Russlands bisher größter Ballistikangriff auf Kyjiw
Mehr als 40 ballistische Raketen und 120 Drohnen, ein Toter, 16 Verletzte: In der Nacht auf den 20. Juli erlebte Kyjiw den schwersten Ballistikangriff seit Beginn des russischen Angriffskriegs. Die vorherige Höchstzahl von 33 ballistischen Raketen, gesetzt am 2. Juni, wurde damit klar übertroffen. Dass der Angriff trotz dieses Rekordumfangs verhältnismäßig wenige Leben kostete, erklärt sich nicht allein durch die Flugabwehr. Der Blick auf die Details zeigt, warum der nächste Angriff dieser Größenordnung deutlich mehr Opfer fordern könnte.
41 Raketen, drei Typen, eine Nacht
Das russische Militär setzte beim Angriff mehrere ballistische Raketentypen ein, darunter Iskander-M und hypersonische Zirkon-Raketen. Insgesamt wurden rund 41 Raketen abgefeuert. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete es als „einen der massivsten ballistischen Angriffe auf Kyjiw.” Außenminister Andrij Sybiha schrieb auf X, es sei die „größte Anzahl ballistischer Raketen, die je gegen Kyjiw eingesetzt wurde.” Die ukrainische Flugabwehr registrierte 23 Einschläge von Raketen und 10 von Drohnen. Bürgermeister Vitali Klitschko meldete Schäden in mindestens vier Stadtteilen, Brände sowie zerstörte Wohnhäuser, Autos und eine gesperrte Metrostation.
Ein Unternehmen, das Schutzausrüstungen für Soldaten produziert, meldete den Totalverlust seiner Produktionsstätte. Eines der größten Logistikzentren im Kiewer Gebiet brannte vollständig aus. Russlands Verteidigungsministerium nannte als Ziele ein Postlogistikzentrum, Betriebe zur Herstellung von Raketenkomponenten und ein Depot für Drohnenbauteile. Tatsächlich traf der Beschuss auch Wohngebäude, ein Wohnheim und einen Supermarkt, was die russische Behauptung einer rein militärischen Zielauswahl widerlegt.
Warum der Rekordangriff so wenige tötete
Die Diskrepanz zwischen Rekordumfang und Opferzahl erklärt sich durch mehrere Faktoren. Nachtangriffe auf Kyjiw treffen eine Bevölkerung, die seit mehr als zwei Jahren gelernt hat, bei Alarm sofort Schutzkelleranlagen aufzusuchen. Zudem begann der Angriff mitten in der Nacht, als die meisten Menschen schliefen und sich schützen konnten. Hinzu kommt: Industrieanlagen und Logistikzentren am Stadtrand haben keine Beschäftigten vor Ort, wenn sie nachts getroffen werden.
Die ukrainische Flugabwehr hat einen Teil der eingehenden Raketen abgefangen. Aber das Abfangpotenzial ist erheblich geringer als noch vor einem Jahr und Russlands Militärführung weiß das genau.
Ohne Abfangraketen: Der Patriot-Engpass als Strategie
Das Patriot-System ist die einzige ukrainische Waffe, die ballistische Raketen zuverlässig stoppen kann. Der Vorrat an PAC-2- und PAC-3-Abfangkörpern ist auf ein kritisches Niveau gesunken. Anfang Juli hatte die ukrainische Luftwaffe nach eigenen Angaben während eines russischen Angriffs mit 29 ballistischen Raketen keine einzige abfangen können, weil die Interceptors fehlten. Die Kosten eines einzelnen PAC-3-Körpers liegen bei rund vier Millionen Dollar.
Russlands Militärführung hat aus dieser Schwäche eine Strategie gemacht. Beobachter verzeichnen seit Juli einen gezielten Anstieg des Anteils ballistischer Raketen an den russischen Angriffen. Ballistische Raketen fliegen schneller und auf steileren Bahnen als Marschflugkörper und sind ohnehin schwerer abzufangen. Mit leerem Magazin sind sie kaum noch zu stoppen. Selenskyj fordert nach dem Angriff Abfangraketen „jeden Tag.” Anfang Juli hatte Verteidigungsminister Fedorov fast 40 Partnerstaaten gebeten, Raketen aus eigenen Lagerbeständen zu transferieren und diese später durch Neulieferungen zu ersetzen.
Ankara hat eine Lizenz geliefert, aber noch keine Raketen
Beim NATO-Gipfel in Ankara am 7. und 8. Juli erteilten die USA der Ukraine eine Produktionslizenz für Patriot-Raketen. NATO-Partner verpflichteten sich zu Unterstützung von mindestens 70 Milliarden Euro für 2026. Eine europäische Wartungsfabrik für Patriot-PAC-3-Raketen soll entstehen, die Wartung und Verfügbarkeit der Systeme beschleunigen soll. Das ist ein struktureller Fortschritt, löst aber das unmittelbare Problem nicht: Bis Produktionsanlagen laufen, dauert es ein bis zwei Jahre. Washington erklärte nach dem Gipfel, der Patriot-Engpass der Ukraine sei behoben worden. Die Rüstungsunternehmen Lockheed Martin und RTX, die Patriot herstellen, hatten laut Medienberichten von dieser Einschätzung nichts gewusst.
Vor dem Herbst 2026
Russland greift die ukrainische Energieinfrastruktur seit Herbst 2022 in jedem Winter an und hat erhebliche Teile zerstört: Kraftwerke, Umspannwerke, Heizkraftwerke. Millionen Menschen standen jeweils ohne Strom und ohne Wärme. Herbst 2026 beginnt in weniger als drei Monaten. Die ukrainische Luftwaffe formuliert ihre Forderung mittlerweile in Zahlen: Für ausreichenden Schutz über Kyjiw braucht sie täglich mehrere PAC-3-Abfangkörper. Tatsächlich hat sie derzeit kaum mehr als eine Handvoll pro Woche auf Lager. Selenskyjs Appell an die Partner ist in diesem Sinn kein diplomatisches Ritual, sondern eine nüchterne Lageeinschätzung. Der Angriff in der Nacht auf den 20. Juli war der bislang größte seiner Art. Der nächste kommt.
Aktualisierungen
Update 22. Juli, 11:00 Uhr: Die Ukraine hat in der Nacht auf den 22. Juli Drohnenangriffe auf die besetzte Halbinsel Krim geflogen: Zwei Umspannwerke in Masandra und Jalta wurden getroffen, Teile des Stromnetzes in Masandra, Jalta und Alushta fielen für Stunden aus. Der Angriff setzt die ukrainische Strategie fort, russische Energieinfrastruktur auf der Krim systematisch unter Druck zu setzen. Russland griff seinerseits in der Nacht erneut mehrere ukrainische Regionen an, darunter Sumy, Odessa, Dnipropetrowsk und Mykolajiw. Parallel kündigte der russische Außenminister Sergej Lawrow ein Treffen mit US-Außenminister Marco Rubio für Donnerstag in Manila an, am Rande des Asean-Außenministertreffens. Rubio bestätigte das Gespräch und nannte als Schwerpunkt Wege zur Beendigung des Krieges in der Ukraine; Rüstungskontrolle könnte ein Thema sein.
Kommentare