Pride Match: Iran beklagt Diskriminierung durch USA
International

Pride Match: Iran beklagt Diskriminierung durch USA

Das WM-Gruppenspiel zwischen Iran und Ägypten in Seattle wurde von der gastgebenden Stadt als Pride Match designiert. Nach dem 1:1-Unentschieden fordert Irans Trainer FIFA auf, gegen die US-Behandlung des Teams einzuschreiten. Irans Kapitän Taremi überraschte mit einer anderen Botschaft.

2. Juli 2026, 0:33 Uhr 822 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Als in Seattle am 26. Juni das Gruppenspiel zwischen Ägypten und dem Iran angepfiffen wurde, wehten im Lumen Field Regenbogenfahnen, trugen Fans Pride-Match-Schals und der iranische Trainer Amir Ghalenoei wusste, dass sein Team in einem Spiel stand, das längst über Fußball hinausgegangen war. Irans Nationalmannschaft spielte ihr letztes Gruppenspiel der WM 2026 in einer Kulisse, die Regierung in Teheran seit Monaten als unakzeptabel bezeichnet hatte. Das 1:1 reichte am Ende weder für das Weiterkommen noch für Stille.

Wie ein Fußballspiel zur politischen Bühne wurde

Seattle hatte das Gruppenspiel bereits im Dezember 2025 zum Pride Match erklärt, als feststand, dass das Duell auf den letzten Juni-Freitag fiel, traditionell das Kernwochenende der dortigen Pride-Feierlichkeiten. Der lokale Ausrichterausschuss, eine von FIFA unabhängige Organisation, plant jedes Jahr an diesem Datum besondere Veranstaltungen. Dass ausgerechnet Iran und Ägypten in Seattle aufeinandertreffen würden, hatte die Auslosung entschieden.

Beide Verbände protestierten umgehend. Der iranische Fußballverband bezeichnete die Pride-Benennung als „irrationale Aktion zur Unterstützung einer bestimmten Gruppe”. Verbandspräsident Mehdi Taj teilte FIFA mit, dass Teheran und Kairo ihre Einwände formell übermittelt hätten. Der ägyptische Verband schickte FIFA einen Brief, in dem er „alle Aktivitäten zur Förderung von Homosexualität rund um das Spiel kategorisch ablehnt”.

FIFA ließ beide Proteste ins Leere laufen. Regenbogenfahnen seien nach dem Stadion-Verhaltenskodex der WM 2026 ausdrücklich erlaubt, teilte der Verband mit. FIFA-Präsident Gianni Infantino stellte klar: Es gebe kein offizielles Pride Match, sondern ein FIFA-WM-Spiel in Seattle, zu dem lokale Organisationen am gleichen Tag eigene Veranstaltungen planen würden. Der Unterschied ist juristisch bedeutsam, inhaltlich kaum.

Das Spiel, das Ghalenoei verlor und Taremi gewann

Das Spiel selbst verlief spannend. Ägypten ging früh in Führung nach einem Torwartfehler, Iran glich durch einen Elfmeter-Nachschuss aus. In der Nachspielzeit glaubte Iran, die Partie noch gedreht zu haben, doch der Videobeweis erkannte ein knappes Abseits. Das 1:1 reichte Iran nicht: Die Mannschaft schied als Gruppendritter aus, weil sie nicht zu den acht besten Drittplatzierten der WM gehörte. Ägypten erreichte dagegen zum ersten Mal in seiner Geschichte die Zwischenrunde.

Die Atmosphäre im Stadion war lebhafter als erwartet, die Pride-Feiern jedoch deutlich gedämpfter als angekündigt. Auf dem Rasen selbst gab es keine offiziellen Pride-Zeremonien vor Anpfiff. Regenbogenfahnen waren im Publikum sichtbar, prominente Aktionen blieben aus. Seattle hatte sich für einen zurückhaltenden Ansatz entschieden, vermutlich um Eskalationen zu vermeiden.

Irans Kapitän Mehdi Taremi lieferte nach dem Spiel eine Antwort, die in Teheran kaum erwartet worden sein dürfte. Auf die Frage nach dem Pride Match sagte der Stürmer von Olympiacos: „Unsere Religion akzeptiert das nicht, aber wir respektieren alle LGBT-Menschen.” Der Satz war kurz, stand in erkennbarem Widerspruch zur offiziellen Verbandslinie und verbreitete sich sofort weltweit.

Ghalenoeis Klage: Visa, Medien, Übernachtungen

Trainer Ghalenoei nutzte die Pressekonferenz nach dem Ausscheiden für eine umfassendere Abrechnung. Er warf dem US-amerikanischen Gastgeber vor, die iranische Delegation beim gesamten Turnier systematisch benachteiligt zu haben. Das seien keine Kleinigkeiten: Mehrere Mitglieder des Betreuerstabs hätten keine Einreisevisa erhalten und seien nicht angereist. Iranische Medienvertreter seien bei Spielen und Pressekonferenzen nicht akkreditiert worden. Für alle drei Gruppenspiele sei dem Team verweigert worden, die Nacht in der jeweiligen US-Spielstadt zu verbringen.

„Ihr Verhalten uns gegenüber war wirklich schrecklich und wir hoffen, dass die Welt das wahrnimmt”, sagte Ghalenoei laut Al Jazeera. Er forderte FIFA-Präsident Infantino auf, sich gegenüber dem Co-Gastgeber USA zu positionieren. Iran hat diese Klagen auch offiziell an FIFA übermittelt.

Die US-Regierung hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht geäußert. Hintergrund ist der generell schwierige Status iranischer Staatsbürger bei der Einreise in die USA, der sich unter der Regierung Trump seit 2025 weiter verschärft hat. Für ein WM-Turnier, das die USA zum zweiten Mal ausrichten, sind solche logistischen Einschränkungen für einzelne Nationalteams ungewöhnlich.

Infantino bis zum Achtelfinale unter Druck

FIFA hat sich zu Ghalenoeis Vorwürfen noch nicht offiziell geäußert. Der Verband sitzt in einem Dilemma: Einerseits ist er auf die Kooperation der US-Behörden als Gastgeber angewiesen, andererseits hat er alle teilnehmenden Verbände gleiche Behandlung zugesichert. Eine öffentliche Rüge der USA wäre beispiellos. Ein Schweigen würde Irans Klage faktisch bestätigen.

Das Pride-Match-Thema läuft auf FIFA-Ebene weiter: Iran und Ägypten haben angekündigt, eine Regeländerung zu fordern, die politische und kulturelle Kontextualisierungen durch lokale Ausrichterausschüsse bei WM-Spielen einschränkt. Über die Statuten entscheidet der FIFA-Kongress nicht mehr in diesem Sommer, aber das Thema wird spätestens bei der Vergabe der WM 2030 wieder auf den Tisch kommen.

Iran ist seit dem 26. Juni aus dem Turnier ausgeschieden. Die Fragen, die dieser WM-Einsatz hinterlässt, werden noch eine Weile nachklingen: Wie weit können geopolitische Spannungen in ein Sportturnier eingreifen? Was bedeutet es für die Neutralitätsansprüche der FIFA, wenn ein Teilnehmerland systematische Benachteiligung durch den Gastgeber beklagt? Kapitän Taremis Satz über Respekt für LGBT-Menschen, gesprochen unter Druck und vor einem weltweiten Publikum, ist dabei der unerwartete Lichtblick einer Debatte, die sonst wenig Raum für Nuancen ließ.

Quellen (10)

Kommentare