Saporizhzhia: Die sechs Waffenruhen der IAEA
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Saporizhzhia: Die sechs Waffenruhen der IAEA

Das Kernkraftwerk Saporizhzhia hat seit Kriegsbeginn 18 Blackouts erlitten. Am 5. Juni trat der sechste IAEA-Waffenstillstand in Kraft, damit Techniker die letzte Hauptstromleitung reparieren können. Am 12. Juni verabschiedete der IAEA-Gouverneursrat eine Resolution zur Rückgabe des Werks. Russland lehnte sofort ab.

12. Juni 2026, 23:08 Uhr 777 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Sechs lokale Waffenruhen zwischen zwei Kriegsparteien, die sich täglich beschießen. Mehr als 180 IAEA-Beamte permanent im Krisengebiet. Achtzehn Blackouts in vier Jahren, keiner mit nuklearem Kühlungsausfall. Das ist die Bilanz, mit der IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi am 8. Juni vor den Gouverneursrat trat. Was bei dieser Sitzung herauskam, illustriert den Unterschied zwischen praktischer Atomdiplomatie und formaler Institutionspolitik: Am 12. Juni verabschiedete der Rat eine Resolution, die Russland zur Rückgabe des Kernkraftwerks Saporizhzhia an die Ukraine auffordert. Russland antwortete mit sofortiger Ablehnung, wie bei jeder Vorgängerresolution.

Europas größtes AKW: Zehn Leitungen wurden eine

Das Kernkraftwerk Saporizhzhia an der Dnipro-Schleife im Südosten der Ukraine ist mit sechs Reaktoren das größte Atomkraftwerk Europas. Russland hat das Werk seit März 2022 militärisch besetzt. Seither produziert es keinen Strom mehr, benötigt aber weiterhin externe Stromzufuhr, um die Reaktorkühlung aufrechtzuerhalten. Ohne sie droht dasselbe wie in Fukushima 2011: Nicht die Kettenreaktion, sondern die Abwärme der radioaktiven Zerfallsprodukte in den Brennstäben ist das Problem, das unbedingt abgeführt werden muss.

Vor dem Krieg war das Werk über zehn Hochspannungsleitungen mit dem ukrainischen Stromnetz verbunden. Inzwischen ist eine 330-kV-Backup-Leitung übrig, die seit Monaten als einzige externe Verbindung dient. Die 750-kV-Dniprovska-Hauptleitung, das leistungsfähigste Verbindungsstück, war am 24. März 2026 durch Kriegshandlungen unterbrochen worden. Seither wartete das Werk auf Reparatur unter Kriegsbedingungen. Hinzu kommt, dass Russland nach Angaben der IAEA Antipersonenminen im Pufferbereich der Anlage verlegt hat, was Wartungsarbeiten zusätzlich erschwert.

Vier Tage im Juni 2026

Am 4. Juni traf ein Angriff die Nikopolska Umspannstation auf der ukrainisch kontrollierten Seite des Dnipro, direkt gegenüber dem Kernkraftwerk. Die Station versorgt Infrastruktur, die das Werk mitbetreibt. IAEA-Generaldirektor Grossi bezeichnete den Vorfall als Angriff auf "nuklearsicherheitsrelevante Infrastruktur" und verlangte sofortigen Stopp derartiger Attacken.

Am 5. Juni trat der sechste lokale Waffenstillstand in Kraft, den Grossi seit Ende 2025 für die Zone um das Kraftwerk ausgehandelt hat. Der Waffenstillstand ist bis zum 23. Juni befristet und erlaubt Technikern aus der Ukraine und Russland, gemeinsam die Schäden an der 750-kV-Dniprovska-Leitung zu reparieren. Die beschädigten Stellen liegen auf hohen Masten entlang der Frontlinie. Vor den Reparaturarbeiten mussten Minenräumkommandos die Trasse freimachen. Die IAEA koordinierte beide Seiten des Prozesses.

