Myostatin-Blocker rettet Muskeln bei Abnehmspritzen
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Myostatin-Blocker rettet Muskeln bei Abnehmspritzen

Wer mit GLP-1-Abnehmspritzen abnimmt, verliert typischerweise rund 30 Prozent des Gewichts aus Muskelmasse statt aus Fett. Eine Phase-2-Studie in Nature Medicine zeigt, dass ein Myostatin-Blocker namens Apitegromab diesen Verlust auf 15 Prozent senken kann, ohne die Wirkung der Abnehmspritze zu bremsen.

Quellen (10)
  1. Nature Medicine (EMBRAZE-Studie)nature.com
  2. Deutsches Ärzteblattaerzteblatt.de
  3. Science Media Centresciencemediacentre.org
  4. Scholar Rock Pressemitteilunginvestors.scholarrock.com
  5. Medical Xpressmedicalxpress.com
  6. t-online Gesundheitt-online.de
  7. TU München, Lehrstuhl Sportbiologiehs.mh.tum.de
  8. LMU Klinikum München, HyperMetlmu-klinikum.de
  9. Medscapedeutsch.medscape.com
  10. PubMedpubmed.ncbi.nlm.nih.gov
15. August 2026, 21:43 Uhr858 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Ein Mensch kann 30 Kilogramm abnehmen und am Ende schwächer dastehen als vorher. Nicht wegen mangelnder Disziplin, sondern weil die neuen GLP-1-Abnehmspritzen so effizient wirken, dass sie neben Fett auch Muskelmasse abbauen. Bei manchen Patienten stammt jedes dritte verlorene Kilogramm nicht aus dem Fettdepot, sondern aus der Skelettmuskulatur. Eine im Juni 2026 in Nature Medicine veröffentlichte Phase-2-Studie zeigt jetzt einen Ansatz, dieses Verhältnis zu verschieben, ohne den Gewichtsverlust zu bremsen.

Das Problem mit 60 Millionen Nutzern

GLP-1-Agonisten wie Tirzepatid (Zepbound) und Semaglutid (Ozempic, Wegovy) haben die Behandlung von Adipositas grundlegend verändert. Weltweit nehmen mehr als 60 Millionen Menschen diese Medikamente ein. Sie reduzieren den Körperfettanteil um 15 bis 25 Prozent des Ausgangsgewichts und senken nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes.

Die Schattenseite: Rund 30 Prozent des verlorenen Gewichts stammt aus der fettfreien Körpermasse, also vor allem aus der Skelettmuskulatur. Bei jemandem, der 15 Kilogramm abnimmt, sind das rechnerisch 4,5 Kilogramm Muskeln. Dr. Brendan Gabriel von der University of Aberdeen, der die Studie im Auftrag des Science Media Centre kommentierte, ordnet das ein: „Es gibt keine klaren Belege dafür, dass Abnehmmedikamente Muskeln stärker abbauen als herkömmliches Diäten." Der Muskelverlust ist demnach eine Begleiterscheinung des Abnehmens generell, nicht ein spezifisches Problem der GLP-1-Spritzen. Trotzdem ist er medizinisch relevant: Muskelschwund erhöht das Sturzrisiko, senkt den Grundumsatz und kann bei älteren Patienten zur klinischen Sarkopenie führen.

Myostatin: Der Bremsklotz der Natur

Das Protein Myostatin wurde in den 1990er Jahren identifiziert, als Forscher Rinder mit ungewöhnlich hoher Muskelmasse untersuchten. Diese Tiere wiesen eine Mutation auf, die Myostatin inaktivierte. Ohne Myostatin wächst Muskelgewebe weitgehend unkontrolliert. Das Protein ist demnach ein natürlicher Begrenzer des Muskelwachstums, der verhindert, dass der Körper dauerhaft Energie in übermäßige Muskulatur investiert.

Apitegromab ist ein monoklonaler Antikörper, der Myostatin blockiert. Entwickelt wurde er von der US-amerikanischen Pharmafirma Scholar Rock ursprünglich für Spinale Muskelatrophie, eine seltene genetische Erkrankung. Bei GLP-1-Nutzern wäre der Einsatz ein anderer: nicht Muskeln neu aufbauen, sondern erhalten, was ohne die Abnehmspritze bestehen bliebe.

