Hormus: Iran blockiert Alternativroute, USA eskalieren
Seit dem Versailler Memorandum vom 17. Juni gilt das Abkommen zwischen Washington und Teheran offiziell als in Kraft. Innerhalb von zwei Wochen hat sich gezeigt, wie fragil diese Einigung ist: Der Iran verweigert Schiffen die Nutzung eines von der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) und dem Sultanat Oman eingerichteten Alternativkorridors und droht Zuwiderhandelnden mit militärischen Konsequenzen. Am vergangenen Wochenende eskalierte der Konflikt erneut: Eine Drohne traf den panamaischen Tanker M/T Kiku, das US-Zentralkommando antwortete mit Angriffen auf zehn iranische Militärziele. Beide Seiten vereinbarten danach eine weitere Feuerpause.
Die neue Schifffahrtsroute und Irans Veto
Am 25. Juni gaben Oman und die IMO bekannt, einen neuen Transitor-Korridor durch die Straße von Hormus einzurichten. Die Route hält Schiffe möglichst lange in omanischen Hoheitsgewässern und minimiert so die Exposition gegenüber Einheiten der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) in internationalen Gewässern. Oman und die IMO koordinierten den Schritt ohne formelle Absprache mit dem Iran. Die IRGC reagierte noch am selben Tag mit einer förmlichen Warnung: Der Korridor sei inakzeptabel und vollständig gefährlich, Schiffe, die ihn ohne iranische Genehmigung benutzten, begäben sich in ernsthafte Gefahr. Stunden nach der Warnung meldete das britische Militär, ein Frachtschiff sei auf der omanischen Route beschossen worden.
Tracking-Daten des Schifffahrts-Analyseunternehmens Windward zeigen, dass bis Ende Juni bereits rund 50 Prozent des Handelsverkehrs auf Alternativrouten ausgewichen ist. Doch die IRGC-Warnung zeitigte unmittelbare Wirkung: Mindestens zwei Tanker kehrten um. Lloyd's List dokumentierte Fälle, in denen Kapitäne die omanische Route abbrachen, weil Reedereien angesichts der Drohungen kein Versicherungsrisiko eingehen wollten.
Drohne auf M/T Kiku und zehn US-Gegenschläge
Am Sonntag, dem 28. Juni, wurde der panamaische Tanker M/T Kiku in der Straße von Hormus von einer Drohne getroffen. Das US-Zentralkommando (CENTCOM) identifizierte den Iran als Verantwortlichen und schickte in der Nacht auf Montag Kampfjets: Zehn iranische Militärziele in und um die Straße von Hormus wurden beschossen, darunter Raketenlager und Drohnendepots sowie Küstenradaranlagen. Iran antwortete mit Raketenangriffen auf Kuwait und Bahrain. Präsident Donald Trump schrieb auf Truth Social, US-Flugzeuge hätten iranische Raketendepots und Radaranlagen getroffen, weil der Iran die Waffenruhe erneut gebrochen habe.
Nach mehrstündigen Verhandlungen vereinbarten Washington und Teheran eine Feuerpause. US-Vertreter erklärten, beide Seiten hätten zugestimmt, Handelsschiffen freie Durchfahrt durch die Straße von Hormus zu ermöglichen. Ob die IRGC diese Zusage in der Praxis umsetzt, ist eine andere Frage. Das Muster der vergangenen Wochen zeigt: Auf eine Eskalation folgt eine Pause, auf eine Pause folgt die nächste Provokation.
Ölpreis als Barometer der Unsicherheit
Rohöl der Nordseesorte Brent notierte am Montag nach Ankündigung der Feuerpause bei 72,91 Dollar pro Barrel, ein Anstieg von 1,3 Prozent gegenüber dem Vortag. West Texas Intermediate (WTI) stieg um 1,9 Prozent auf 70,56 Dollar. Zum Vergleich: Im Februar, direkt nach den ersten US-israelischen Luftangriffen auf Iran, hatte Brent kurzfristig 126 Dollar erreicht. Der Weg auf 70 Dollar reflektiert die Hoffnung auf Normalisierung. Jede erneute Eskalation, das hat das Wochenende gezeigt, kann den Preis innerhalb von Stunden um mehrere Prozent bewegen.
Die wirtschaftliche Dimension ist erheblich. Täglich passieren rund 21 Millionen Barrel Rohöl die Straße von Hormus, das entspricht etwa 21 Prozent des weltweit gehandelten Öls. Selbst wenn die Hälfte des Verkehrs auf Alternativrouten ausweicht, bleibt die Meerenge für Tanker mit Zielhafen Persischer Golf unverzichtbar. Europas LNG-Importe aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten sind auf freie Durchfahrt angewiesen.
Ungelöster Souveränitätsstreit
Hinter dem Korridor-Streit steht eine ungelöste Grundsatzfrage: Wer kontrolliert die Straße von Hormus? Das internationale Seerecht garantiert Transitsouveränität in international genutzten Meerengen, doch der Iran beansprucht faktisch ein Vetorecht über jeden Schiffsdurchgang. Solange die IRGC Schiffe beschießen kann, die eine von der IMO und Oman anerkannte Route nutzen, existiert diese Transitsouveränität nur auf dem Papier.
Das JMIC (Joint Maritime Information Center) plant nach US-Angaben, den Oman-Korridor in den kommenden Wochen auszubauen und stärker zu bewachen. Die entscheidende Frage ist, ob der Iran diesen Korridor schließlich als fait accompli akzeptiert oder weiter auf seinem faktischen Vetorecht besteht. Jedes Handelsschiff, das die Straße von Hormus in den kommenden Wochen passiert, wird diesen Zielkonflikt in Echtzeit austragen.
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