IRGC-Drohne stoppt UN-Evakuierung in Hormus
Die 11.000 Seeleute, die seit dem Ausbruch des Irankriegs Ende Februar im Persischen Golf auf ihre Evakuierung gewartet haben, müssen weiter warten. Iranische Revolutionsgarden beschossen am Donnerstag das Containerschiff „Ever Lovely“ unter singapurischer Flagge mit einer Drohne und beschädigten das Brückenhaus, als das Schiff die Straße von Hormus verließ. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) setzte die erst drei Tage zuvor angelaufene Massenevakuierung sofort aus. Der Angriff macht deutlich: Das Islamabad-Memorandum verspricht freie Durchfahrt auf dem Papier. Wer die Route durch die Meerenge kontrolliert, entscheidet weiterhin Teheran.
Eine Evakuierungsaktion mit drei Tagen Laufzeit
Am 23. Juni hatten IMO und Oman die lang erwartete Operation gestartet, um festsitzende Schiffe aus dem Persischen Golf herauszuleiten. Rund 11.000 Seeleute auf etwa 2.000 Schiffen waren dort seit Kriegsbeginn eingeschlossen, viele seit vier Monaten ohne Möglichkeit zur Heimkehr oder Ablösung. Die IMO richtete zwei temporäre Routen durch die Meerenge ein: eine südlich, eine nördlich des bestehenden Verkehrsabscheiders. Jedes Schiff sollte ein individuelles Abreisedatum und Durchfahrtsinstruktionen erhalten, koordiniert von der IMO, Oman und, so die Planungsannahme, im Einvernehmen mit Teheran.
Schon unmittelbar vor dem Angriff hatte die IRGC-Marine eine scharfe Warnung herausgegeben. Die Revolutionsgarden erklärten, die von Oman und der IMO angekündigte Route sei „ohne vorherige Benachrichtigung oder Koordinierung mit der Islamischen Republik Iran“ bekanntgegeben worden. „Die vorgeschlagene Route ist inakzeptabel und birgt ernste Sicherheitsrisiken“, teilte die IRGC mit. Schiffe auf dieser Route zu navigieren, sei „extrem gefährlich und verboten.“ Das Containerschiff „Ever Lovely“ befand sich genau auf dieser Route, als der Angriff erfolgte, rund 14 Kilometer südwestlich der omanischen Küste.
Der Routenstreit und seine innere Logik
Der Konflikt um die Durchfahrtsrouten hat eine eigenständige Vorgeschichte. Das Islamabad-Memorandum vom 17. Juni, das Trump während eines Abendessens mit Emmanuel Macron in Versailles unterzeichnete, sieht eine 60-tägige Verlängerung des Waffenstillstands und die Wiederröffnung der Straße von Hormus für den Handelsverkehr vor. Die Burgenstock-Gespräche in der Schweiz (21. und 22. Juni) unter US-Vizepräsident JD Vance und Irans Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf skizzierten eine „Roadmap für ein endgültiges Abkommen“ und richteten einen Dekonflikt-Kanal für den Libanon ein. Iran stimmte auch der Rückkehr von IAEA-Inspektoren zu.
Was in keiner dieser Vereinbarungen festgelegt wurde: Wer bestimmt die konkreten Routen durch Hormus und unter welchen Bedingungen? Die IRGC betrachtet die Meerenge als Teil ihres Sicherheitsbereichs und besteht darauf, dass Transitschiffe Routen nutzen, die vorab mit der iranischen Marine abgestimmt wurden. Oman und die IMO verstanden das Memorandum als Ermächtigung, eigene Korridore zu eröffnen. Iran offenbar nicht. Der Angriff auf die „Ever Lovely“ ist die praktische Umsetzung dieser Interpretation.
Was das Memorandum verspricht und was es nicht regelt
Trump hatte am 24. Juni auf Truth Social in Großbuchstaben verkündet, Iran habe ihm persönlich versichert: „NO TOLLS, NO INSURANCE COSTS, & NO OTHER CHARGES OF ANY KIND“ für Schiffe in der Meerenge. Irans Außenministerium hat diese Versicherung nie bestätigt und plant nach eigenem Bekunden Servicegebühren für Navigation, sobald das 60-Tage-Fenster abläuft. Der Angriff auf die „Ever Lovely“ einen Tag nach dieser Erklärung Trumps verdeutlicht die Kluft zwischen dem, was Washington verkündet und dem, was Teheran tatsächlich zusagt.
Das Memorandum vertagt die schwierigsten Fragen auf spätere Verhandlungen. Ob Iran sein Atomprogramm zurückbaut, unter welchen Bedingungen und in welchem Zeitrahmen, bleibt ebenso offen wie das Schicksal der bestehenden Hochanreicherungsbestände. Das iranische Raketenprogramm und das Netzwerk nichtstaatlicher Verbündeter im Nahen Osten finden im Text keine Erwähnung. Selbst für die Schifffahrt fehlen operationelle Detailregeln: Was genau als „freie Durchfahrt“ gilt, wer sie gewährleistet und wie Verstöße geahndet werden, ist nirgends definiert.
Bis 17. August: Drei offene Kernfragen
Das 60-Tage-Fenster des Islamabad-Memorandums läuft bis zum 17. August 2026. Bis dahin müssen USA und Iran ein endgültiges Abkommen unterzeichnen oder der Waffenstillstand endet. Die Kernstreitpunkte sind bekannt: Darf Iran weiterhin Uran anreichern und auf welchem Anreicherungsgrad? Was passiert mit dem bereits vorhandenen Hochanreicherungsbestand? Und vor allem: Welche operative Kontrolle über Hormus verbleibt bei Teheran?
Die IMO hat angekündigt, die Sicherheitsgarantien neu zu bewerten, bevor die Evakuierungsoperation wieder aufgenommen wird. Einen Zeitplan nannte sie nicht. Gleichzeitig hat das Weiße Haus beim Kongress einen Nachtragshaushalt von 87,6 Milliarden Dollar für den Irankrieg beantragt. Das Signal ist eindeutig: Washington verhandelt, aber finanziert parallel die militärische Handlungsfähigkeit. Für die 11.000 Seeleute, die jetzt wieder warten müssen, ist das eine bittere Nachricht.
Kommentare