Die EMBRAZE-Studie: Was 102 Patienten zeigten

Die EMBRAZE-Studie war ein randomisiertes, doppelblindes, placebokontrolliertes Phase-2-Verfahren. Zwischen Juni und September 2024 wurden 102 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas im Verhältnis 1:1 auf zwei Gruppen aufgeteilt: Tirzepatid plus Apitegromab (10 mg/kg alle vier Wochen intravenös) oder Tirzepatid plus Placebo. Die Behandlung lief 24 Wochen. Die Ergebnisse veröffentlichte Nature Medicine im Juni 2026.

Das Kernresultat laut Scholar Rock: Die Apitegromab-Gruppe verlor 1,9 Kilogramm weniger Muskelmasse als die Placebo-Gruppe bei nahezu identischem Gesamtgewichtsverlust, was Scholar Rock als 54,9-prozentige Retention von Muskelmasse gegenüber Placebo beziffert. Konkret stammten in der Apitegromab-Gruppe 14,6 Prozent des Gesamtgewichtsverlusts aus der Muskulatur, in der Kontrollgruppe 30,2 Prozent. Ausgedrückt in der Qualität des Gewichtsverlusts: 85 Prozent Fett und 15 Prozent Muskeln gegen 70 Prozent Fett und 30 Prozent Muskeln. Die Häufigkeit unerwünschter Ereignisse war in beiden Gruppen vergleichbar: 76 Prozent in der Apitegromab-Gruppe, 71 Prozent beim Placebo.

München forscht, aber der Weg zur Zulassung ist lang

Prof. Henning Wackerhage vom Lehrstuhl für Sportbiologie der Technischen Universität München bezeichnete Myostatin-Inhibitoren in einem Interview mit der ZEIT als vielversprechenden Ansatz, um Muskelverlust bei Abnehmspritzen zu begrenzen. Seine Forschungsgruppe HyperMet an der TU München erhielt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft 4,5 Millionen Euro Förderung für Studien zu Muskelaufbau und Stoffwechselgesundheit.

Gabriel vom Science Media Centre mahnte zur Einordnung: EMBRAZE war eine Phase-2-Studie mit 102 Teilnehmern und 24 Wochen Laufzeit. Ob die Ergebnisse in größeren Populationen über längere Behandlungsdauer standhalten, ist unbekannt. Langzeitdaten zu Apitegromab in Kombination mit GLP-1-Agonisten fehlen vollständig. Die klinische Relevanz eines 1,9-Kilogramm-Unterschieds bei der Muskelmasse, also ob dieser Unterschied sich in messbarer Kraft, Mobilität oder reduzierten Sturzraten niederschlägt, ist ebenfalls noch nicht nachgewiesen.

Weder die FDA noch die EMA haben Apitegromab für den Einsatz bei GLP-1-Nutzern zugelassen. Scholar Rock hat Phase-3-Studien angekündigt, ohne konkrete Zeitpläne zu nennen.

Die Zulassungsfrage und was danach kommt

Die offene Frage ist nicht nur wissenschaftlicher Natur. Apitegromab wird bei Spinaler Muskelatrophie alle vier Wochen intravenös infundiert. In dieser Indikation kostet ein Behandlungsjahr sechsstellige Beträge. Käme Apitegromab für GLP-1-Nutzer als Zusatzbehandlung auf den Markt, entstünde eine Kombitherapie, die in beiden Bestandteilen teuer ist. GLP-1-Agonisten kosten in Deutschland ohne Kassenerstattung derzeit 150 bis 400 Euro monatlich.

Für Deutschland erstattet die gesetzliche Krankenversicherung Abnehmspritzen nur in sehr engen Ausnahmen, weil das Bundesministerium für Gesundheit sie bisher nicht als Kassenleistung eingestuft hat. Eine zusätzliche Substanz zur Muskelerhaltung bei einer ohnehin nicht erstatteten Behandlung dürfte zunächst ausschließlich für Selbstzahler relevant sein. Der Gemeinsame Bundesausschuss und die Kassen würden erst dann über Erstattungsfähigkeit entscheiden, wenn eine Zulassung vorläge.

Phase 3 kommt nach Phase 2, eine EMA-Zulassung wäre frühestens in drei bis vier Jahren realistisch. Für Millionen GLP-1-Nutzer heute bedeutet das: Wer während einer Abnehmspritzenbehandlung Muskelmasse erhalten will, für den bleibt Krafttraining der einzige bislang evidenzbasierte Weg.

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