Einen Tag nach Inkrafttreten des Waffenstillstands, am 6. Juni, erlitt das Werk trotzdem seinen 18. Blackout: 15 Stunden ohne externes Stromnetz, die Kühlung lief auf Dieselgeneratoren. Nach Angaben des Kyiv Post wurde die externe Versorgung erst nach anderthalb Tagen wiederhergestellt. Am 8. Juni eröffnete Grossi in Wien die Sitzung des IAEA-Gouverneursrats, die bis zum 12. Juni andauerte.

Was Grossi kann, was Resolutionen nicht können

Die sechs Waffenruhen, die Grossi verhandelt hat, sind diplomatisch ungewöhnlich. Weder ein neutrales Land noch die Vereinten Nationen haben sie ermöglicht, sondern eine Fachbehörde mit technischem Mandat. Die IAEA hat kein politisches Verhandlungsmandat und kein Militär. Sie hat ein gemeinsames Interesse beider Kriegsparteien genutzt: Niemand will öffentlich die Verantwortung für eine Nuklearkatastrophe in Europa übernehmen. Seit Beginn des Vollangriffs haben mehr als 180 IAEA-Mitarbeiter fortlaufend in der Ukraine gestanden, um den Sicherheitsbetrieb an den Kernkraftwerken zu überwachen.

Am 12. Juni verabschiedete der Gouverneursrat mit 20 gegen 2 Stimmen bei 12 Enthaltungen eine Resolution, die Russland zur sofortigen Rückgabe des Werks an die Ukraine auffordert. Russland und China stimmten dagegen. Russland bezeichnete die Abstimmung als Überschreitung des Mandats der Behörde. Durchsetzungsmechanismen enthält die Resolution nicht.

Bemerkenswert ist das Abstimmungsverhalten der USA. Im März 2026 hatte Washington zum ersten Mal gemeinsam mit Russland und China gegen eine IAEA-Resolution gestimmt, die Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur verurteilte. Die US-Delegation erklärte, die Resolution sei "unnötig" und helfe nicht, den Frieden zwischen der Ukraine und Russland herzustellen. In einer Sitzung der US-Botschaft bei den internationalen Organisationen in Wien präzisierte Washington im Juni, man unterstütze weiterhin die Arbeit der IAEA vor Ort, lehne aber politische Resolutionen ab, die es als kontraproduktiv für Friedensgespräche einstuft.

Die EU erklärte auf der gleichen Sitzung, die Situation an den ukrainischen Kernkraftwerken stelle ernste Risiken für nukleare Sicherheit dar und forderte Russland auf, allen IAEA-Anforderungen vollständig nachzukommen.

Was dem Kraftwerk noch fehlt

Der laufende Waffenstillstand gilt bis zum 23. Juni 2026. Bis dahin soll die Reparatur der 750-kV-Dniprovska-Leitung abgeschlossen sein, was dem Werk eine zweite, leistungsfähigere externe Stromquelle zurückgäbe. Was danach kommt, ist offen. In den zurückliegenden Monaten hat die IAEA durchschnittlich 160 Drohnen pro 24-Stunden-Fenster rund um die ukrainischen Kernkraftwerke gezählt. Ob die Angriffe auf die Umspannanlagen weitergehen, ist nicht vorherzusagen.

Die Resolution des Gouverneursrats verändert an dieser Dynamik nichts. Russland hat keine der bisherigen Forderungen des Gouverneursrats befolgt und wird es nach eigenem Bekunden auch diesmal nicht tun. Die einzige Form von Handeln, die an Saporizhzhia bisher tatsächlich etwas verändert hat, ist das direkte Verhandeln Grossis mit Vertretern beider Kriegsparteien. Das ist wenig, angesichts der möglichen Konsequenzen eines Kühlungsausfalls an sechs Reaktoren. Aber es ist mehr als Resolutionen.

Quellen (15)

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