Personalisierte Schmerztherapie startet am LMU Klinikum
Mehr als 20 Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen, Rückenschmerzen sind die häufigste Form. Physiotherapie hilft nicht immer, Opioidmedikamente erzeugen bei Langzeiteinnahme Abhängigkeit und elektrische Hirnstimulation wirkt nur bei einem Teil der Betroffenen. Einer der Hauptgründe für diese Misserfolge: Bisherige Behandlungen setzen bei allen Patientinnen und Patienten auf dieselbe Hirnregion, obwohl Schmerzverarbeitung im Gehirn stark individuell ausgeprägt ist. Eine seit Juni 2026 laufende Studie am LMU Klinikum München will das ändern.
Was ist eigentlich Neuromodulation?
Chronischer Schmerz ist keine Schädigung im Körper allein. Liegt ein Rückenproblem wie ein Bandscheibenvorfall vor, heilt das Gewebe in vielen Fällen, aber der Schmerz bleibt bestehen. Das liegt daran, dass das Gehirn im Verlauf chronischer Schmerzerkrankungen seine eigene Verarbeitungsstruktur verändert: Neuronale Bahnen, die Schmerzsignale weiterleiten, werden sensitiver. Was ursprünglich als Alarmsignal begann, wird zur eigenständigen Störung.
Neuromodulation ist der Oberbegriff für Verfahren, die genau in diese Verarbeitungspfade eingreifen, ohne chirurgischen Zugang. Transkranielle Magnetstimulation (TMS) nutzt Magnetfelder, transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) schwachen elektrischen Strom, um Hirnregionen zu aktivieren oder zu hemmen. Beide sind bereits klinisch zugelassen, etwa für therapieresistente Depressionen. Bei chronischen Schmerzen zeigen sie jedoch uneinheitliche Ergebnisse, was Forscher seit Jahren auf das Problem standardisierter Zielregionen zurückführen: Alle Patienten werden an derselben Stelle stimuliert, unabhängig davon, wie ihr Gehirn den Schmerz tatsächlich repräsentiert.
Wie der fokussierte Ultraschall arbeitet
Fokussierter Ultraschall unterscheidet sich grundlegend von dem Diagnoseverfahren, das Schwangere aus der Praxis kennen. Kleine Transducer, die auf der Schädeldecke aufgesetzt werden, bündeln Schallwellen so, dass sie sich in einem Punkt im Hirngewebe mit hoher Energie treffen. Die Präzision liegt im Millimeterbereich. Das Zielgebiet erwärmt sich oder erfährt Druckveränderungen und Zugkräfte, was die neuronale Aktivität verändert, ohne umliegendes Gewebe zu beschädigen.
Klinisch ist das Verfahren in Deutschland nicht neu: Das Universitätsspital Zürich (USZ) und weitere Zentren nutzen MRT-geführten fokussierten Ultraschall bereits für essenzielle Tremor-Erkrankungen und bestimmte Formen von Parkinson, bei denen Tiefenhirnstimulation keine Option ist. Das USZ berichtet von einer deutlichen Verbesserung bei der Mehrheit der behandelten Patienten mit essenziellem Tremor. Auf Schmerztherapie, vor allem auf personalisierter Basis, wurde das Verfahren bislang kaum übertragen. In Deutschland steht die Technologie an insgesamt fünf Standorten zur Verfügung.
Was das NeuroPain-Projekt anders macht
Das NeuroPain-Projekt am LMU Klinikum, geleitet von dem Psychologen Dr. Enrico Schulz, der Biologin Veronica Meedt (M.Sc.) und dem Psychologen Dr. Daniel Keeser aus den Kliniken für Radiologie und Psychiatrie, setzt einen zweistufigen Ansatz um, der bisher in dieser Kombination nicht klinisch erprobt wurde.
In einem ersten Schritt werden Teilnehmende mit chronischen Rückenschmerzen mehrfach im MRT-Scanner untersucht, während sie ihre Schmerzintensität in Echtzeit bewerten. Durch die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) kann das Team erkennen, welche Hirnregion bei dieser Person am stärksten mit dem Schmerzerleben korreliert. Diese Region ist individuell: Der Psychologe Schulz betonte in der Projektkommunikation, Schmerz lasse sich erstmals für jeden Betroffenen individuell im Gehirn kartieren und entsprechend gezielt behandeln.
Im zweiten Schritt wird genau diese Zielregion mit fokussiertem Ultraschall moduliert. Das Verfahren ist nicht-invasiv, Patientinnen und Patienten benötigen keine Narkose und keinen Klinikaufenthalt. Gemessen wird anschließend, ob die Schmerzintensität sinkt. Die Projektinitiatoren bezeichnen den Ansatz als in dieser Form bisher einzigartig in der Schmerzforschung.
Offene Fragen bis zur klinischen Anwendung
Die Studie läuft seit Juni 2026 und befindet sich noch in der Rekrutierungsphase. Konkrete Ergebnisse werden frühestens im Laufe des Jahres 2027 vorliegen, wenn ausreichend Teilnehmende die vollständige zweistufige Behandlung durchlaufen haben. Mehrere Fragen bleiben offen, die das Projektteam selbst nennt: Wie lange hält eine Wirkung an und muss sie aufgefrischt werden? Verändert sich die individuelle Zielregion im Gehirn über die Zeit? Und lässt sich das Verfahren auf andere Schmerzformen ausweiten, etwa auf Kopfschmerzen oder neuropathische Schmerzen nach Nervenverletzungen?
Die technische Hürde ist ebenfalls real: Fokussierter Ultraschall für Therapiezwecke ist aktuell an fünf Standorten in Deutschland verfügbar, MRT-Scanner mit ausreichender Feldstärke für funktionelle Messungen sind aufwendig und kostenintensiv. Der Weg von einer klinischen Pilotstudie zur breiten Versorgung wäre, selbst bei positiven Ergebnissen, ein Prozess von mehreren Jahren, der Zulassung, Kostenübernahme durch Krankenkassen und Ausbildung von Fachpersonal einschließt.
Das ändert nichts daran, dass der methodische Ansatz des NeuroPain-Projekts für die Schmerzforschung grundsätzliche Relevanz hat: Wenn der Nachweis gelingt, dass individuelle fMRT-Kartierung zuverlässig die richtige Zielregion identifiziert, verändert das auch die Logik anderer Neuromodulationsverfahren wie TMS und tDCS. Das Kernproblem der Standardisierung ließe sich dann grundsätzlich anders angehen, unabhängig davon, welche Stimulationstechnologie letztlich zum Einsatz kommt.
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