Iran trifft Al Udeid: Mediator Katar im Kreuzfeuer
14 Tote und 78 Verletzte in zwei Tagen, rund 90 iranische Militärziele in einer einzigen Nacht zerstört: Das ist die Bilanz des zweiten US-Angriffs auf Iran, seit Donald Trump die Waffenruhe beim NATO-Gipfel in Ankara für beendet erklärt hat. Was die Lage qualitativ verändert, ist nicht die Zahl der Schläge, sondern ihr geografischer Ausgriff: Iran beschoss erstmals die US-Basis Al Udeid in Katar, die größte amerikanische Militäranlage im Nahen Osten. Katar ist damit zum ersten Staat in diesem Konflikt geworden, der gleichzeitig Angriffsziel und Vermittler ist: Premierminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani rief Irans Außenminister Abbas Araghchi noch am Donnerstagmorgen an und bat um Rückkehr zur Diplomatie.
Zweite Angriffsnacht: 90 US-Schläge, Einschläge nahe Buschehr
Das US-Zentralkommando (CENTCOM) schlug in der Nacht auf Donnerstag mit rund 90 Angriffen auf militärische Einrichtungen entlang der iranischen Küste ein. Als Ziele nannte CENTCOM Schiffsbekämpfungssysteme, Luftabwehranlagen und Küsteninfrastruktur in Bandar Abbas, Sirik, Kuhestak, Chabahar, Jask, auf der Insel Abu Musa und in Konarak.
Besonders heikel: Stellvertretender Gouverneur Ehsan Jahaniyan von Buschehr bestätigte gegenüber iranischen Staatsmedien, dass Einschläge in der Umgebung des Kernkraftwerks Buschehr registriert wurden. Das ist der erste bestätigte Einschlag in unmittelbarer Nähe einer zivilen iranischen Nuklearanlage seit Kriegsbeginn. Das iranische Atomenergieministerium teilte mit, die Anlage selbst sei unbeschädigt und weiter in Betrieb.
Die Opferbilanz nach zwei Tagen: Acht Angehörige der iranischen Luftwaffe und Marine starben bei Angriffen auf Bandar Abbas und Buschehr. Drei Zivilisten kamen ums Leben, als ein US-Angriff einen Fischereisteg in Sirik traf und 15 weitere Menschen verletzte. Iran bestätigte insgesamt 14 Tote und 78 Verletzte seit Beginn der zweiten Angriffswelle.
Die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) antwortete: Raketen und Drohnen trafen Treibstoffdepots der US-Armee in Bahrain, ein Patriot-Luftabwehrsystem in Kuwait wurde angegriffen und eine Satellitenantenne auf katarischem Boden getroffen. In einer weiteren Salve beschoss die IRGC Al Udeid direkt mit ballistischen Raketen kurzer und mittlerer Reichweite. Katar meldete keine Todesopfer.
Katar: Gastgeber, Vermittler und Angriffsziel in einer Nacht
Al Udeid Air Base liegt rund 30 Kilometer südwestlich von Doha und beherbergt rund 10.000 US-Militärangehörige. Es ist das operative Drehkreuz für CENTCOM-Luftoperationen im Nahen Osten, von dem aus Missionen über dem Persischen Golf, dem Arabischen Meer und darüber hinaus koordiniert werden. Katar und die USA hatten das Basisabkommen zuletzt 2024 verlängert. Das Außenministerium in Doha bezeichnete den Angriff als »flagrante Verletzung der Souveränität, des Luftraums, des Völkerrechts und der UN-Charta«.
Gleichzeitig rief Premierminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani Außenminister Araghchi am Donnerstagmorgen an und drängte auf Einhaltung des Islamabad-Memorandums und eine Rückkehr zu Gesprächen. Diese Konstellation ist ohne Präzedenz: Kein Vermittlerstaat in einem aktiven Großkonflikt der jüngeren Geschichte hat die Mediation fortgesetzt, während er selbst unter Beschuss stand.
Für Katar addiert sich der wirtschaftliche Schaden. Im März 2026 hatten iranische Raketen zwei der 14 Verflüssigungsanlagen des Ras-Laffan-Komplexes zerstört, der weltgrößten LNG-Anlage. QatarEnergy-Chef Saad al-Kaabi bezifferte die Produktionsausfälle auf 17 Prozent für drei bis fünf Jahre, das entspricht rund 12,8 Millionen Tonnen LNG jährlich. Am 7. Juli wurde der katarische LNG-Tanker Al Rekayyat beim Verlassen der Straße von Hormus von einer Drohne oder Rakete getroffen und in Brand gesetzt. Europäische Gaspreise stiegen in Folge um bis zu 4,5 Prozent. Laut dem Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen (ECFR) sind globale LNG-Lieferungen aktuell rund 20 Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum.
