Kei-Inseln: 85 Prozent Rückgang der Schildkrötenjagd
Weniger als 2.500 reproduktionsfähige Weibchen leben noch im Westpazifik, ein Bruchteil historischer Bestände. Auf den Kei-Inseln in Ostindonesien, einer ihrer letzten Rückzugszonen, ist die Jagd auf diese Tiere seit 2017 um 85 Prozent zurückgegangen. Der Grund ist kein staatliches Verbot, sondern ein Schutzprogramm das Küstengemeinden selbst zu Schutzpartnern gemacht hat.
Die gefährdetste Meeresschildkrötenpopulation der Erde
Die Lederrückenschildkröte (Dermochelys coriacea) ist die größte lebende Schildkrötenart und die einzige Meeresschildkröte ohne feste Knochenschale. Ausgewachsene Tiere werden über zwei Meter lang und können mehr als 900 Kilogramm wiegen. Sie legen die weitesten Wanderrouten aller Meerestiere zurück: Von Nistständen in Indonesien schwimmen Weibchen bis in den Nordpazifik vor Kanada und Alaska, um dort Quallen zu jagen. NOAA Fisheries stuft die Lederrückenschildkröte seit 1970 als gefährdet ein.

Die westpazifische Subpopulation gilt als die bedrohteste aller Lederrückenbestände weltweit. NOAA Fisheries schätzt die Zahl der reproduktionsfähigen Weibchen im Westpazifik auf weniger als 2.500 Tiere, ein Bruchteil historischer Bestände. Die Kei-Inseln in der Provinz Maluku (Ostindonesien) sind wichtige Aufzuchtstätten und Raststätten auf den Wanderrouten dieser Population. Für NOAA-Biolog:innen gilt das Kei-Archipel als eine der zentralen Rückzugszonen für westpazifische Lederrücken. Küstengemeinden der Region jagten dort seit Generationen Schildkröten und entnahmen Eier aus Nestern, teils zur Ernährung, teils als Einnahmequelle. Zusätzlich bedrohen Geisternetze (in den Ozeanen treibende, verloren gegangene Fischereiausrüstung) die Tiere auf ihren Wanderrouten. WWF schätzt, dass weltweit jährlich zwischen 500.000 und einer Million Tonnen solcher Geisternetze ins Meer gelangen und Schildkröten, Wale und Seevögel töten.
Vom traditionellen Fang zum Gemeinschaftsschutz
Seit 2017 kooperieren NOAA Fisheries, WWF USA und WWF Indonesien, um den Druck auf die westpazifischen Lederrücken zu verringern. Statt staatlicher Verbote von oben setzt das Programm auf lokale Mitverantwortung. Küstengemeinden entwickelten gemeinsam mit WWF Indonesien ein Monitoring-Programm, das Nesterzahlen, Schlupfraten und Schildkrötenbeobachtungen an den Niststränden systematisch erfasst. Einheimische erhalten dafür Ausrüstung und wirtschaftliche Anreize. Andreas Hero Ohoiulun von WWF Indonesien koordiniert das Programm. NOAA beschreibt seinen Ansatz als lokal getragen, gemeinschaftsbasiert und auf langfristige Verankerung ausgelegt.
Das Ergebnis: Die Zahl der gejagten Lederrücken und der aus Nestern entnommenen Eier sank laut NOAA seit Programmbeginn um 85 Prozent. Parallel entstand die Kei Kecil Marine Conservation Area, ein gesetzlich verankertes Meeresschutzgebiet mit Unterstützung auf lokaler Ebene, Distriktebene und Provinzebene. Es regelt Fischereizonen und schränkt den Zugang zu Niststränden ein. Die Kombination aus Gemeinschaftsengagement und formalen Schutzstrukturen unterscheidet dieses Programm von rein staatlich verordneten Maßnahmen, die in Indonesien häufig an fehlender lokaler Akzeptanz scheitern.
Die strukturellen Herausforderungen bleiben erheblich. Die 85 Prozent Rückgang der Jagd gelten für die unmittelbare Region der Kei-Inseln. Die Tiere verbringen jedoch den Großteil ihres Lebens auf dem offenen Ozean, wo das lokale Schutzprogramm keine Wirkung hat. Geisternetze, Beifang in der industriellen Fischerei und Meeresverschmutzung bedrohen die Population auf ihrer langen Wanderroute und entziehen sich jedem lokalen Schutzansatz.

Was Atlantik und Karibik zeigen
Der Vergleich zwischen der pazifischen und der atlantischen Lederrückenpopulation macht deutlich, wie wichtig früher Schutz ist. Die nordwestatlantische Population, die auf Stränden in Trinidad und Tobago, Guyana und Surinam nistet, gilt als deutlich stabiler als ihre pazifische Entsprechung. Dort begannen systematische Schutzprogramme bereits in den 1960er und 1970er Jahren. Der Zoologe Archie Carr gründete das Caribbean Conservation Corporation und entwickelte die ersten gemeindebasierten Schildkrötenschutzmodelle, auf die sich viele heutige Programme weltweit beziehen.
Am karibischen Strand Tortuguero in Costa Rica, dem wichtigsten Nistplatz der Suppenschildkröte in Mittelamerika, ist ein ähnlicher Ansatz seit Jahrzehnten etabliert: Küstengemeinden übernehmen das Nestmonitoring, erhalten Einnahmen aus dem Schildkröten-Ökotourismus und haben ein wirtschaftliches Interesse am Fortbestand der Tiere. Die Nesterzahlen in Tortuguero haben sich nach einem dramatischen Rückgang in den 1960er Jahren über Jahrzehnte wieder erholt. Der Unterschied zum Westpazifik liegt im Zeitvorsprung: Was in der Karibik vier Jahrzehnte dauerte, muss im Westpazifik unter 2.500 verbleibenden Weibchen sehr viel schneller gelingen.
Papua-Neuguinea und die Salomonen als nächste Stationen
Die westpazifische Lederrückenschildkröte nistet nicht nur auf den Kei-Inseln. Weitere wichtige Niststände liegen im indonesischen Papua sowie in Papua-Neuguinea und auf den Salomonen. Laut NOAA hat die Zahl der Nester an mehreren dieser Strände in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen. NOAA und WWF haben nach eigenen Angaben bereits Kontakte zu Gemeinschaften in diesen Regionen aufgebaut, um ähnliche Schutzprogramme zu entwickeln.
Die entscheidende Frage ist die Finanzierungskontinuität. Ein lokal getragenes Monitoring-Netz braucht jahrelange externe Unterstützung in Form von Ausrüstung, Schulungen und Koordination, bevor es eigenständig funktioniert. Das Kei-Modell zeigt, dass dieser Aufwand Wirkung hat. Ob und wie schnell es auf andere Brutregionen des Westpazifik übertragen werden kann, hängt davon ab, ob internationale Naturschutzorganisationen und Geberländer die nötigen Mittel langfristig bereitstellen.
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