12 Seen, 17 Jahre: Yosemites Frosch kehrt zurück
In den 1970er Jahren begann das Verschwinden. Ein eingeschleppter Pilz fraß sich durch die Bergseen der Sierra Nevada und der Gelbfußfrosch Rana sierrae, bis dahin in Hunderten von Seen des Yosemite-Nationalparks heimisch, verschwand innerhalb weniger Jahrzehnte aus mehr als 93 Prozent seines historischen Verbreitungsgebiets. Im November 2024 erschien in Nature Communications die Studie, die zeigt, dass er zurückgekommen ist.
Ein Pilz, der eine Art fast auslöschte
Batrachochytrium dendrobatidis, kurz Bd, ist einer der tödlichsten Krankheitserreger in der Geschichte der Wirbeltiere. Der Pilz befällt die Haut von Amphibien und stört bei Fröschen den Elektrolythaushalt, was zum Herzversagen führt. Seit seiner weltweiten Ausbreitung durch den internationalen Tierhandel in den 1970er und 1980er Jahren hat Bd in über 90 Amphibienarten zum Aussterben beigetragen und ist für den Rückgang von insgesamt mehr als 500 Amphibienarten verantwortlich.

Für den Sierra Nevada Gelbfußfrosch war Bd verheerend. Bis Mitte der 2000er Jahre hatte die Art 93 Prozent ihres historischen Lebensraums in den Hochseen der Sierra Nevada verloren. 2014 nahm die US-Behörde Fish & Wildlife Service den Frosch in die Liste der gefährdeten Arten auf. In einigen Restpopulationen lagen die Überlebensraten so niedrig, dass Forscher von einer funktionalen Ausrottung sprachen.
Die Methode: Resistente Frösche einsetzen
Roland Knapp von der University of California Santa Barbara entwickelte mit seinem Team eine ungewöhnliche Strategie. Statt den Pilz zu bekämpfen, suchten die Forscher nach Fröschen, die trotz Bd-Infektion überlebten. In wenigen Restseen der Sierra Nevada hatten sich Populationen erhalten, deren Individuen eine höhere genetische Toleranz gegenüber dem Pilz besaßen.
Diese toleranteren Tiere wurden gesammelt, kurz in Gefangenschaft gehalten und dann systematisch in Seen umgesiedelt, aus denen der Frosch verschwunden war. Zwischen 2006 und 2020 führten Knapp und sein Team 24 Wiedereinführungen in 12 Seen im Yosemite-Gebiet durch. Die Nature-Communications-Studie fasst das 17 Jahre umspannende Ergebnis zusammen: Die umgesiedelten Populationen haben sich etabliert, vermehren sich selbstständig und sind nach Modellrechnungen über 50 Jahre stabil.
Knapp beschrieb die Transformation in einer Pressemitteilung der UC Santa Barbara so: "Die Seen sind wieder lebendig, vollständig verändert. Man kann am Ufer entlangschauen und auf einer Seite 50 Frösche sehen und auf der anderen noch 50 und im Wasser sieht man 100 bis 1.000 Kaulquappen." 2025 weiteten Fish & Wildlife Service und die US-Forstverwaltung das Programm auf Seen im Tahoe National Forest aus.

Im Vergleich: Andere Artenschutzerfolge durch aktive Intervention
Die Wiederansiedlung des Gelbfußfroschs reiht sich in eine Gruppe von Artenschutzerfolgen ein, die alle einer ähnlichen Logik folgen: Statt Lebensräume allein passiv zu schützen, wurden Tiere aktiv zurückgebracht.
Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) war 1913 in den Alpen ausgerottet worden. Bauern hatten ihn als Viehtöter erschossen, obwohl er als Aasfresser kaum lebende Tiere angreift. 1986 begann ein koordiniertes Wiederansiedlungsprogramm unter Beteiligung von Österreich, der Schweiz, Frankreich und Deutschland. 2024 lebten nach Angaben der Stiftung Pro Bartgeier zwischen 414 und 547 Bartgeier in den Alpen: 2024 war zugleich das erfolgreichste Brutjahr seit Beginn des Projekts mit 61 flügge gewordenen Jungvögeln.
Der Wisent, das Europäische Bison, starb 1927 in freier Wildbahn aus. In Zoos überlebten noch 48 Individuen. Ein koordiniertes Zuchtprogramm brachte den Bestand auf über 8.000 Tiere zurück, heute leben mehrere Hundert Wisente im Białowieża-Urwald an der polnisch-belarusischen Grenze. Schlüssel in beiden Fällen war derselbe wie in Yosemite: Tiere wurden nicht nur geschützt, sondern dorthin zurückgebracht, wo sie einmal lebten.
Was das Modell für andere Bd-gefährdete Arten bedeutet
Die Sierra-Nevada-Studie hat globale Bedeutung, weil Bd nicht nur in Nordamerika ein Problem ist. Die IUCN schätzt, dass Bd für mehr als ein Drittel aller weltweit bedrohten Amphibienarten zu den Hauptbedrohungen zählt, besonders in Mittelamerika und Australien. In Zentralamerika hat Bd mehrere Harlekinfroscharten (Atelopus) regional ausgelöscht.
Die Erkenntnisse aus Yosemite sind in Teilen übertragbar: Populationen, die unter Bd-Druck überleben, besitzen genetisch messbare Toleranzmerkmale. Diese Tiere lassen sich als Ausgangspopulationen für Wiedereinführungen nutzen. Das Panama Amphibian Rescue and Conservation Project und das australische Amphibian Disease Team haben ähnliche Ansätze für bedrohte Arten in ihren Regionen gestartet. Ob diese Programme die Stabilität erreichen, die Knapp in Yosemite dokumentiert hat, werden Langzeitmessungen in den nächsten Jahren zeigen. Das Yosemite-Ergebnis ist jedenfalls das bislang einzige Beispiel eines nachgewiesenen Erholungserfolgs im Freiland unter fortgesetztem Bd-Druck.
Kommentare