Essen im Müll: Das 25-Milliarden-System der Supermärkte
Investigativ

Essen im Müll: Das 25-Milliarden-System der Supermärkte

Knapp 11 Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich im deutschen Müll, wirtschaftlicher Wert: 25 Milliarden Euro. Während Tafeln Aufnahmestopps verhängen, lehnen vier Konzerne, die 88 Prozent des Marktes kontrollieren, verbindliche Regeln ab. Frankreich hat das Problem 2016 per Gesetz angegangen. Deutschland diskutiert noch.

15. Juni 2026, 6:41 Uhr 1620 Wörter · 9 Min. Lesezeit

Täglich landen in Deutschland mehrere tausend Tonnen genießbarer Lebensmittel im Müll. Knapp 11 Millionen Tonnen pro Jahr, wirtschaftlicher Wert: rund 25 Milliarden Euro. Zur gleichen Zeit verhängen 38 Prozent der deutschen Tafeln Aufnahmestopps, weil die Nachfrage das Angebot übersteigt. Das ist kein Zufall und kein Versehen. Es ist die Logik eines Systems, das Überproduktion belohnt und Vernichtung billiger macht als jede Alternative und das von vier Konzernen beherrscht wird, die ihre Vernichtungsmengen konsequent hinter dem Betriebsgeheimnisschutz verbergen.

Eine Zahl, die erschreckt

Das Umweltbundesamt hat Mitte 2024 der EU-Kommission die deutschen Daten vorgelegt: Knapp 10,9 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle im Jahr 2023, was einem Wert von rund 25 Milliarden Euro entspricht, mehr als das Bundesetat für Bildung und Forschung. Pro Kopf sind das 129 Kilogramm pro Einwohner. Das Bundesministerium für Ernährung (BMLEH) beziffert den Klimaschaden auf rund 22 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, etwa vier Prozent der deutschen Gesamtemissionen. Rund 25 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Deutschlands produziert Lebensmittel, die am Ende vernichtet werden.

Die gängige Erzählung verweist auf den Verbraucher: 59 Prozent der Abfälle entstehen laut BMLEH in privaten Haushalten. Was diese Zahl verbirgt: Sie misst das Ergebnis, nicht die Ursache. Wer täglich von Drei-für-zwei-Aktionen, künstlich knappen Mindesthaltbarkeitsdaten und permanenten Sonderangeboten umgeben ist, kauft mehr als er braucht. Die Quelle der Überproduktion liegt nicht im Kühlschrank des Konsumenten. Sie liegt in der Beschaffungslogik der vier Konzerne, die den deutschen Lebensmittelmarkt kontrollieren.

Volle Regale als Geschäftsmodell

Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe (Lidl und Kaufland) und die beiden Aldi-Gruppen kontrollieren zusammen 88 Prozent des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. Das hat das Marktforschungsunternehmen Trade Dimensions für 2025 bestätigt, wie ZDF und das Fachblatt Lebensmittelpraxis berichten. In den 1990er Jahren hielten die großen Vier noch rund 55 Prozent. Die Marktkonzentration hat sich in drei Jahrzehnten dramatisch verschärft. Das Bundeskartellamt äußert sich seit Jahren besorgt, zuletzt im Zusammenhang mit der geprüften Übernahme der Tegut-Filialen durch Edeka. Strukturelle Konsequenzen blieben bisher aus.

Vollständig gefüllte Regale sind für diese Konzerne keine logistische Nebensächlichkeit, sondern Kernstrategie. Ein leeres Regal signalisiert dem Kunden Mangel und treibt ihn zur Konkurrenz. Die Lösung: systematische Überbestellung, die sicherstellt, dass das Regal zu jeder Tageszeit gut gefüllt aussieht. Was am Abend nicht verkauft ist, kommt in die Tonne.

Das klingt irrational, ist es wirtschaftlich aber nicht. Lagerung kostet Platz, Personal und Energie. Preisreduktionen kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stören die Preiskommunikation und schaffen Erwartungshaltungen. Spenden an Tafeln erfordern Kühllogistik, Fahrdienste, Dokumentation, rechtliche Absicherung und Personalaufwand. Die Verbraucherzentrale hat diesen Mechanismus analysiert: Viele Händler haben starre Abschreibungsregeln, die feste Rabattstufen zu festen Zeitpunkten vorsehen. Dieses Regelwerk führt zu unnötig hohen Abschriften und am Ende oft zur Vernichtung.

