40 Milliarden Dollar: NATO rüstet sich für den Drohnenkrieg
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40 Milliarden Dollar: NATO rüstet sich für den Drohnenkrieg

20 der 32 NATO-Mitgliedstaaten haben beim Ankara-Gipfel mehr als 40 Milliarden Dollar für Drohnen und Gegendrohnensysteme zugesagt. Das Paradox: Das wichtigste Know-how für diese Initiative liegt nicht in einem Allianzstaat, sondern beim ukrainischen Militär.

10. Juli 2026, 22:39 Uhr 739 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Ein Quadrocopter zu 300 Euro kann einen Kampfpanzer zerstören, der vier Millionen kostet. Diese Asymmetrie hat die NATO drei Jahre lang beobachtet; jetzt reagiert sie mit dem größten Drohnenprogramm ihrer Geschichte: 40 Milliarden Dollar, 20 Mitgliedstaaten, fünf Jahre. Dass das Wissen, das die Initiative erst ermöglichen soll, nicht in Brüssel oder Washington liegt, sondern in den Werkstätten ukrainischer Drohnenhersteller, ist die unbequeme Prämisse der gesamten Initiative.

Wie die Ukraine den Drohnenkrieg neu erfunden hat

Seit 2024 bestimmen Drohnen das Schlachtbild in der Ukraine in einem Ausmaß, das kein Allianzstaat vorhergesehen hatte. FPV-Quadrocopter, die je Stück wenige Hundert Euro kosten, zerstören Kampfpanzer im Wert von vier Millionen Euro. Einfache Starrflügler ersetzen tagelange Aufklärungsmissionen. Loitering Munitions fliegen 50 Kilometer hinter die Front und treffen Munitionsdepots. Was alle diese Systeme gemeinsam haben: Sie fliegen zu klein, zu niedrig und zu zahlreich, als dass die konventionelle Kurzstrecken-Luftverteidigung, die NATO für Kampfjets ausgelegt hat, mithalten könnte.

Das Tempo der technologischen Anpassung auf dem Schlachtfeld ist kaum vorstellbar. Drohnenhersteller in der Ukraine aktualisieren ihre Systeme laut Einsatzerfahrungen bis zu zwanzigmal im Monat, um neue elektronische Gegenmaßnahmen zu umgehen. Nicht die spektakuläre Einzeldrohne entscheidet, sondern die Fähigkeit, Tausende von Geräten gleichzeitig zu koordinieren, zu steuern und laufend software-seitig anzupassen.

Was Drone Edge konkret bedeutet

Die Initiative, die NATO-Generalsekretär Mark Rutte am 7. Juli in Ankara vorstellte, hat drei Säulen. Erstens: Ein zentraler Gegendrohnen-Marktplatz, über den Mitgliedstaaten getestete und allianzkonforme Systeme schnell beschaffen können, ohne langwierige nationale Ausschreibungsverfahren. Zweitens: Drohnenakquisition über die NATO Support and Procurement Agency, die als zentraler Einkäufer für Aufklärungsdrohnen auftritt. Drittens: Ausbildung auf erheblich größerem Maßstab, gestützt auf 16 Trainingszentren in acht Mitgliedstaaten, die bereits eingerichtet sind.

Parallel handelte Deutschland am Rande des Gipfels eine eigenständige Vereinbarung aus. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha unterzeichneten am 8. Juli ein Abkommen zur Produktion der ukrainischen BARS-Drohne auf deutschem Boden. Die BARS ist ein strahlgetriebenes Kampfdrohnensystem mit einer Reichweite von 700 bis 800 Kilometern, das von einem privaten ukrainischen Unternehmen entwickelt wurde und bereits bei Angriffen auf militärische Ziele in Russland eingesetzt wurde. Deutschland finanziert die erste Produktionsphase im Rahmen der sogenannten Build-with-Ukraine-Initiative. Alle gefertigten Geräte gehen an die ukrainischen Streitkräfte.

Pistorius beschrieb die beiden Spuren als komplementär: Das NATO-Programm baut die Allianzfähigkeit auf; das bilaterale BARS-Abkommen transferiert sofort einsetzbare Technologie, ohne auf multilaterale Beschaffungsprozesse warten zu müssen.

"Die Ukraine hat alle Karten"

Ulrike Franke, Senior Policy Fellow beim Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen (ECFR), formulierte die Kernspannung der Initiative bei einer Keynote auf dem NATO AIRCOM Industry Day: "Die Ukraine hat alle Karten bei Drohnen und Gegendrohnensystemen." Für Franke ist die Zusammenarbeit mit ukrainischen Experten keine Option, sondern eine Voraussetzung: NATO-Länder, die Drohnenoperatoren ausbilden, ohne ukrainische Einsatzerfahrungen einzubeziehen, würden Fähigkeiten aufbauen, die beim Einsatz bereits überholt seien. Franke ergänzte, dass Drohnen "Masse auf das Schlachtfeld zurückgebracht haben." Das erfordere eine fundamentale Umstellung: Nicht das teure Einzelsystem zählt, sondern die Fähigkeit zur Skalierung bei niedrigen Stückpreisen.

James Patton Rogers, Drohnenexperte am Cornell Brooks Tech Policy Institute, nannte gegenüber Business Insider die zentrale Sorge: Wie schnell Drohnentechnologie veralte. Zum Zeitpunkt eines möglichen Konflikts mit Russland könnten NATO-Drohnenreserven technologisch überholt sein. Die Entwicklungszyklen auf dem Schlachtfeld werden in Monaten gemessen, Beschaffungszyklen westlicher Militärs aber in Jahren. Wenn die Allianz bis 2027 ihre ersten zertifizierten Operatoren ausgebildet hat, könnte die Ukraine bereits die übernächste Generation einsetzen: KI-gesteuerte Schwarmsysteme, die autonome Trefferentscheidungen treffen.

Das Gesamtvolumen der in Ankara beschlossenen Rüstungsverträge beläuft sich auf mehr als 50 Milliarden Dollar. Die europäischen Mitgliedstaaten und Kanada haben ihre Verteidigungsausgaben seit dem Haager Gipfel 2025 um mehr als 139 Milliarden Dollar erhöht, um das neue Allianzziel von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2035 zu erreichen.

Bis Ende 2027: fünfmal mehr zertifizierte Drohnenoperatoren

Das unmittelbare Ziel ist konkret: Bis Ende 2027 sollen fünfmal so viele zertifizierte Drohnenpiloten in den Streitkräften der 20 Teilnehmerstaaten ausgebildet sein wie heute. Die 16 bestehenden Trainingszentren in acht Ländern bilden die Grundlage. Der zentrale Gegendrohnen-Marktplatz soll noch im zweiten Halbjahr 2026 in Betrieb gehen und erstmals den Kauf getesteter, allianzkompatibler Systeme ohne nationale Ausschreibungsverfahren ermöglichen.

Für Deutschland bedeutet das eine doppelte Verpflichtung: Als einer der 20 Drone-Edge-Teilnehmer muss Berlin eigene Ausbildungskapazitäten nachweisen. Gleichzeitig läuft die BARS-Vereinbarung parallel und kann schneller greifen. Ob die beiden Spuren zusammenpassen, hängt davon ab, ob die Bundeswehr bereit ist, das Know-how der ukrainischen Entwickler tatsächlich zu integrieren. Franke hat das klar auf den Punkt gebracht: Die Ukraine ist in diesem Krieg zum Lehrmeister geworden. Die Allianz wäre gut beraten, das anzuerkennen.

Quellen (14)

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