Labour verliert 1.100 Sitze: Starmer bleibt
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Labour verliert 1.100 Sitze: Starmer bleibt

Nach dem größten Kommunalwahldebakel in der Parteigeschichte lehnte Premierminister Keir Starmer am Wochenende jede Rücktrittsforderung ab. Labour verlor über 1.100 Gemeinderatssitze und die Kontrolle über Wales zum ersten Mal seit 27 Jahren.

11. Mai 2026, 14:38 Uhr 743 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Als in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai die britischen Kommunalwahlergebnisse eintrafen, verlor Labour in Tameside nach 47 Jahren die Mehrheit. In Leigh, einer traditionellen Arbeiterhochburg im Nordwesten, gewann Nigel Farages Reformpartei 24 von 25 Gemeinderatssitzen. In Wales fiel die Labour-Mehrheit im Senedd zum ersten Mal seit 27 Jahren. Insgesamt verlor die Partei über 1.100 Gemeinderatssitze. Premierminister Keir Starmer erklärte am Wochenende, er werde nicht zurücktreten.

Die Nacht des 7. Mai: Was die Auszählung ergab

Gewählt wurden 5.066 Gemeinderatssitze in 136 englischen Kommunen, das schottische Parlament und das walisische Senedd. Das Ausmaß der Labour-Niederlage übertraf die schlechtesten Prognosen: Die Partei verlor mehr als 1.100 Gemeinderatssitze und die Kontrolle über mehr als 30 Kommunalverwaltungen. In Wales, wo Labour das Senedd seit seiner Gründung 1999 mitregiert hatte, verlor die Partei erstmals die Mehrheit.

Die Reformpartei von Nigel Farage gewann mehr als 1.400 Sitze und übernahm über zehn Kommunalverwaltungen. Bemerkenswert ist die geografische Breite: Reform gewann in der Nordengland-Stadt Sunderland, im Süden Essex sowie in London den Stadtbezirk Havering. Es ist das erste Mal, dass eine Partei außerhalb des Zweiparteiensystems gleichzeitig in Nordengland und im Südosten kommunale Mehrheiten erringt. Die Konservativen verloren ebenfalls über 400 Sitze, womit beide traditionellen Volksparteien gleichzeitig abstürzten.

8. bis 10. Mai: Starmer hält stand

Am 8. Mai, noch während der Auszählung, machte Starmer seine Position klar. Gegenüber dem Sender BBC sagte er: „Ich werde das Land nicht im Stich lassen und ins Chaos stürzen.“ Am 10. Mai nannte er seine Regierung öffentlich ein „Zehnjahresprojekt der Erneuerung“ und kündigte an, Labour in die Parlamentswahl 2029 führen zu wollen.

Die Rücktrittsforderungen wurden konkreter. Maryam Eslamdoust, Vorsitzende der Gewerkschaft Transport Salaried Staffs Association (TSSA), die der Labour-Partei nahesteht, forderte Starmers Abgang öffentlich. Erste Labour-Abgeordnete sprachen sich intern in dieselbe Richtung aus. Die Parteiführung schwieg dazu.

Die drei Wunden der Regierung Starmer

Drei Belastungen werden von Beobachtern und Labour-Parlamentariern am häufigsten für die Niederlage verantwortlich gemacht.

Erstens die wirtschaftliche Lage: Die britische Wirtschaft wächst schwächer als erwartet, die Lebenshaltungskosten bleiben hoch. Die Regierung Starmer strich die Winterbrennstoffzulage für ältere Menschen ohne Bedarfsprüfung, eine Kürzung, die in Arbeitervierteln stark registriert wurde.

Zweitens die Mandelson-Affäre: Starmer ernannte Peter Mandelson als Botschafter in Washington, obwohl dieser persönliche Beziehungen zu Jeffrey Epstein eingeräumt hatte. Das Unterhaus lehnte einen Untersuchungsantrag im April 2026 mit 335 zu 223 Stimmen ab. Drei hochrangige Zeugen widersprachen Starmers Darstellung jedoch öffentlich.

Drittens die Antisemitismus-Debatte: Die Regierung hatte Antisemitismus in Großbritannien als „nationalen Notstand“ eingestuft. Die Einstufung zog innerparteiliche Konflikte und öffentlichen Streit nach sich, ohne dass konkrete Schritte folgten, die als ausreichend galten.

Reform UK als nationale Partei: Was das bedeutet

Die wichtigste Verschiebung ist nicht Labours Verlust allein, sondern Reforms gleichzeitiger Gewinn in Nordengland und Südengland. Bei der Parlamentswahl im Juli 2024 hatte Reform UK nur fünf Unterhaussitze errungen. Jetzt regiert die Partei in Sunderland und Essex, in London-Havering und mehreren mittelenglischen Kommunen. Farage erklärte, es sei „ein historischer Wandel in der britischen Politik“.

Reforms Programm verbindet strikte Einwanderungskontrollen, Kürzungen bei staatlichen Leistungen und eine Abkehr von Klimaschutzzielen. Die Partei hat ihren Rückhalt bisher vor allem aus ehemaligen Brexit-Hochburgen gezogen. Die Ergebnisse vom 7. Mai zeigen, dass diese Basis geografisch deutlich breiter geworden ist. Mehrere Meinungsforschungsinstitute sehen Reform UK inzwischen gleichauf mit oder vor Labour in bundesweiten Umfragen.

Drei Jahre bis zur nächsten Parlamentswahl

Starmer hat rechnerisch bis 2029 Zeit. Ob ihm diese Zeit nützt, hängt davon ab, ob Labour bei Nachwahlen im Unterhaus reformparteiliche Vorstöße abwehren kann. Diese entstehen bei Abgängen von Unterhausabgeordneten und könnten Reform UK erste direkte Parlamentsmandate jenseits der fünf aus 2024 bringen.

Für die Labourpartei ist die tiefere Frage dieselbe, die Jeremy Corbyn nicht beantworten konnte: Wer repräsentiert die Arbeiterviertel, die Reform jetzt massenhaft wählen? Starmers Antwort ist das Zehnjahresprojekt, das er am Wahlabend ausgerufen hat. Ob seine eigene Partei diesen Zeitrahmen akzeptiert, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden.

Update 17. Mai, 23:00 Uhr: Das Ausmaß der Reformverschiebung präzisiert sich. Laut Analyse von Sky News erhielt Reform UK bei den Kommunalwahlen einen nationalen Äquivalenzwert von 27 Prozent. In Sunderland gewann die Farage-Partei 58 von 75 Gemeinderatssitzen und übernahm damit einen der historisch stärksten Labour-Wahlkreise des Landes. Im walisischen Senedd wurde Plaid Cymru mit 43 von 96 Sitzen erstmals in der Geschichte der walisischen Selbstverwaltung zur stärksten politischen Kraft; Rhun ap Iorwerth wurde mit Unterstützung der beiden Grünen-Abgeordneten als Erster Minister gewählt und ersetzt damit Labour nach 27 Jahren an der Spitze des Senedd. Farage sprach von einem "Moment epochalen Wandels" im britischen Parteiensystem.

Quellen (8)

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