dollar pro Monat einbringen, wenn Flüssiggas-Schiffe einbezogen werden. Die Abwicklung erfolgt in chinesischen Renminbi über das Kunlun-Bank-Netzwerk und das CIPS-System außerhalb von SWIFT sowie in Bitcoin und USDT-Stablecoins. Lloyd's List berichtete, das IRGC-Mautsystem kontrolliere inzwischen faktisch den Schiffsverkehr in der Meerenge.
Das US-Finanzministerium reagierte mit Sanktionen. Am 27. Mai designierte OFAC die PGSA als sanktionierten Akteur, am 2. Juni folgten vier iranische Kryptobörsen, darunter Nobitex. US-Personen, die mittelbar an Transitgebühren-Zahlungen beteiligt sind, riskieren Strafverfolgung. Britische Versicherungsmärkte haben Kunden gewarnt, dass Zahlungen an IRGC-nahe Stellen US-Sanktionsrisiken auslösen. Das zwingt Reedereien in ein Dilemma: Wer Irans Route nutzt und zahlt, riskiert Sanktionen; wer die Oman-IMO-Route nutzt, riskiert physische Gefährdung.
Das Konkurrenzangebot zur iranischen Route existiert seit dem 24. Juni: Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) und das Sultanat Oman richteten einen Alternativkorridor ein, der Schiffe möglichst lange in omanischen Hoheitsgewässern hält und damit Irans Autorisierung umgeht. Iran erklärte den Korridor für inakzeptabel. Das Schiff, das am 1. Juli auf Grund lief, nutzte eben diese Route. Teheran präsentierte den Vorfall als Beleg, dass Schiffe ohne IRGC-Koordination die Passage nicht sicher bewältigen könnten.
Was in Doha auf dem Tisch lag
Die indirekten Gespräche vom 1. und 2. Juli in Doha konzentrierten sich laut Al Jazeera auf zwei Kernthemen: den Seeverkehr durch Hormus und die Freigabe eingefrorener iranischer Vermögenswerte. Auf amerikanischer Seite trafen Sondergesandter Steve Witkoff und Jared Kushner in Doha ein und berieten sich mit dem katarischen Emir Sheikh Tamim bin Hamad Al Thani, der Katars Vermittlerrolle gemeinsam mit Pakistan ausübt.
Das konkrete Ergebnis der zwei Verhandlungstage: Ein Kommunikationskanal soll eingerichtet werden, um Zwischenfälle in der Meerenge zu deeskalieren. Beide Seiten einigten sich außerdem darauf, einen Teil der in Katar hinterlegten eingefrorenen iranischen Mittel in Höhe von sechs Milliarden Dollar für humanitäre Güter freizugeben, die nach Iran geliefert werden sollen. US-Vizepräsident JD Vance bezeichnete die Gespräche als gut verlaufend und kündigte an, die Atomfrage werde bald auf die Agenda kommen. Irans Unterhändler dementierten, in Doha neue Zugeständnisse beim Atomprogramm gemacht zu haben.
Ungelöst bleiben die Kernkonflikte: Die USA verlangen ein zwanzigjähriges Moratorium auf iranische Urananreicherung, Iran bietet fünf Jahre. Die Frage der iranischen Kontrolle über Hormus ist explizit nicht Teil des Islamabader Memorandums. Der Libanon, dessen Lage Iran regelmäßig als Bedingung für Zugeständnisse heranzieht, bleibt außerhalb des Regelwerks.
Was die Hormusblockade weltwirtschaftlich kostet
Vor dem Konflikt flossen täglich rund 25 Prozent des weltweiten Seehandels mit Rohöl und ein Fünftel des globalen Flüssiggas-Handels durch Hormus. Die US-Energiebehörde EIA schätzt, dass dieser Wert auf 14,6 Millionen Barrel täglich gesunken ist, ein Rückgang um etwa 27 Prozent. Der Brentpreis hat sich nach dem Islamabader Memorandum vom 17. Juni auf rund 72 Dollar je Barrel stabilisiert; ein erneutes Scheitern der Gespräche würde diese Stabilisierung sofort beenden.
Für Europa ist die Lage unmittelbar spürbar. Das RWI prognostiziert für Deutschland in diesem Jahr eine Inflationsrate von 3,1 Prozent und Wachstum von lediglich 0,8 Prozent, teilweise bedingt durch verteuerte Energielieferungen. Das Mautsystem verschärft diesen Druck strukturell: Wenn Reedereien Gebühren zahlen, schlagen sie sich in Frachtkosten nieder, die europäische Importeure tragen. Fachrechtlich ist die Lage klar: Artikel 44 des UN-Seerechtsübereinkommens UNCLOS verpflichtet Anrainerstaaten, die Durchfahrt durch internationale Meerengen nicht zu behindern. Iran erkennt diese Einschränkung seiner Souveränität nicht an.
37 Tage nach dem Begräbnis
Mit Beginn der Staatstrauer am 3. Juli treten die Gespräche in eine erzwungene Pause. Washington hat offiziell zugesagt, Verhandlungen für die Dauer der Beerdigungsfeierlichkeiten auszusetzen. Die Zeremonien für Ali Chamenei, der im Februar bei US-israelischen Luftangriffen getötet wurde, erstrecken sich bis zum 9. Juli durch mehrere Städte: Teheran, Qom, Karbala, Nadschaf und Maschhad, wo er in der Nähe des Schreins von Imam Reza beigesetzt wird. Die iranischen Behörden rechnen mit 15 bis 20 Millionen Trauernden allein in Teheran; Delegationen aus rund 30 Ländern nahmen teil, westliche Staaten blieben fern.
Iranische Militärs nutzten den Beginn der Trauerzeit für eine konkrete Drohung. Generalmajor Ali Abdollahi, Befehlshaber der Khatam al-Anbiya Zentralen Streitkräfte, warnte die USA und Israel, jede Fehlkalkulation während der Feierlichkeiten zu unterlassen. Man werde mit „harten und bereuen machenden Antworten“ reagieren. Iran bezeichnete jeden Angriff auf das Land in dieser Periode als Anschlag auf die Würde des Islam.
Nach dem 9. Juli bleiben 37 Tage bis zum Ablauf des Rahmenmemorandums am 16. August. In dieser Zeit müssen Verhandlungsführer nicht nur die Hormusmaut regeln, sondern auch Irans Atomprogramm, Teherans Regionalverbündete und die Libanonfrage. Das Mautsystem, das Iran derweil weiter in Betrieb hält, liefert Teheran einen Einnahmestrom und einen Verhandlungshebel: Je länger keine Einigung kommt, desto mehr Geld fließt, desto weniger Grund hat Iran, in der Preisfrage nachzugeben.
Kommentare