Nato-Gipfel Ankara: Trumps zwei Ambitionen
In der Nacht auf Montag feuerte Russland 29 ballistische Raketen auf Kiew. Keine einzige wurde abgefangen. Zelensky forderte noch vor der Morgendämmerung „starke Entscheidungen“ vom bevorstehenden Nato-Gipfel. Während er das schrieb, bereiteten sich die Staatschefs und Regierungschefs von 32 Ländern auf ihren Flug nach Ankara vor. Der Angriff auf die ukrainische Hauptstadt am Vorabend des Gipfels zeigt, wie weit die Schlachtfeldrealität von der Verhandlungsrhetorik entfernt ist.
Von drei auf 32: Die NATO-Transformation
Wer verstehen will, was beim 36. Nato-Gipfel auf dem Spiel steht, muss 2014 beginnen. Damals verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten in Wales, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung erfüllten genau drei von damals 28 Mitgliedsländern dieses Ziel: die USA, Großbritannien und Griechenland. Elf Jahre später, im Jahr 2025, sind erstmals alle 32 Mitgliedsstaaten über der Zweiprozentschwelle. Die europäischen Verbündeten steigerten ihre Verteidigungsausgaben 2025 um 20 Prozent. Das ist der stärkste Jahresanstieg unter den europäischen Nato-Mitgliedern seit 1953.
Dieser Wandel ist der Ausgangspunkt für das, was Generalsekretär Mark Rutte intern „NATO 3.0“ nennt. Am Haager Gipfel 2025 einigten sich die Mitgliedsstaaten auf ein neues Ziel: fünf Prozent des BIP bis 2035. Die Zusammensetzung: mindestens 3,5 Prozent für die Kernverteidigung und bis zu 1,5 Prozent für breitere Sicherheitsinvestitionen wie kritische Infrastruktur, Cyberabwehr und zivile Resilienz. Lediglich Spanien erhielt eine Ausnahmeregelung. Die nationalen Umsetzungspläne, die zeigen sollen wie jedes Land den Fünfprozentkurs erreicht, mussten bis Mitte 2026 vorgelegt werden. In Ankara beginnt die Überprüfungsphase.
Trump kommt nicht als Kritiker der alten Zweiprozentszusage, sondern als Vollstrecker der neuen. Laut NPR ist seine Agenda für Ankara klar: Im vergangenen Jahr hat er die Versprechen eingeholt. Dieses Jahr will er sie einfordern. Das Chicago Council on Global Affairs hält die Frage für offen, ob Ankara die Lücke zwischen politischen Zusagen und industrieller Kapazität schließen kann. Rüstungsproduktion und gemeinsame Beschaffung laufen der Ausgabenrhetorik oft hinterher.
Drei Gespräche am Rande
Wichtiger als die Plenarsitzungen sind für Trump die Bilateraltreffen. Geplant sind drei, jedes mit einer eigenen Logik.
Mit Zelensky trifft Trump sich am Mittwoch um 14:30 Uhr Ortszeit, eine Stunde ist angesetzt. Zelensky erklärte nach einem gemeinsamen Telefonat am 4. Juli, es gebe „eine echte Aussicht auf ein Kriegsende“ und dass US-Führerschaft entscheidend sei, um dieses Ziel zu erreichen. Ein ranghoher US-Beamter bestätigte gegenüber Medien, Trump verspüre „eine Dringlichkeit, den Krieg zu beenden“ und werde mit Zelensky darüber sprechen, wie das gelingen könne. Nach dem Treffen plant Trump laut Meduza einen Anruf bei Putin, um die Ergebnisse der Begegnung weiterzugeben.
Mit Ahmed al-Scharaa, dem syrischen Staatspräsidenten, ist anschließend ein zweites Bilateraltreffen geplant. Das wäre die erste persönliche Begegnung der beiden Staatschefs. Hintergrund ist ein seit Monaten diskutierter Vorschlag aus dem Weißen Haus: Syrien solle Truppen in den Osten des Libanon entsenden, um die von Iran unterstützte Hisbollah zu entwaffnen. Al-Sharaa hat das im Juni kategorisch abgelehnt: Er suche „wirtschaftliche Kanäle zwischen Libanon und Syrien, keine militärischen“. Ankara wird das erste Treffen, bei dem beide Positionen direkt gegenüberstehen.
