Englands Krebsplan: 75 Prozent Überlebensrate bis 2035
England gehört beim Thema Krebs zu den schlechtesten Industrienationen: Nur 60 Prozent der Patienten überleben fünf Jahre nach ihrer Diagnose. Bei Lungenkrebs liegt das Land acht Prozentpunkte hinter Norwegen, bei Brustkrebs fünf Punkte hinter Schweden. Am 4. Februar 2026, dem Weltkrebstag, legte die britische Regierung einen Nationalen Krebsplan vor, der das bis 2035 auf 75 Prozent steigern soll. Wenn das gelingt, könnten rund 320.000 Menschen gerettet werden, die sonst sterben würden.
Ein Jahrzehnt im Rückstand
Brust- und Lungenkrebs beschreiben keine Ausnahmen, sondern die Regel in der englischen Krebsversorgung. Eine Studie im Auftrag des Verbands der britischen Pharmaindustrie ergab, dass britische Krebspatienten bei neun von zehn großen Krebsarten die schlechtesten Überlebensraten in Europa aufweisen. Der Abstand ist bei häufigen Tumoren besonders groß: Die englische Fünfjahresüberlebensrate bei Brustkrebs liegt bei 86 Prozent, die schwedische bei 91 Prozent. Bei Lungenkrebs überleben in England 19 Prozent der Patienten fünf Jahre; in Norwegen sind es 27 Prozent.

Die Ursache ist strukturell. England diagnostiziert Krebs im Durchschnitt später als seine europäischen Nachbarn. Wer erst bei einem fortgeschrittenen Tumor eine Diagnose erhält, hat deutlich schlechtere Behandlungsoptionen. Dieser späte Diagnosezeitpunkt ist der zentrale Hebel, den der neue Krebsplan verändern soll.
Was der Plan im Einzelnen vorsieht
Das Kernstück des Nationalen Krebsplans ist eine Investition von 2,3 Milliarden Pfund Sterling in Diagnosekapazitäten: Bis 2029 sollen damit rund 9,5 Millionen zusätzliche Tests ermöglicht werden. Die Gemeindediagnosezentren sollen bis zu zwölf Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche geöffnet sein. Bis März 2029 soll der sogenannte 28-Tage-Standard gelten: 80 Prozent aller Krebspatienten sollen innerhalb von 28 Tagen nach Überweisung eine Diagnose erhalten. Bislang wird dieser Wert deutlich verfehlt.
Bei der Behandlung plant die Regierung eine Ausweitung robotergestützter Chirurgie von heute rund 70.000 auf 500.000 Eingriffe jährlich bis 2035. Das nationale Lungenkrebsscreening soll bis 2030 flächendeckend ausgerollt sein. Cancer Research UK begrüßte den Plan und hob hervor, dass Kinder- und Jugendkrebsforschung erstmals als expliziter Prioritätsbereich verankert wurde.
Das Personalproblem: Ehrgeizige Ziele, fehlende Ärzte
Zwei unabhängige Analysen dämpfen den Optimismus erheblich. Der britische Thinktank The King's Fund untersuchte, ob der NHS die geplanten Innovationen überhaupt umsetzen kann. Das Ergebnis: Klinisches Personal fehlt. Fachkräftemangel und steigende Patientenzahlen lassen dem Personal zu wenig Zeit, Neuerungen zu erproben und einzuführen. Konkret projiziert das King's Fund bis 2029 einen Engpass von 39 Prozent bei Radiologen und 19 Prozent bei Onkologiespezialisten, also genau bei den Berufsgruppen, die der Diagnoseausbau zuerst braucht.
Das Fachjournal The Lancet Oncology stellte zur Planveröffentlichung die Frage: „Hollow Promises?“ Die Zeitschrift wies darauf hin, dass England von den messbaren Zielen früherer NHS-Krebspläne bislang nur eines erfüllt hat. Im Jahr 2025 begannen lediglich 70,2 Prozent der Patienten ihre Krebsbehandlung innerhalb der gesetzlich vorgesehenen 62 Tage.

Was andere Länder bereits erreicht haben
Dänemark bietet das historisch nächste Vergleichsbeispiel. In den 1990er-Jahren war Dänemarks Krebsversorgung eine der schlechtesten Nordeuropas. Im Jahr 2000 lancierte das Land seinen ersten Nationalen Krebsplan; 2007 stufte die Regierung Krebs offiziell als akute lebensbedrohliche Erkrankung ein und beschleunigte die Diagnosepfade. Das Ergebnis laut WHO Europa: Die Fünfjahresüberlebensrate stieg von 48 Prozent im Jahr 2002 auf 61 Prozent im Jahr 2014, ein Zuwachs von 13 Prozentpunkten in zwölf Jahren. Entscheidend war die Zentralisierung der Krebschirurgie auf weniger, aber besser ausgestattete Zentren und ein konsequentes Screeningrollout.
Australien zeigt, was am Ende einer solchen Entwicklung stehen kann. Laut dem Australian Institute of Health and Welfare lag die Fünfjahresüberlebensrate für Krebs in Australien in den Jahren 2017 bis 2021 bei 70 Prozent, also zehn Punkte über Englands aktuellem Ausgangswert. Bei Brustkrebs erreicht Australien 93 Prozent, sieben Prozentpunkte mehr als England. Die treibende Kraft war ein systematisches nationales Früherkennungsprogramm.
Beide Fälle verbindet dasselbe Prinzip: Der Fortschritt kam nicht durch bessere Medikamente allein, sondern durch frühere Diagnose. Genau das ist das Ziel des englischen Krebsplans.
Drei Bedingungen, von denen der Plan abhängt
Noch in diesem Herbst soll eine aktualisierte NHS-Personalplanung veröffentlicht werden. Sie muss konkrete Ausbildungsaufstockungen in Radiologie, Onkologie und Histopathologie liefern. Das King's Fund hat diesen Schritt als zentrale Weichenstellung bezeichnet: Ohne ihn bleibe der Krebsplan ein Wunschdokument.
Im März 2029 folgt der erste messbare Prüfpunkt: Der 28-Tage-Diagnosestandard soll für 80 Prozent der Patienten gelten. Ob das erreichbar ist, hängt direkt von der Personalentwicklung in den nächsten drei Jahren ab. Bis 2030 soll außerdem das nationale Lungenkrebsscreening flächendeckend laufen. Lungenkrebs ist die Krebsart mit der größten Überlebenslücke gegenüber europäischen Nachbarländern.
Wenn der Plan hält, was er verspricht, holt England auf, was ein Jahrzehnt Unterversorgung hinterlassen hat. Dänemark brauchte dafür zwölf Jahre. England hat neun.
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