Trumps geheime NATO-Streichliste enthüllt
Nicht nur Drohungen, sondern konkrete Stückzahlen: Ein als klassifiziert eingestuftes Dokument, das die Axel-Springer-Gruppe veröffentlichte, zeigt, welche US-Militärkapazitäten Trump aus der NATO-Einsatzplanung streichen lässt. Die Liste ist kurz, aber ihre Konsequenzen sind weitreichend: 36 F-16-Kampfjets weniger, alle Langstrecken-Aufklärungsdrohnen gestrichen, eine der beiden US-Trägerkampfgruppen aus der NATO-Planung herausgenommen.
Was die Streichliste enthält
Die Dokumente beziehen sich auf das sogenannte NATO Force Model, das seit dem Gipfel in Madrid 2022 verbindlich festlegt, welcher Mitgliedsstaat welche Streitkräfte für die kollektive Verteidigung bereitstellt. Im Kern der US-Streichliste stehen folgende Kürzungen laut Axel-Springer-Recherche: Die Zahl der F-16-Kampfjets in Europa sinkt von 99 auf 63, die F-15E-Jagdflugzeuge werden von 54 auf 36 reduziert. Die KC-46-Tankflugzeuge werden vollständig abgezogen, die KC-135-Tanker von 71 auf 63 gekürzt. Die bewaffneten MQ-9-Drohnen werden um fast die Hälfte reduziert, alle Langstrecken-Aufklärungsdrohnen komplett aus der NATO-Planung gestrichen. Von 26 Boeing P-8A Poseidon-Seeaufklärungsflugzeugen sollen 15 übrig bleiben. Dazu kommt der Abzug eines der beiden US-Bomberverbände und einer der beiden Trägerkampfgruppen, einschließlich fast der Hälfte der zugehörigen Kreuzer und Zerstörer.
Das Dokument beschreibt keine Austrittsdrohung, sondern einen strukturellen Umbau: Selbst wenn die USA formal Mitglied der NATO bleiben, schrumpft ihr tatsächlicher Beitrag zur kollektiven Verteidigung erheblich.
Warum das Dokument jetzt auftaucht
Der unmittelbare Auslöser ist der eskalierte Streit über die Straße von Hormus. Nach dem US-Militäreinsatz gegen iranische Nuklearanlagen hat Trump von NATO-Verbündeten verlangt, sich an einer Marineoperation zur Wiederöffnung der Seestraße zu beteiligen. Frankreich und Großbritannien lehnten das ab. Präsident Macron erklärte öffentlich, Frankreich sei vor den US-Angriffen auf Iran nicht konsultiert worden und werde sich an einem Einsatz in der Golfregion nicht beteiligen. Premierminister Starmer lobte die NATO als „effektivste Militärallianz der Welt“, schloss sich der Hormus-Forderung aber ebenfalls nicht an.
Trump hatte im April erstmals mit einem NATO-Austritt gedroht, falls europäische Länder die Verteidigungsausgaben nicht erhöhten und sich an der Iranpolitik beteiligten. Das Durchsickern der Streichliste macht aus dieser Drohung eine konkrete Ankündigung. Gleichzeitig richtet Washington seine sicherheitspolitischen Prioritäten strategisch auf den Pazifik aus. Die Kapazitäten, die aus Europa abgezogen werden, sind Teile eines Pivots, der bereits unter früheren US-Regierungen begann und unter Trump nun radikal beschleunigt wird.
Was die Streichungen für Europa bedeuten
Die gekürzte Luftkapazität betrifft vor allem die Fähigkeit zur Luftraumüberwachung und Luftüberlegenheit in einem konventionellen Konfliktfall. F-16 und F-15E sind die Kernflugzeuge der US-Luftpräsenz in Europa. KC-46 und KC-135 Tankflugzeuge verlängern die Reichweite aller anderen Kampfflugzeuge. Ohne ausreichend Tanker schrumpft der effektive Aktionsradius der verbleibenden Jets erheblich.
Die vollständige Streichung der Langstrecken-Aufklärungsdrohnen betrifft eine Fähigkeit, für die es unter den europäischen NATO-Mitgliedern keine vollwertige Ersatzlösung gibt: Echtzeitaufklärung über tausende Kilometer Tiefe in potenziell feindlichem Territorium. Ehemalige NATO-Planungsoffiziere haben in Interviews erklärt, die europäischen Mitglieder könnten zusammen militärisch handlungsfähig bleiben, der Verlust der US-Kapazitäten würde aber mehrjährige Aufbauprogramme erfordern.
Ein weiteres Problem: Die europäischen NATO-Mitglieder haben in den letzten Jahren ihre Verteidigungsbudgets erhöht, aber asymmetrisch. Die baltischen Staaten, Polen und Großbritannien investieren stark in Infanterie und Artillerie. Die Lücke bei Langstreckenaufklärung, Luft-Betankung und Trägerkampfgruppen kann mit mehr Geld allein nicht kurzfristig geschlossen werden, weil es sich um Hightech-Systeme mit langen Beschaffungszeiten handelt.
Vor dem NATO-Gipfel im Juli
Hier liegt das entscheidende rechtliche Detail: Im Nationalen Verteidigungsermächtigungsgesetz (NDAA) für das Haushaltsjahr 2024, das Präsident Biden noch unterzeichnete, wurde festgeschrieben, dass ein formaler Austritt aus der NATO eine Zweidrittelmehrheit im US-Senat erfordert. Die Senatsklausel wurde von den parteiübergreifenden Sponsoren Tim Kaine (Demokrat, Virginia) und Marco Rubio (Republikaner, Florida) gemeinsam eingebracht. Eine Zweidrittelmehrheit für Trump ist nicht in Sicht.
Das Gesetz schützt aber nur vor dem formalen Austritt. Es schreibt nicht vor, welche Kapazitäten die USA in das NATO Force Model einbringen müssen. Der geplante Abzug von Flugzeugen, Drohnen und Trägerkampfgruppen bewegt sich damit im rechtlichen Graubereich: technisch kein Austritt, faktisch eine erhebliche Schwächung des gemeinsamen Verteidigungsrahmens.
Die NATO-Außenminister treffen sich im Vorfeld des Gipfels im Juli 2026. Dort werden die europäischen Mitglieder unter erheblichem Druck stehen, höhere Verteidigungsausgaben zuzusagen. Mehrere Länder, darunter Deutschland, Polen und die baltischen Staaten, haben ihre Rüstungsbudgets seit 2024 bereits erhöht. Ob das Trump ausreicht oder ob die Streichliste der Ausgangspunkt für weitere Verhandlungen bleibt, wird sich beim Gipfel zeigen.
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