Dritter Gesprächspartner ist Gastgeber Recep Tayyip Erdoğan am Dienstag. Die Türkei richtet zum zweiten Mal in ihrer Geschichte einen Nato-Gipfel aus und nutzt die Bühne, um ihre strategische Unverzichtbarkeit zu demonstrieren.
Frieden zwischen Versprechen und Verhandlungsmauer
So real Zelenskys Hoffnung auf ein Kriegsende klingt, so konkret sind die Hindernisse. Russland besteht darauf, dass jede Friedensvereinbarung die russische Kontrolle über die Donbasregion anerkennt, eine Forderung, die Kiew wiederholt kategorisch abgelehnt hat. Trump telefonierte am 4. Juli 90 Minuten mit Putin und bekräftigte sein Interesse an einer Vermittlung. Einen konkreten Durchbruch gab es bislang nicht.
Kiew hat seine Prioritäten für Ankara vorab klar benannt: Laut Kyiv Post und ukrainischen Diplomaten steht die Lieferung von PAC-3-Raketen für Patriot-Luftverteidigungssysteme oben an, gefolgt von Energieresilienz nach den russischen Winterangriffen. Das PURL-Programm der Nato hat für die Ukraine höhere Priorität als Ende 2025, da die Vorräte an Abfangraketen schwinden. Was in Ankara nicht auf der Tagesordnung steht: eine verbindliche Nato-Beitrittsperspektive. Trump hat eine Mitgliedschaft der Ukraine während des laufenden Krieges mehrfach abgelehnt, das Thema steht formal nicht auf der Gipfelagenda.
Was auf der Agenda steht: Die Nato-Verbündeten sollen sich in Ankara auf eine Unterstützungszusage von 70 Milliarden Euro für die Ukraine im Jahr 2026 verpflichten, mit „mindestens gleichwertigen Niveaus“ für 2027. Der Großteil der Mittel käme aus bestehenden bilateralen Zusagen und EU-Finanzierung, nicht aus neuen US-Beiträgen. Washington hat seinen direkten Anteil an der Ukrainehilfe nach Trumps Amtsantritt gestrichen.
PBS News stellte fest, Trump fordere von den Verbündeten nicht mehr nur Lastenteilung, sondern „Loyalität“. Was das konkret bedeutet, ist offen. In Ankara wird sich zeigen, wie weit sich die europäischen Nato-Partner auf eine Agenda einlassen, die zunehmend von Washingtons innenpolitischer Logik geprägt ist.
Mittwoch, 14:30 Uhr Ortszeit
Das Ergebnis des Gipfels hängt in vielem am Zelensky-Treffen am Mittwochnachmittag. Wenn Trump danach Putin anruft und eine konkrete Formel vorschlägt, könnte der Gipfel als Wendepunkt in Erinnerung bleiben. Wenn nicht, bleibt er das, was er bis dahin war: ein Treffen zur Bestätigung von Ausgabenzielen, die meisten Länder ohnehin nicht bis 2035 vollständig erfüllen werden. Nato-Generalsekretär Rutte hat für 2029 eine Zwischenüberprüfung angekündigt. Bis dahin entscheidet der Krieg in der Ukraine mehr über die Zukunft des Bündnisses als jede Gipfelerklärung.
Aktualisierungen
Update 8. Juli, 15:12 Uhr: Der NATO-Gipfel in Ankara brachte am ersten Sitzungstag konkrete Ausgabenzahlen: Deutschland bestätigte mit 124,7 Milliarden Euro Verteidigungsbudget für 2026 die höchsten Verteidigungsausgaben seiner Geschichte und rückte damit hinter den USA auf den zweiten Platz im Bündnis. Die europäischen Verbündeten und Kanada einigten sich, ohne US-Beteiligung, auf 140 Milliarden Euro Ukraine-Militärhilfe für 2026 und 2027 zusammen, je 70 Milliarden Euro pro Jahr. Zusätzlich unterzeichneten die Bündnispartner Rüstungsaufträge von mehr als 50 Milliarden US-Dollar. Das bilaterale Trump-Zelensky-Treffen fand wie geplant am 8. Juli um 14:30 Uhr Ortszeit statt; zu konkreten Durchbrüchen bei Waffenstillstandsgesprächen gab es bei Redaktionsschluss keine offiziellen Angaben.
Kommentare