Wie viel jede einzelne Kette tatsächlich vernichtet, ist öffentlich nicht bekannt. Kein Konzern veröffentlicht eigene Vernichtungsstatistiken. Das Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen erlaubt es, diese Zahlen dauerhaft zu verbergen. Wer wissen will, wie viel Edeka oder Aldi täglich wegwerfen, bekommt keine Antwort.

Sieben Prozent und trotzdem systemrelevant

Der direkte Anteil des Handels an den deutschen Lebensmittelabfällen beträgt laut BMLEH sieben Prozent, also rund 770.000 Tonnen jährlich. Auf den ersten Blick klingt das wenig gegenüber den 59 Prozent in Haushalten. Dieser erste Blick täuscht.

Der Handel ist nicht nur ein Glied in der Kette, sondern ihr Motor. Die Bestellmengen der großen Vier bestimmen, wie viel Landwirte produzieren müssen, um die Lieferzusagen erfüllen zu können. Üblich ist ein Überlieferungspuffer von 20 bis 30 Prozent, damit ein kurzfristiger Mehrbedarf des Handels abgedeckt werden kann. Was über die Bestellung hinaus produziert wurde und nicht abgerufen wird, bleibt beim Erzeuger oder wird beim Verarbeiter aussortiert. Das erklärt, warum 15 Prozent der Lebensmittelabfälle in der Verarbeitung entstehen und zwei Prozent schon in der Primärproduktion, bereits bevor das Lebensmittel die Schwelle des Supermarkts überschritten hat.

Die 59 Prozent im Haushalt sind zudem teilweise handelsinduziert: Drei-für-zwei-Angebote, Großpackungen und Aktionsware verleiten zu Mengen, die im Kühlschrank verderben. Die Verantwortung des Handels endet also nicht an der Ladenkasse.

Was 970 Tafeln leisten und was sie nicht können

Rund 970 Tafeln in Deutschland verteilen gerettete Lebensmittel an 1,5 Millionen Menschen. Fast 30 Prozent der Nutzer sind Kinder, rund 48 Prozent beziehen Bürgergeld. Der Bundesverband Tafel Deutschland meldete zuletzt, dass zwei Drittel aller Tafeln die geretteten Mengen als nicht ausreichend einschätzen. 38 Prozent verhängten bereits Aufnahmestopps, weil Lebensmittel nicht mehr für alle Hilfesuchenden reichen.

Die gesellschaftliche Funktion der Tafeln ist real und wichtig. Die Illusion aber, dass sie das Systemversagen kompensieren könnten, ist gefährlich. Nach Angaben von Tafel Deutschland werden jährlich rund 265.000 Tonnen Lebensmittel vor der Vernichtung bewahrt. Dem gegenüber stehen 10,9 Millionen Tonnen Gesamtabfälle. Die Tafeln fangen damit weniger als drei Prozent des Problems auf und stoßen dabei längst an ihre Kapazitätsgrenzen.

Foodwatch und der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisieren seit Jahren, dass die gesellschaftliche Akzeptanz der Tafel-Abhängigkeit ein politisches Signal sendet: dass es normal sei, ein Grundbedürfnis durch Freiwillige zu decken, während Unternehmen gleichzeitig essbare Waren vernichten. Ulrich Schneider, damaliger Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, hat das als strukturelles Beschämungsarrangement bezeichnet, arme Menschen werden auf gerettete Lebensmittel verwiesen, während systemische Ursachen unangetastet bleiben.

Frankreich verboten, Dänemark gelöst

Frankreich ist 2016 einen anderen Weg gegangen. Die nach dem Abgeordneten Guillaume Garot benannte Loi Garot verpflichtet Supermärkte ab 400 Quadratmetern Verkaufsfläche, noch genießbare, aber nicht mehr verkäufliche Lebensmittel an karitative Organisationen zu spenden. Das Gesetz verbietet ausdrücklich das Unbrauchbarmachen von Lebensmitteln, etwa durch Desinfektionsmittel, was in Deutschland laut Berichten des Infosperber gelegentlich praktiziert wird, um ein Containern zu verhindern. Pro Vergehen droht eine Geldstrafe von 3.750 Euro. Der eigentliche Hebel des Gesetzes ist nicht die Strafe, sondern die Verpflichtung: Die Kooperationsverträge mit karitativen Organisationen müssen abgeschlossen und gepflegt werden. Die Lebensmittelspenden an Hilfsorganisationen stiegen nach Inkrafttreten des Gesetzes messbar an.

