Selenskyj warnt vor Oreschnik-Schlag auf Kiew
Die US-Botschaft in Kiew warnte in der Nacht auf Samstag: Ein "möglicherweise erheblicher Luftangriff" könne "jederzeit innerhalb der nächsten 24 Stunden" stattfinden. Selenskyj legte nach und erklärte, ukrainische Geheimdienste hätten auf Basis von Informationen amerikanischer und europäischer Partner konkrete Hinweise erhalten, dass Russland einen Schlag mit der Mittelstreckenrakete Oreschnik vorbereitet. Auch Kiew stehe auf der möglichen Zielliste.
Starobilsk: Wohnheim, 86 Jugendliche, ein umstrittenes Ziel
Auslöser ist ein ukrainischer Drohnenangriff in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai auf ein Studierendenwohnheim in Starobilsk, einer Stadt im russisch besetzten Gebiet Luhansk. Zum Zeitpunkt des Angriffs schliefen nach russischen Angaben 86 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren in dem Gebäude. Nach den aktuellen russischen Zahlen kamen 21 Menschen ums Leben, 39 wurden verletzt, 15 galten zunächst als vermisst.
Putin bezeichnete den Angriff als "Terrorakt" und ordnete das Verteidigungsministerium an, eine Vergeltung vorzubereiten. UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte den Angriff scharf und betonte, dass Angriffe auf Zivilisten und zivile Infrastruktur nach dem humanitären Völkerrecht verboten sind.
Der ukrainische Generalstab widersprach der russischen Darstellung. Das tatsächliche Ziel sei ein Hauptquartier der russischen Spezialeinheit "Rubikon" gewesen, die laut ukrainischen Geheimdienstangaben Drohnen für Angriffe auf ukrainische Städte baut. Das Gebäude sei militärisch genutzt worden. Unabhängige Überprüfungen beider Versionen sind unter den Bedingungen des Krieges nicht möglich.
Was die Oreschnik technisch kann
Die Oreschnik (NATO-Bezeichnung: SS-X-34) ist eine ballistische Mittelstreckenrakete mit einer Reichweite von bis zu 5.500 Kilometern. In der Endphase des Anflugs erreicht sie Geschwindigkeiten zwischen dem Zehnfachen und dem Elffachen der Schallgeschwindigkeit, also zwischen 12.000 und 13.500 Kilometern pro Stunde. Ihr Mehrfachgefechtskopfsystem (MIRV) ermöglicht es, bis zu sechs Ziele gleichzeitig anzugreifen.
Für die Ukraine ist die Rakete mit den vorhandenen Mitteln nicht abwehrbar. Die Patriot-Systeme der USA und das französische SAMP/T, über die Ukraine verfügt, können Flugkörper, die außerhalb der Atmosphäre fliegen, nicht abfangen. Dafür wären Systeme wie THAAD oder SM-3 nötig. Das israelische Abwehrsystem Arrow 3, das genau für diesen Bereich ausgelegt ist und das die Bundeswehr beschafft hat, besitzt die Ukraine nicht.
Russland hat die Oreschnik bisher zweimal im Ukrainekrieg eingesetzt. Im November 2024 traf sie Dnipro ohne konventionelle Sprengköpfe, offenbar als Demonstrationsschlag. Am 9. Januar 2026 flog die Rakete gegen Lwiw im Westen der Ukraine, nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, diesmal mit Streumunition im MIRV-Modus.
Propagandainstrument oder echte Waffe?
Militäranalysten bewerten die Oreschnik differenzierter als die Kriegsrhetorik beider Seiten. Deutsche Verteidigungsexperten und das ZDF-Sicherheitsressort kommen zu dem Schluss, dass die Rakete als noch nicht vollständig einsatzbereit gilt: Weder beim Dnipro-Einsatz ohne Sprengköpfe noch beim Lwiw-Einsatz mit Streumunition zeigte die Waffe ihre maximale Wirkung. Beide Einsätze hatten starken Signalcharakter.
Dennoch ist der psychologische und politische Effekt real. Russland nutzt die Oreschnik gezielt als Eskalationsinstrument: Nach jedem Einsatz steigen die Forderungen westlicher Regierungen nach besserer Luftverteidigung für die Ukraine, was Ressourcen bindet und politische Debatten in NATO-Ländern auslöst. Das Kalkül geht auf, unabhängig davon, ob die Rakete tatsächlich ihren vollen Schaden entfaltet.
Der Starobilsk-Angriff liefert Putin diesmal einen konkreten Vorwand, den er öffentlich als humanitäre Katastrophe rahmt: 86 Jugendliche in einem Wohnheim sind eine Botschaft, die sich international leicht kommunizieren lässt.
Was ein Oreschnik-Treffer für Kiew bedeuten würde
Kiew hat knapp drei Millionen Einwohner und ist nach wie vor das politische und wirtschaftliche Zentrum der Ukraine. Ein Oreschnik-Angriff auf die Hauptstadt hätte eine Wirkung weit über den militärischen Schaden hinaus: Er würde demonstrieren, dass Russland bereit ist, eine rote Linie zu überschreiten, die bislang informell galt.
Selenskyj wandte sich am Samstag an die internationale Gemeinschaft: "Die Welt muss reagieren." Konkrete Forderungen nannte er nicht. Nach dem Lwiw-Angriff im Januar hatten mehrere EU-Mitgliedstaaten verstärkte Luftverteidigungssysteme für die Ukraine gefordert. Geliefert wurde seitdem kein Arrow-3-Abwehrsystem.
Bis Redaktionsschluss lag keine Bestätigung vor, dass ein Angriff tatsächlich stattgefunden hat. Die US-Botschaft empfahl Amerikanern in der Ukraine, über mögliche Notfallpläne nachzudenken. Ob Russland die Drohung in die Tat umsetzt oder ob die Warnung selbst das strategische Instrument ist, lässt sich aus Kiew nicht beurteilen. Beide Möglichkeiten verfolgen das gleiche Ziel: Die Ukraine und ihre Partner unter Druck zu setzen.
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