22 Millionen Kinder weniger in Kinderarbeit
22 Millionen Kinder weniger schuften heute in Fabriken, auf Feldern oder in privaten Haushalten als noch vor vier Jahren. Laut dem Gemeinsamen Bericht von ILO und UNICEF vom Juni 2025 sank die Zahl der Kinder in Kinderarbeit von 160 Millionen (2020) auf 138 Millionen (2024). Das ist der deutlichste Rückgang seit zwei Jahrzehnten und er geschah trotz einer Pandemie, von der man das Gegenteil erwartet hatte.
Von 246 auf 138 Millionen: Ein Fortschritt mit einem bedrohlichen Rückschlag
Der Trend begann nicht 2020. Seit dem Jahr 2000 hat die Welt die Kinderarbeit nahezu halbiert: von 246 Millionen betroffenen Kindern auf heute 138 Millionen. Das ist umso bemerkenswerter, weil die globale Kinderbevölkerung im selben Zeitraum um rund 230 Millionen Kinder zunahm. Der Anteil der Kinder in Kinderarbeit sank von 16 Prozent (2000) auf 7,8 Prozent (2024), was die ILO als einen der größten humanitären Fortschritte der modernen Geschichte wertet.

Doch der Fortschritt war nicht linear. Zwischen 2016 und 2020 stieg die Zahl betroffener Kinder erstmals seit der Jahrtausendwende wieder an, von 152 auf 160 Millionen. Konflikte im Sahel, wirtschaftliche Stagnation und geschwächte Sozialsysteme wurden als Hauptursachen identifiziert. Als COVID-19 dann Schulen schloss und Millionen Familien in Armut trieb, warnten ILO und UNICEF 2021 vor einem weiteren Anstieg. Stattdessen fiel die Zahl um 22 Millionen. Dass dieser Rückgang ausgerechnet in den Pandemiejahren einsetzte, war nicht vorhersehbar.
Besonders dramatisch ist der Rückgang bei gefährlicher Kinderarbeit: Die Zahl der Kinder in gefährlichen Tätigkeiten sank von 79 Millionen (2020) auf 54 Millionen (2024), ein Minus von 25 Millionen. Das sind Kinder, die nicht mehr in Steinbrüchen, auf Baustellen oder mit giftigen Chemikalien arbeiten.
Asien als Vorreiter, Afrika als kritischer Faktor
Den stärksten Rückgang verzeichnet Asien und Pazifik. Die Zahl betroffener Kinder sank dort laut ILO-Bericht von 49 Millionen (2020) auf 28 Millionen (2024), die Rate fiel von 5,6 auf 3,1 Prozent. Als Treiber gelten wirtschaftliches Wachstum in Vietnam, Indonesien und Bangladesch, die Ausweitung kostenloser Schulangebote und soziale Transferprogramme, die armen Familien direkte Geldleistungen auszahlen und damit den wirtschaftlichen Druck verringern, Kinder arbeiten zu schicken.
Sub-Sahara-Afrika erzählt eine andere Geschichte. Mit 87 Millionen betroffenen Kindern entfallen dort 63 Prozent aller globalen Kinderarbeitsfälle auf die Region. Prozentual sank die Rate leicht von 24 auf 22 Prozent. Absolut blieb die Zahl jedoch fast konstant, weil Afrikas Kinderbevölkerung schneller wächst als die Fortschritte. Konflikte im Sahel, in Ostafrika und im Kongo sowie fehlende Schulinfrastruktur bremsen den Rückgang.
Auf ein systematisches Messproblem weist die ILO ebenfalls hin: Mädchen in informeller Haushaltsarbeit werden in den meisten Ländern nicht erfasst, weil diese Arbeit rechtlich nicht als "Arbeit" gilt. Die tatsächliche Zahl betroffener Kinder liegt damit wahrscheinlich über den offiziellen 138 Millionen. Die Ratifizierung der ILO-Konvention 182 gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit durch alle 187 ILO-Mitgliedsstaaten bis 2020 setzt immerhin rechtlich verbindliche Mindeststandards.

Im Vergleich: Was andere globale Sozialprogramme zeigen
Der Rückgang der Kinderarbeit steht in einer Reihe mit anderen strukturellen Fortschritten, die durch koordinierte internationale Politik erzielt wurden. Die globale Kindersterblichkeit sank laut UNICEF von 12,8 Millionen Todesfällen unter fünf Jahren (1990) auf 4,9 Millionen (2022), obwohl mehr Kinder als je zuvor auf der Welt leben. Der Rückgang um 62 Prozent in drei Jahrzehnten gilt als eines der am besten belegten Ergebnisse internationaler Gesundheitspolitik.
Ein noch direkterer Vergleich: Polio. Laut Weltgesundheitsorganisation hat die globale Impfkampagne die Poliofälle seit 1988 um mehr als 99 Prozent reduziert, von geschätzten 350.000 jährlichen Fällen auf unter 200 im Jahr 2023. Auch hier war der Schlüssel koordiniertes staatliches Handeln, gestützt auf internationale Übereinkommen und Finanzierung. Der Mechanismus ist vergleichbar: Ein Problem, das als unvermeidlicher Teil der globalen Realität galt, verschwindet, wenn Staaten konsequent handeln.
Was alle drei Trends verbindet: Sie wurden nicht durch technologische Wundermittel gelöst, sondern durch den konsequenten Einsatz bewährter Instrumente. Schulpflicht, soziale Sicherung, Impfprogramme und Rechtsdurchsetzung wirken. Das ist eine selten kommunizierte Tatsache im globalen Entwicklungsdiskurs.
Elfmal zu langsam: Was bis 2030 entschieden werden muss
Das UN-Nachhaltigkeitsziel 8.7 forderte die vollständige Abschaffung von Kinderarbeit bis 2025. Es wurde verfehlt. Laut ILO müsste das aktuelle Tempo elfmal schneller werden, um wenigstens das Zieldatum 2030 noch zu halten. Bei unverändertem Tempo bliebe Kinderarbeit bis weit über die Mitte des Jahrhunderts ein Massenphänomen.
Der entscheidende Schauplatz ist Afrika südlich der Sahara. Ohne massive Investitionen in Schulinfrastruktur, soziale Sicherung und Armutsbekämpfung dort werden alle globalen Fortschritte durch Bevölkerungswachstum absorbiert. ILO und UNICEF fordern in ihrem Bericht konkret: Ausweitung sozialer Transferprogramme auf armutsgefährdete Familien, universellen und kostenfreien Schulzugang bis zur Sekundarstufe sowie stärkere Kontrolle von Lieferketten auf Kinderarbeit. Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisiert, die Reaktion der Staatengemeinschaft bleibe deutlich hinter dem Tempo der Fortschritte zurück: Finanzierungslücken im Bildungsbereich, besonders in Afrika, seien seit Jahren bekannt und seit Jahren ungeschlossen. Wie schnell diese Forderungen umgesetzt werden, entscheidet darüber, ob aus dem aktuellen Rückgang ein dauerhafter Trend wird.
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