SPRIND: 125 Millionen für Europas erstes KI-Labor
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SPRIND: 125 Millionen für Europas erstes KI-Labor

Die Bewerbungsfrist für SPRINDs 125-Millionen-Euro-Programm Next Frontier AI schloss gestern. Bis zu drei Gewinner sollen bis 2028 Europas Antwort auf amerikanische KI-Dominanz werden.

2. Juni 2026, 6:43 Uhr 695 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Auf dem Ranking des KI-Analyseportals Artificial Analysis belegt Claude Opus 4.8 seit dem 28. Mai den ersten Platz unter allen kommerziellen Sprachmodellen, mit einem Index-Wert von rund 61 Punkten. Das Modell kommt aus San Francisco. Europäische Systeme tauchen in der Spitzengruppe nicht auf. .für ein Programm, das genau das ändern soll: 125 Millionen Euro für Europas erste international wettbewerbsfähige Frontier-KI-Labore.

Was SPRIND finanziert

Das Programm trägt den Namen Next Frontier AI und läuft in drei Stufen. In der ersten Stufe können bis zu zehn Teams jeweils bis zu drei Millionen Euro erhalten, dazu zwei Jahre lang Rechenkapazität, Infrastruktur und Unterstützung beim Unternehmensaufbau. Bis zu sechs Teams steigen in die zweite Stufe auf und erhalten je acht Millionen Euro. Die drei Finanzierungssieger der dritten Stufe erhalten je 15,5 Millionen Euro. Wer diese Runde gewinnt, soll in der Lage sein, anschließend eine Milliarden-Finanzierungsrunde von privaten Investoren aufzunehmen.

Jano Costard, der das Programm bei SPRIND verantwortet, begründete die Initiative gegenüber Euronews mit einem knappen Satz: „We have no time to waste.” Die Jury, die aus internationalen Forschern, Frontier-Lab-Veteranen und Technologieinvestoren besteht, hält ihre Auswahlgespräche am 24. und 25. Juni 2026 ab. Die endgültige Entscheidung fällt bis Ende Juni. Ab Juli 2026 sollen die ersten zehn Teams mit der Arbeit beginnen.

Europas Rückstand und warum er wächst

Seit dem Erscheinen von DeepSeek R1 im Januar 2025 steht Europa unter besonderem Erklärungsdruck. Das chinesische Startup trainierte ein leistungsfähiges Modell zu einem Bruchteil der Kosten, die amerikanische Unternehmen berechnet hatten. Seitdem haben OpenAI, Anthropic und Google die Benchmarks weiter verschoben. Anthropics Claude Opus 4.8, am 28. Mai 2026 veröffentlicht, führt laut Artificial Analysis mit rund 61 Punkten auf dem Intelligence Index, 1,2 Punkte vor OpenAIs GPT-5.5. Googles Gemini 3.1 Pro erreicht auf dem ARC-AGI-2-Benchmark, der Denkfähigkeit testet, 77,1 Prozent.

Europa ist in diesem Rennen Beobachter. Das französische KI-Startup Mistral hat sich als effizienter Herausforderer positioniert, liegt bei absoluter Modellleistung aber weit hinter den amerikanischen Spitzenmodellen. Eine europäische Institution, die mit OpenAI oder Anthropic direkt verglichen werden könnte, existiert nicht.

Wie weit der Abstand im Alltag spürbar wird, zeigt ein Detail aus dem Technologiekalender: Am 8. Juni präsentiert Apple auf seiner Entwicklerkonferenz WWDC voraussichtlich die Integration von Googles Gemini in iOS 27. Das Betriebssystem, das auf Hunderten Millionen Geräten in Europa läuft, wird seinen Nutzern KI von Google liefern, betrieben von einem Konzern aus San Francisco, vertrieben von einem anderen. Europäische KI-Systeme spielen in dieser Infrastruktur keine Rolle.

EU AI Act: Zwei Monate bis zur Pflicht

Parallel zum Wettbewerb um bessere Modelle läuft die Uhr für alle Unternehmen, die KI-Systeme in der EU betreiben. Am 2. August 2026 gilt der EU AI Act vollständig. Dann greifen unter anderem die Transparenzpflichten aus Artikel 50: KI-generierte Inhalte müssen als solche erkennbar gemacht werden, Interaktionen mit Chatbots offengelegt werden. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 15 Millionen Euro oder drei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Für europäische Bewerber bei SPRIND ist der Regulierungsrahmen ambivalent. Einerseits verschafft native EU-Compliance europäischen Anbietern einen Standortvorteil gegenüber außereuropäischen Systemen, die sich erst anpassen müssen. Andererseits verursacht Compliance-Infrastruktur Kosten, die frühe Teams in einer Aufbauphase belasten. Welche Seite der Gleichung überwiegt, hängt davon ab, wie schnell die Teams skalieren können. Der Code of Practice, den die EU-Kommission als Ausführungsbestimmung zum AI Act erarbeitet, wird noch im Juni 2026 erwartet und soll Klarheit über die genauen Anforderungen schaffen.

Bis Ende Juni entscheidet die Jury

Was SPRIND mit 125 Millionen Euro erreichen kann, ist nicht selbstverständlich. Das Budget liegt weit unter dem, was amerikanische Frontier-Labore pro Trainingslauf investieren: Branchenschätzungen zufolge kosten große Modelltrainings je nach Architektur und Größe im zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Millionenbereich. SPRIND argumentiert, dass zentral bereitgestellte Rechenkapazität und die Suche nach effizienteren Architekturen die Rechnung verändern. Die Frage, ob das stimmt, lässt sich erst beantworten, wenn die ersten Teams Ergebnisse vorlegen. Das ist frühestens 2027.

Der eigentliche Test kommt 2028: Dann sollen die drei Finalisten private Investoren davon überzeugen, je rund eine Milliarde Euro in sie zu investieren. Ob europäische Risikokapitalgeber bereit sind, diesen Betrag in KI-Labore zu stecken, die gegen San Francisco und Peking antreten, ist die eigentlich offene Frage. Die Bewerbungen, die gestern in Berlin eingegangen sind, zeigen immerhin, dass Teams in Europa die Herausforderung annehmen wollen.

Quellen (10)

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