Kohleausstieg 2030: Warum Deutschland scheitert
Deutschland hat sich den Kohleausstieg bis 2030 vorgenommen. Doch die Infrastruktur, die diesen Schritt erst ermöglicht, wächst in einem Bruchteil des nötigen Tempos: Die erste Ausschreibung für neue Gaskraftwerke umfasst 12 Gigawatt statt der benötigten 40 bis 50, der Netzausbau liegt Jahre hinter Plan und die installierten Batteriespeicher reichen für weniger als eine Stunde Spitzenlast. Was Berlin als Klimaversprechen verbucht, droht im Jahr 2030 zu einem Versagen im doppelten Sinne zu werden: für das Klima und für die Versorgungssicherheit.
Von 2038 auf 2030: Eine Zusage ohne Fundament
Als die Ampelkoalition 2021 das Kohleausstiegsdatum von 2038 auf 2030 vorzog, galt das als klimapolitisches Signal. RWE, der größte Kohlestromerzeuger Deutschlands, stimmte 2022 zu, gegen milliardenschwere Entschädigungszahlungen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) bestätigte in einer Szenarioanalyse, dass ein Kohleausstieg bis 2030 zusammen mit 80 Prozent erneuerbaren Energien technisch machbar sei. Aber explizit unter einer Bedingung, die das DIW formulierte: Parallel zum Abschalten der Kohleblöcke müssen Gaskraftwerke, Netzinfrastruktur und Stromspeicher massiv ausgebaut werden.
Vier Jahre nach dieser Zusage fehlen genau diese Voraussetzungen. Nicht teilweise. Fundamental. Der Abstand zwischen Versprechen und Realität lässt sich in drei konkreten Infrastrukturlücken messen, die zusammengenommen die Frage aufwerfen, ob Deutschland seinen eigenen Plan überhaupt ernst nimmt.
Die erste Lücke: Gaskraftwerke, die nicht existieren
Deutschland braucht nach Berechnungen des Bundeswirtschaftsministeriums zwischen 40 und 50 Gigawatt neue steuerbare Kraftwerkskapazität, um die Kohle ersetzen zu können. Konkret bedeutet das rund 100 neue Gaskraftwerke, die wetterunabhängig Strom liefern, wenn Wind und Sonne ausfallen. Die erste Ausschreibung im Jahr 2026, nach jahrelangen Verzögerungen, deckt davon 12 Gigawatt ab. Selbst wenn sämtliche ausgeschriebenen Kapazitäten tatsächlich gebaut werden, bleiben 30 bis 40 Gigawatt offen. Und das in weniger als vier Jahren.
Die Kraftwerksstrategie von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) war monatelang blockiert, bevor ein Kompromiss mit der EU-Kommission über Beihilferecht erzielt wurde. Das Handelsblatt berichtete im Februar 2026 über den mühsamen Fortschritt. Doch selbst mit der nun gestarteten Ausschreibung ist das Ziel faktisch unrealistisch: Planung, Genehmigung und Bau eines modernen Gaskraftwerks dauern mindestens vier bis sechs Jahre. Bis 2030 kann allenfalls ein Bruchteil der fehlenden Kapazität entstehen.
Die Folgen für die Versorgungssicherheit sind konkret. An windstillen Winternächten, wenn der Strombedarf hoch und die Einspeisung aus Solar und Wind niedrig ist, klafft eine Lücke, die nur durch Importe aus dem Ausland oder einen Rückgriff auf Kohlekraftwerke geschlossen werden kann. Deutschland importierte im ersten Halbjahr 2025 bereits in erheblichem Umfang aus Dänemark und den Niederlanden. Dänemark ist selbst vom Wind abhängig, die Niederlande bauen ihre eigene Kohlekraft ebenfalls ab. Die gegenseitige Abhängigkeit wächst, die gegenseitigen Kapazitäten nicht.
Die zweite Lücke: Ein Netz, das zu langsam wächst
Erneuerbare Energien entstehen überwiegend im Norden Deutschlands, der Strombedarf liegt überwiegend im Süden. Das ist kein neues Problem, aber seine Lösung kommt auch nach zwei Jahrzehnten Energiewende nur schleppend voran. Die Bundesnetzagentur plant den Neubau von 14.000 Kilometern Höchstspannungsleitungen. Fertiggestellt sind davon rund 4.657 Kilometer. Bis 2030 dürften realistisch etwa 10.000 Kilometer fertiggestellt sein.