Dänemark wählte einen anderen Ansatz mit ähnlichem Ergebnis. Die Aktivistin Selina Juul gründete 2008 die Bewegung "Stop Spild af Mad" (Stop Lebensmittelverschwendung) und brachte das Thema auf die politische Agenda. Supermärkte, Restaurants und Lebensmittelproduzenten schlossen freiwillige, aber öffentlich sichtbare Selbstverpflichtungen ab. Parallel entstanden Startups wie Too Good To Go, 2015 in Kopenhagen gegründet, das unverkaufte Speisen und Waren kurz vor Ladenschluss zu stark reduzierten Preisen anbietet und heute in 19 Ländern aktiv ist. Innerhalb von fünf Jahren sank die Lebensmittelverschwendung in Dänemark um 25 Prozent. Entscheidend war die politische Sichtbarkeit des Ziels, nicht freiwillige Zurückhaltung, sondern messbarer gesellschaftlicher Druck.

Frankreich und Dänemark zeigen: Das Problem ist lösbar. Was fehlt, ist kein technisches Know-how und keine gesellschaftliche Bereitschaft. Es fehlt der politische Wille, Verbindlichkeit herzustellen.

Deutschland setzt auf Freiwilligkeit und stagniert

Das BMLEH hat eine Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung veröffentlicht. Ihr Kern: freiwillige Vereinbarungen mit der Wirtschaft, Bewusstseinsbildung bei Verbrauchern und staatliches Monitoring. Verbindliche Vorgaben für den Handel fehlen.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) lehnt gesetzliche Verpflichtungen ab und verweist auf das freiwillige Engagement der Branche. Der Bundesverband Deutscher Lebensmittelhandels (BVLH) veröffentlichte Ende 2024 eine Pressemitteilung mit dem Titel "Umfassendes Engagement des Lebensmittelhandels zeigt Wirkung". Konkrete Zahlen über Vernichtungsmengen der Mitgliedsunternehmen enthält sie nicht.

Der Bürgerrat des Deutschen Bundestags hatte im Jahr 2023 klare Empfehlungen veröffentlicht. Er forderte ein verbindliches Verbot der Vernichtung verkaufsfähiger Lebensmittel sowie eine gesetzliche Spendenpflicht für den Lebensmitteleinzelhandel. Die Anhörung im Ernährungsausschuss des Bundestags im Oktober 2023 beschäftigte sich mit der Frage, wie Lebensmittelverschwendung verhindert werden kann. Umgesetzt wurde keine der Bürgerrat-Empfehlungen.

Foodwatch und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) haben den Stillstand wiederholt als politisches Versagen bezeichnet. Ihre gemeinsame Diagnose: Solange Vernichtung billiger ist als Spende und kein Gesetz das ändert, verbessert sich die Gesamtbilanz nicht. Die Verbraucherzentrale Deutschland formuliert es direkt: Ökonomische Anreizstrukturen lassen sich nicht durch Appelle verändern, sondern nur durch Regulierung. Deutschland hat sich bislang gegen genau diese Option entschieden.

Die EU setzt eine Deadline: 2030

Der Druck kommt jetzt aus Brüssel. Das Europäische Parlament und der Rat haben sich auf verbindliche Reduktionsziele bei der Überarbeitung der EU-Abfallrahmenrichtlinie verständigt. Bis 2030 sollen Lebensmittelabfälle im Einzelhandel und beim Verbrauch (Restaurants, Catering, Haushalte) um 30 Prozent pro Kopf gegenüber dem Referenzzeitraum 2021 bis 2023 sinken. Für Verarbeitung und Herstellung gilt ein Ziel von zehn Prozent. Der HDE hat die EU-Einigung kommentiert und auf nationale Umsetzungsspielräume verwiesen, also auf genau den Spielraum, den Deutschland bisher genutzt hat, um verbindliche Regeln zu vermeiden.

Die Kernfrage ist die Ausgestaltung der deutschen Umsetzung: Werden die Reduktionsziele durch konkrete gesetzliche Pflichten für den Handel unterlegt: Spendenzwang, Transparenzberichte, Bußgelder oder bleibt es erneut bei Monitoring und Absichtserklärungen? Das BMLEH hat bis heute keinen Gesetzentwurf vorgelegt, der dem Handel konkrete Vernichtungsverbote auferlegt. Die Zeit bis 2030 ist begrenzt. Frankreich hat 2016 gezeigt, wie ein solches Gesetz aussehen kann. Dänemark hat gezeigt, welche Wirkung gesellschaftlicher Druck und politische Verbindlichkeit entfalten. Deutschland bleibt das einzige der drei Länder, das beides bislang nicht kombiniert hat.

Quellen (20)

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