Was vom Islamabad-Memorandum noch übrig bleibt
Das Islamabad-Memorandum wurde am 17. Juni 2026 unterzeichnet und sieht eine 60-tägige Waffenstillstandsphase vor, um drei Kernfragen zu verhandeln: das iranische Atomprogramm, ein dauerhaftes Ende der Kampfhandlungen und die Öffnung der Straße von Hormus. Pakistan unter Außenminister Ishaq Dar und Katar hatten das Abkommen vermittelt. Beide drängten nach der Julieskalation auf Einhaltung: Pakistans Außenministerium forderte am Mittwoch Zurückhaltung und Verpflichtung zum Memorandum. Katars Premier telefonierte am Donnerstag mit Araghchi.
Auf US-Seite zeigt sich eine Widersprüchlichkeit, die bereits die erste Phase des Konflikts geprägt hat: Trump nannte Verhandlungen auf der NATO-Pressekonferenz eine Zeitverschwendung und erklärte, er wolle mit der iranischen Führung nicht mehr umgehen. Sein Sondergesandter Steve Witkoff und Jared Kushner befinden sich Medienberichten zufolge dennoch weiter in der Region. Iran drohte mit einem vollständigen Stopp der Gespräche, hat die Kommunikationskanäle bislang aber nicht formal abgebrochen.
Die Lage ähnelt strukturell der Eskalationsphase Anfang Juni: gegenseitige Schläge und Verhandlungen liefen parallel. Damals mündete das in das Islamabad-Abkommen. Ob dieser Mechanismus ein zweites Mal greift, ist aus einem einfachen Grund fraglich: Im Juni stand Trump am Anfang der Eskalation und akzeptierte das Memorandum. Jetzt hat er es selbst für beendet erklärt.
Die Frist am 16. August: Was Witkoff noch erreichen kann
Das Islamabad-Memorandum läuft formal bis zum 16. August 2026. Drei realistische Szenarien stehen auf dem Tisch.
Im ersten gelingt Witkoff und Kushner in den kommenden Tagen eine Deeskalationsvereinbarung: Iran stoppt Angriffe auf Golfstaaten, die USA setzen Schläge vorübergehend aus, die Gespräche über Hormus und Atomprogramm gehen weiter. Pakistan und Katar haben die institutionellen Strukturen dafür. Dass Katars Premierminister trotz der eigenen Angriffsziele auf Vermittlung besteht, spricht für dieses Szenario.
Im zweiten Szenario eskaliert Iran über die bisherigen Muster hinaus: Angriffe auf Energieinfrastruktur in Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, die bislang verschont blieben oder eine vollständige Hormussperre. Brent-Rohöl würde erneut die 100-Dollar-Marke ansteuern, die globale LNG-Versorgung würde weiter einbrechen.
Im dritten Szenario bleibt die aktuelle Lage eingefroren: gegenseitige Angriffe ohne Eskalation und ohne Einigung. Für die Energiemärkte wäre das schlechteste Ergebnis, weil die Planungsunsicherheit anhält.
Den Ausgang entscheidet am Ende nicht Trump und Araghchi selbst, sondern ob Witkoff, Kushner, Ishaq Dar und der katarische Premier bis zum 16. August eine Formel finden, die beiden Seiten als Gesichtswahrung akzeptabel erscheint. Katar dürfte daran festhalten, auch unter Beschuss.
Aktualisierungen
Update 9. Juli, 19:07 Uhr: Der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus ist auf einen Bruchteil des Vorkriegsniveaus eingebrochen: Am Mittwoch passierten laut CNBC nur noch 13 Tanker die Meerenge, verglichen mit einem Durchschnitt von 33 Tankern täglich in der Vorwoche und einem Vorkriegsniveau von schätzungsweise 120 bis 140 Schiffen pro Tag. Irans Chefverhandler und Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf stellte klar, zu welchen Bedingungen die Meerenge wieder geöffnet werde: ausschließlich unter iranischen Arrangements, nicht aufgrund amerikanischer Drohungen. Auf dem NATO-Gipfel in Ankara trat gleichzeitig die transatlantische Spaltung über den Irankrieg offen zutage: Trump erklärte den Einsatz rückblickend zu einem Test der Bündnistreue, den Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien nicht bestanden hätten. Paris und Rom hatten Kampfmissionen aus Stützpunkten auf ihrem Territorium verweigert, Madrid den USA die Basen Rota und Morón für Angriffe auf Iran untersagt.
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