Iran und USA einigen sich auf Fahrplan für Endabkommen
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Iran und USA einigen sich auf Fahrplan für Endabkommen

Trotz Trumps Drohungen während der laufenden Verhandlungen einigten sich USA und Iran auf dem Bürgenstock auf einen Fahrplan für ein Endabkommen. Drei Arbeitsgruppen und eine Libanon-Deeskalationszelle sollen die 60-Tage-Frist mit Substanz füllen.

22. Juni 2026, 8:42 Uhr 874 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Irans Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf drohte am Sonntagabend, die Gespräche in der Schweiz abzubrechen. US-Präsident Donald Trump hatte in einem Fox-News-Interview gedroht, Iran "sehr hart zu treffen", während Vizepräsident JD Vance und Irans Außenminister Abbas Araghchi noch am Verhandlungstisch saßen. Dass die Bürgenstock-Gespräche trotzdem mit einem gemeinsamen Fortschrittsdokument endeten, ist das überraschendste Ergebnis eines von Krisen geprägten Wochenendes.

Das Versailler Memorandum und seine strukturelle Schwäche

Am 17. Juni hatten US-Präsident Trump und Irans Präsident Masoud Pezeshkian in Versailles ein 14-Punkte-Memorandum of Understanding unterzeichnet. Der Kern: Iran verpflichtet sich, keine Atomwaffen anzustreben; die USA heben die Marineblockade iranischer Häfen auf; die Straße von Hormus bleibt 60 Tage lang für alle Handelsschiffe gebührenfrei offen. In dieser Frist sollen die technischen Details eines umfassenden Abkommens verhandelt werden.

Die Schwachstelle des Memorandums liegt im Libanon. Der Text enthält nur eine weiche Formulierung zur territorialen Integrität des Libanon, ohne verbindlichen Abzugsauftrag an Israel. Iran erklärte unmittelbar nach der Unterzeichnung, die Straße von Hormus werde nicht geöffnet, solange Israel im Südlibanon operiere. Als Israel am 20. Juni trotz einer zweiten Israel-Hisbollah-Waffenruhe erneut Luftangriffe auf den Südlibanon flog und libanesischen Angaben zufolge mindestens 16 Menschen tötete, erklärte die Islamische Revolutionsgarde IRGC die Straße von Hormus erneut für gesperrt. Das US-Zentralkommando CENTCOM widersprach: 55 Handelsschiffe seien am Samstag ungehindert passiert; Iran kontrolliere die Meerenge nicht.

Drei Arbeitsgruppen und eine Deeskalationszelle

Das Ergebnis der ersten Bürgenstock-Runde ist eine Vierer-Struktur. Ein Hochrangiges Politisches Komitee übernimmt die politische Aufsicht. Darunter arbeiten drei Gruppen parallel: Atomfragen, Sanktionen und Streitbeilegung. Als viertes Element wurde eine gemeinsame Deeskalationszelle für den Libanon eingerichtet, an der neben USA und Iran auch Libanon sowie die Vermittlerländer Pakistan und Katar beteiligt sind. Die Zelle soll die immer noch fragile Waffenruhe im Südlibanon stabilisieren.

Araghchi nannte den ersten Verhandlungstag einen "großen Fortschritt" und listete iranische Gewinne auf: Ausnahmeregelungen bei Öl- und Petrochemieexporten, Aufhebung der Blockade iranischer Häfen, Freigabe eingefrorener Auslandsvermögen und den Start eines Wiederaufbauprogramms und Entwicklungsplans. Vance sprach von einer "Chance, eine neue Seite aufzuschlagen". Vermittler Pakistan und Katar beschrieben die Atmosphäre als "positiv und konstruktiv" mit "ermutigendem Fortschritt".

Wie Trumps Drohung die Gespräche fast stoppte

Am Sonntagabend geriet das gesamte Treffen ins Wanken. Trump erklärte in einem Fox-News-Interview, er werde Iran "sehr hart treffen", falls die Hormusstraße nicht sofort geöffnet werde. Ghalibaf reagierte scharf: Die Drohung zeige "Verzweiflung" in Washington. CNN berichtete, die Verhandlungen seien für mehrere Stunden ausgesetzt worden. Laut NBC News arbeiteten pakistanische und katarische Diplomaten intensiv daran, die iranische Delegation im Hotel zu halten.