Das klingt nach Fortschritt, ist es aber nur, wenn man das Gesamtziel außer Acht lässt. Vier von vierzehn geplanten Tausend Kilometern fehlen. Und das sind nicht nachrangige Verbindungen, sondern die Transportadern eines Stromsystems, das auf Windkraft aus Schleswig-Holstein für Industriestandorte in Bayern angewiesen ist. Ohne diese Leitungen können selbst fertiggestellte Windparks keinen nutzbaren Strom liefern, ein Paradox, das im Fachjargon als Redispatch-Problem bekannt ist: Kraftwerke werden gegenläufig geregelt, Strom buchstäblich vernichtet und die Verbraucher zahlen die Differenz.
Das Handelsblatt dokumentierte im März 2026 die strukturellen Hemmnisse: Fachkräftemangel, Materialengpässe und langwierige Genehmigungsverfahren bremsen jede Baustelle. Ein Bericht von T-Online beschreibt, wie das Netzpaket von Wirtschaftsministerin Reiche innerhalb der Koalition auf Widerstand stieß. Die SPD-Fraktion sprach sich gegen Teile des Gesetzes aus, weil es Netzgebührenregelungen enthielt, die der Partei zu weitgehend erschienen. Das Ergebnis: Monate des Stillstands statt Leitungsbau.
Die dritte Lücke: Speicher, die den Ausfall nicht überbrücken
Als dritte Voraussetzung für einen funktionierenden Kohleausstieg braucht Deutschland Stromspeicher, die Überschüsse aus der Sonnenmittagsstunde in die dunkle Winternacht übertragen. Aktuell haben die installierten Großspeicher eine Gesamtkapazität von rund 25,5 Gigawattstunden, das entspricht dem Strombedarf Deutschlands von etwa 30 bis 45 Minuten im Winterbetrieb. Der Bundesverband Solarwirtschaft fordert bis 2030 mindestens 100 Gigawattstunden. Szenarien von Bundesnetzagentur und Fraunhofer ISE gehen von einem notwendigen Leistungsabruf zwischen 24 und 54 Gigawatt aus.
PV Magazine berichtete bereits Anfang 2024, dass die installierte Kapazität von Großspeichern bis 2030 theoretisch um den Faktor 40 steigen könnte, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. Die Rahmenbedingungen stimmen derzeit nicht. Die EU-Strommarktreform, die Anreize für Speicherinvestitionen schaffen würde, kommt in Deutschland nur schleppend voran. Die sogenannten Contracts for Difference, langfristige staatliche Preisgarantien, die Investoren Planungssicherheit geben, werden von Teilen der Koalition abgelehnt, weil sie als zu weitgehender Markteingriff gelten.
Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) wies darauf hin, dass der aktuelle Strommarkt-Preisverfall bei gleichzeitiger Investitionsunsicherheit Speicherprojekte unwirtschaftlich macht. Ohne Reform ist das Ziel von 100 Gigawattstunden Makulatur. Der BDEW, der Branchenverband der Energieversorgungsunternehmen, spricht von einer Finanzierungslücke, die sich Jahr für Jahr vergrößert.
Wer zahlt für die Lücken
Die drei Infrastrukturlücken haben einen politischen Preis und einen finanziellen. Der finanzielle ist bezifferbar: Der Bund subventioniert den Industriestrompreis 2026 mit 29,5 Milliarden Euro, um die Folgen der hohen Energiekosten abzumildern. Diese Summe, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) berechnet hat, umfasst Stromsteuerreduktionen, Netzgebührensubventionen und direkte Industriestrompreisförderungen. Ein Großteil davon wäre nicht nötig, wenn die Infrastruktur der Energiewende planmäßig ausgebaut worden wäre.
Der politische Preis zeigt sich im DIHK-Barometer zur Energiewende 2025: 40 Prozent der Unternehmen erwägen eine Produktionsverlagerung ins Ausland. Bei energieintensiven Betrieben sind es 45 Prozent. Der Grund ist bekannt: Der Industriestrompreis liegt in Deutschland bei rund 19,9 Cent pro Kilowattstunde, verglichen mit 7,5 Cent in den USA und 8,2 Cent in China. Diese Kostendifferenz treibt Investitionsentscheidungen, die schwer umkehrbar sind: Wenn ein Stahlwerk nach Kanada oder ein Chemiebetrieb nach Ohio zieht, kehrt er nicht zurück.
