DGB-Studie: Berliner Mieten um 77 Prozent gestiegen seit 2016
Wirtschaft

DGB-Studie: Berliner Mieten um 77 Prozent gestiegen seit 2016

Die Angebotsmieten in den 40 größten deutschen Städten sind in zehn Jahren um 51 Prozent gestiegen. In Berlin stiegen sie von 8,93 auf 15,80 Euro pro Quadratmeter, dabei übersteigt Rostock mit einem Anstieg von 83 Prozent sogar die Hauptstadt.

4. Juli 2026, 20:39 Uhr 790 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Jeder dritte Mieterhaushalt in Deutschland gibt heute mehr als 40 Prozent seines verfügbaren Einkommens für das Wohnen aus. Im untersten Einkommensdrittel, zu dem 8,3 Millionen Haushalte mit einem durchschnittlichen Nettoeinkommen von 1.417 Euro monatlich gehören, liegt dieser Anteil bereits bei 48 Prozent. Eine neue Erhebung des Deutschen Gewerkschaftsbunds, die Angebotsmieten in den 40 größten deutschen Städten über zehn Jahre auswertet, liefert den Preisbefund dahinter: 51 Prozent teurer im Schnitt, wobei nicht Berlin, sondern Rostock den stärksten Anstieg verzeichnet.

Die Zahlen hinter dem Bundesdurchschnitt

Der DGB-Erhebung auf Basis von Daten des Marktforschungsinstituts Empirica zufolge stiegen die Angebotsmieten in Berlin von durchschnittlich 8,93 Euro pro Quadratmeter Anfang 2016 auf 15,80 Euro Anfang 2026, ein Anstieg von 76,9 Prozent. Hamburg legte um 54,2 Prozent auf 16,18 Euro zu, München um 51,6 Prozent auf 23,26 Euro. München weist damit die höchste absolute Angebotsmiete aller untersuchten Städte aus.

Die Zahlen aus den kleineren Großstädten zeigen aber, dass die Mietkrise kein Phänomen der großen Metropolen allein geblieben ist. Rostock verzeichnete mit 83 Prozent den stärksten prozentualen Anstieg aller 40 Städte, von rund 6 Euro auf heute 11 Euro pro Quadratmeter. Lübeck folgt mit 71,3 Prozent auf 12,52 Euro. Das Muster ist bemerkenswert: Städte im Norden und Osten, die lange als günstige Alternativen zu den teuren Metropolen galten, holen bei den Mietsteigerungen dramatisch auf.

Die Erhebung erfasst Angebotsmieten, also die in Inseraten aufgerufenen Preise für neu vermietete Wohnungen. Sie bilden den vollen Marktdruck für Neumieter ab, spiegeln aber nicht die Bestandsmieten jener wider, die seit Jahren dieselbe Wohnung bewohnen und durch Mietpreisbremse sowie regulierte Anpassungen teilweise geschützt sind.

Wer die Last trägt

Eine im Juni 2026 vom Institut Wohnen und Umwelt im Auftrag des Deutschen Mieterbunds veröffentlichte Wohnkostenstudie quantifiziert die Folgen: 6,6 Millionen Mieterhaushalte in Deutschland gelten als wohnkostenüberlastet, sie wenden mehr als 40 Prozent ihres Nettoeinkommens fürs Wohnen auf, gemessen am europäischen Standardwert. Das ist jeder dritte Mieterhaushalt im Land. In den einkommensschwächsten Gruppen fließen laut Mieterbund teilweise bis zu 60 Prozent des verfügbaren Einkommens in die Miete.

Daten des Statistischen Bundesamts für 2025 zeigen, dass 11,2 Prozent der gesamten deutschen Bevölkerung in wohnkostenüberbelasteten Haushalten leben. Im EU-Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld, südeuropäische Länder wie Griechenland weisen deutlich höhere Quoten auf. Für die Betroffenen selbst ist der europäische Schnitt eine schwache Relativierung: In der unteren Einkommenshälfte frisst das Wohnen den Handlungsspielraum für alle anderen Ausgaben auf.

Was die Wohnungswirtschaft entgegnet

Der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen sieht die Ursache der Mietsteigerungen nicht in Marktversagen, sondern in gestiegenen Herstellungskosten. GdW-Präsident Axel Gedaschko hat wiederholt vorgerechnet, dass ein Anstieg der Baukosten um ein Drittel direkt in höhere Neuvermietungspreise eingeht: Die kostendeckende Miete für einen Neubau steige dadurch von 10,62 Euro auf 13,73 Euro pro Quadratmeter. Seit 2020 sind die Baukosten in Deutschland insgesamt um über 40 Prozent gestiegen. Der GdW fordert abgesenkte, einheitliche Baustandards, damit neue Wohnungen günstiger entstehen können.

DGB und Mieterbund widersprechen dieser Diagnose nicht grundsätzlich, ziehen aber andere Schlussfolgerungen. Nötig seien mehr Investitionen in den sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbau sowie schärfere Regeln gegen Mietwucher, erklärten DGB Baden-Württemberg und Mieterbund in einer gemeinsamen Erklärung. Kritisch sehen beide Verbände, dass die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland auf einen historischen Tiefstand gefallen ist. Gleichzeitig, so der DGB, seien die Löhne im gleichen Zeitraum deutlich langsamer gestiegen als die Angebotsmieten: In den Krisenjahren 2022 und 2023 sank der Reallohnindex zeitweise um bis zu 5,4 Prozent unter den Vorjahreswert.

Mietpreisbremse und Wohngeld: Die offenen Entscheidungen des Jahres

Im Bundestag liegt derzeit der Regierungsentwurf zur Mietrechtsreform 2026. Er soll die Mietpreisbremse, die ursprünglich Ende 2025 auslief und zwischenzeitlich verlängert wurde, bis Ende 2029 fortschreiben, Indexmietenerhöhungen deckeln und Möblierungszuschläge regulieren. Die zweite Lesung ist für den Herbst 2026 geplant.

Parallel dazu steht im Bundeshaushalt 2027 eine Kürzung beim Wohngeld zur Diskussion. GdW-Chef Gedaschko bezeichnete mögliche Kürzungen als „falsches sozialpolitisches Signal zur falschen Zeit“. Für den Mieterbund wäre eine Wohngeldkürzung angesichts der aktuellen Mietkostenzahlen eine direkte Verschlechterung für jene drei Millionen Haushalte, die bereits über ihrer Belastungsgrenze liegen.

Die DGB-Erhebung und die Mieterbund-Studie zusammengenommen zeichnen ein Bild, das die politische Debatte über die Mietrechtsreform unterfüttert: Die zehn Jahre seit 2016 haben die Mietpreise in deutschen Großstädten strukturell nach oben verschoben. Ob die Reform tatsächlich den Druck dämpft oder nur die bestehende Situation einfriert, werden die Herbst-Verhandlungen im Bundestag zeigen.

Quellen (12)

Kommentare