Politisch war Trumps Einmischung ungünstig, weil sie Ghalibaf in eine Zwangslage brachte. Als Parlamentspräsident und ehemaliger IRGC-General kann er es sich gegenüber der Hardlinerfraktion in Teheran nicht leisten, als einer wahrgenommen zu werden, der US-Drohungen kommentarlos hinnimmt. Die IRGC, die Hormuz-Sperrungserklärung ausgegeben hatte, ist institutionell skeptisch gegenüber einem Ausgleich mit Washington. Dass Ghalibaf die Gespräche trotzdem fortsetzte, ist ein Signal, dass auch die Hardliner die wirtschaftliche Not Irans nicht ignorieren können. Brent-Rohöl war nach der MoU-Unterzeichnung von rund 109 auf etwa 78 Dollar je Barrel gefallen; ein Scheitern würde diesen Rückgang rasch umkehren.

60 Tage bis Mitte August: Die Urananreicherungsfrage

Die härteste Aufgabe der Atomarbeitsgruppe ist Irans Urananreicherungsprogramm. Das Versailler Memorandum verpflichtet Iran, seinen Vorrat an auf 60 Prozent angereichertem Uran vor Ort unter IAEA-Aufsicht zu verdünnen. Irans Präsident Pezeshkian hat gleichzeitig erklärt, das grundsätzliche Recht auf Urananreicherung stehe nicht zur Disposition. Der Vorrat beläuft sich auf rund 440 Kilogramm, lagert seit Kriegsbeginn Ende Februar 2026 ohne IAEA-Kontrolle und liegt zwar unterhalb der Waffenqualität von 90 Prozent, reicht aber für mehrere Bomben, falls der Anreicherungsgrad erhöht würde.

Analysten der Foundation for Defense of Democracies warnten, eine bloße Verdünnung des Vorrats löse das strukturelle Problem nicht: Iran könnte das Material künftig erneut auf Waffenniveau anreichern. Eine belastbare Lösung würde erfordern, den Vorrat außer Landes zu transferieren oder dauerhaft unbrauchbar zu machen. Iran hat einen Transfer bisher abgelehnt. Araghchi nannte die Libanon-Deeskalationszelle "den ersten echten Test des Abkommens", diese Formulierung gilt für das gesamte 60-Tage-Projekt: Bis Mitte August müssen die Konturen einer Lösung erkennbar sein, sonst endet die Frist ohne Ergebnis und das Memorandum steht vor dem Scheitern.

Update 22. Juni, 19:00 Uhr: Vance bezeichnete die Einladung von IAEA-Inspektoren durch Iran als „großen Meilenstein“. Iran werde die Inspektoren noch „diese Woche, möglicherweise noch heute“ einladen; die Koordination zwischen Iran, den USA und der IAEA solle umgehend anlaufen. Die iranische Seite dementierte wenige Stunden später: In der Schweiz seien keine neuen Zusagen zum Atomprogramm gemacht worden. Es ist der dritte Auslegungsstreit in fünf Tagen: Nach den Debatten über 24 Milliarden Dollar eingefrorener Vermögenswerte und Hormuz-Transitgebühren behaupten USA und Iran auch zum nuklearen Kernthema grundsätzlich Verschiedenes. Die IAEA hat bisher keine eigene Stellungnahme abgegeben.

Update 23. Juni, 07:08 Uhr: Das US-Finanzministerium hat am Montag eine 60-Tage-Allgemeinlizenz ausgestellt, die Irans Ölindustrie nahezu vollständig von Sanktionen befreit: Produktion, Transport und Verkauf iranischen Rohöls sind bis zum 21. August genehmigt, Zahlungen dürfen in US-Dollar abgewickelt werden. Treasury-Sekretär Scott Bessent bezeichnete die Maßnahme als Bedingung des Versailler Memorandums. In den ersten fünf Tagen seit Inkrafttreten verschiffte Iran fast 18 Millionen Barrel Rohöl im Wert von rund 1,44 Milliarden Dollar. Die technischen Gespräche in Bürgenstock gehen in die zweite Runde: die drei Arbeitsgruppen für Atomfragen, Sanktionen und Streitbeilegung verhandeln durch die ganze Woche, während die IAEA noch keine eigene Stellungnahme zu ihrer geplanten Inspektion abgegeben hat.

Quellen (17)

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