Während der BDI und der Mittelstandsbund die Verlagerungstendenzen als existenzielle Bedrohung für Industriestandorte beschreiben, kritisiert die IG Metall die Subventionsstrategie als kurzfristiges Pflaster. Die Gewerkschaft fordert strukturelle Lösungen. Strompreisreform, beschleunigter Netzausbau, Contracts for Difference, statt jährlicher Milliardenzahlungen, die das Strukturproblem nicht lösen, sondern aufschieben.
Was andere Länder besser machen
Großbritannien hat den Kohleausstieg 2024 vollzogen. Nicht weil die Insel keine Herausforderungen kannte, sondern weil sie parallel massiv in Gaskraftwerke investierte, die als Brücke fungierten, bis Offshore-Wind die Lücke füllte. Schweden und Norwegen können sich auf hohe Wasserkraftanteile stützen, die als natürlicher Speicher wirken. Dänemark hat seinen Windboom in den 1990er-Jahren mit konsequenter staatlicher Industriepolitik aufgebaut.
Deutschland hat keine dieser Voraussetzungen: kein Wasser für Pumpspeicher im großen Maßstab, keine Offshore-Windkraft in der Größenordnung Dänemarks und einen Investitionsrahmen, der durch Koalitionskonflikte und Regulierungsunsicherheit gelähmt ist. Die EU-Kommission hat Deutschland mehrfach auf die zögerliche Umsetzung der Strommarktreform hingewiesen. Germanwatch bezeichnete das Ende der FDP-Regierungsbeteiligung als Chance für eine echte Energiewende, doch die Bilanz nach dem Regierungswechsel zeigt neue Blockaden innerhalb der CDU/SPD-Koalition.
Was im öffentlichen Diskurs kaum vorkommt: Es gibt Optionen jenseits der Debatte Kohle oder Dunkelheit. Massive Effizienzprogramme könnten den Grundlastbedarf senken. Eine tiefere europäische Strommarktintegration würde Netzengpässe abfedern. Investitionen in Pumpspeicher in den Alpen, österreichisch-deutsch ko-finanziert, hätten einen natürlichen Puffer schaffen können. Keine dieser Optionen wurde konsequent verfolgt.
Die Überprüfung im August 2026 kommt zu spät
Die Bundesregierung hat angekündigt, im August 2026 einen Zwischenstand zur Erreichbarkeit des Kohleausstiegs 2030 zu ziehen. Es ist eine Ankündigung, die unter Energieexperten wenig Optimismus weckt. Der Clean Energy Wire fasste die Einschätzung von RWE-Chef Markus Krebber zusammen: Ein Kohleausstieg 2030 sei nur möglich, wenn die Gaskraftwerke schnell und wasserstofftauglich gebaut würden. Krebber meinte damit: wenn die Investitionsanreize schnell kommen und verlässlich bleiben. Beides ist nicht der Fall.
Die Überprüfung kann drei Ergebnisse haben. Erstens: Die Regierung bestätigt das 2030-Ziel, obwohl die Infrastrukturlücken offenkundig sind. Das wäre politisch komfortabel und sachlich unehrlich. Zweitens: Die Regierung verschiebt das Ziel auf 2035 oder 2038 und rechtfertigt das mit Versorgungssicherheit. Drittens: Die Regierung benennt konkrete Maßnahmen, die Lücken in 48 Monaten noch schließen sollen und setzt sie sofort um.
Nur das dritte Szenario wäre ein echter Politikwechsel. Er bräuchte eine vollständig ausfinanzierte Kraftwerksstrategie, ein Netzausbaugesetz das Genehmigungsverfahren auf zwei Jahre begrenzt, einen Speicher-Bonus der Investoren planungssichere Renditen garantiert und eine Strommarktreform die Preisbildung an die Realität erneuerbarer Energien anpasst. Nichts davon ist als konkretes Gesetzgebungsvorhaben mit Termin bekannt.
Der Kohleausstieg 2030 ist nicht unmöglich. Er ist derzeit schlicht nicht vorbereitet. Und jedes Quartal, das ohne die notwendigen Investitionsentscheidungen vergeht, macht das Ziel schwerer erreichbar und seinen Misserfolg wahrscheinlicher.
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