97 Dollar das Barrel: OPEC+ scheitert an Hormuz
Wirtschaft

97 Dollar das Barrel: OPEC+ scheitert an Hormuz

Brent-Rohöl ist nach der neuen Iran-Israel-Eskalation auf 97 Dollar pro Barrel gestiegen. OPEC+ hat gleichzeitig zum vierten Mal in Folge die Fördermenge erhöht, doch Analysten halten die Entscheidung für nahezu wirkungslos, weil die Hormusstraße weiterhin gesperrt ist.

8. Juni 2026, 14:42 Uhr 760 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Brent-Rohöl ist am Montag auf 97,15 Dollar pro Barrel gestiegen, der höchste Stand seit Kriegsbeginn im Februar. Gleichzeitig beschloss OPEC+ am Sonntag seine vierte monatliche Fördererhöhung in Folge. Warum der Ölpreis trotzdem steigt, erklärt das Grundproblem des Irankriegs: Die zusätzlichen Barrels kommen nicht an.

Was OPEC+ am Sonntag beschloss

Am 7. Juni trafen sich die 22 Mitglieder von OPEC+ per Videokonferenz und beschlossen, die Produktionsquoten ab Juli um 188.000 Barrel pro Tag zu erhöhen. Es war die vierte derartige Erhöhung in Folge seit der Schließung der Hormusstraße nach dem US-israelischen Angriff auf Iran am 28. Februar. Saudi-Arabien und andere Golfstaaten signalisierten damit, dass sie mehr fördern wollen, um den Markt zu stabilisieren.

Der Beschluss war erwartet worden. Trotzdem stieg der Brent-Preis nach der Entscheidung weiter und erreichte am Montagmorgen, als die nächste Eskalation zwischen Israel und Iran bekannt wurde, ein Sitzungshoch von 97,15 Dollar, ein Anstieg um 4,47 Prozent gegenüber dem Vortag. Das wirkt auf den ersten Blick paradox: mehr Öl angekündigt, Preis trotzdem höher. Doch der Widerspruch ist kein Widerspruch.

Warum die Barrels nicht ankommen

Die Hormusstraße, durch die unter normalen Bedingungen etwa 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls transportiert wird, ist seit Februar faktisch gesperrt. Iran hatte nach dem US-israelischen Angriff alle zivilen Tanker am Transit gehindert. Länder wie die Emirate, Kuwait, Irak und Iran sind von dieser Sperrung direkt betroffen: Ihre Häfen liegen im Golf, die Exportrouten führen durch die Hormusstraße. Fördererhöhungen in Abu Dhabi oder Basra bleiben ohne Wirkung auf den Weltmarkt, wenn die Tanker nicht auslaufen können.

Rohstoffmarkt-Analysten bewerten die Entscheidung entsprechend nüchtern: Der physische Effekt des OPEC+-Beschlusses sei nahe null, weil die meisten Mitglieder ihre Quoten wegen der Hormuzblockade oder Infrastrukturangriffen schlicht nicht erfüllen können. Die Fördererhöhung ist ein politisches Signal, kein reales Angebot. Saudi-Arabien, das seinen Export über die Petroline-Pipeline zum Roten Meer leiten kann und damit Hormuz umgeht, ist einer der wenigen, der wirklich liefern kann. Doch das allein reicht nicht aus, um den Ausfall der Hormusroute zu kompensieren.

Hinzu kommt die heutige Eskalation: Israel hat in der Nacht zum Montag den iranischen Petrochemiekomplex Karun in Bandar-e Mahshahr angegriffen, einer der größten petrochemischen Produktionsstandorte Irans. Teheran antwortete mit elf ballistischen Raketen auf israelische Städte. Angriffe auf Produktionsinfrastruktur erhöhen die Risikoprämie im Ölpreis zusätzlich, unabhängig von der OPEC+-Entscheidung.

Was das an der Zapfsäule kostet

Für Deutschland ist die Lage schwieriger als anderswo, aber strukturell anders als für direkte Golfstaaten-Abnehmer. Das Land bezieht Rohöl vor allem aus Norwegen, Kasachstan und über die Nordsee. Die Hormusstraße ist keine direkte Importroute. Das Problem liegt trotzdem im Preis: Da Rohöl ein globaler Markt ist, konkurriert Deutschland mit asiatischen Käufern um dieselben verfügbaren Mengen. Schätzungen beziffern die Mehrkosten für den europäischen Energieimport durch die Hormuz-Situation auf 30 Milliarden Euro.

Super E10 kostete am 4. Juni 1,924 Euro pro Liter, Diesel 1,908 Euro, deutlich mehr als vor dem Krieg. Die Bundesregierung reagierte mit dem 2. Energiesteuersenkungsgesetz vom 24. April: Die Steuer auf Benzin und Diesel wurde befristet um 14,04 Cent pro Liter gesenkt, inklusive Umsatzsteuer entspricht das einem Nachlass von rund 17 Cent. Die Maßnahme kostete den Bundeshaushalt 1,6 Milliarden Euro.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer fasst zusammen: „Der Nahostkrieg fordert seinen Tribut.“ DIHK-Wirtschaftsexperte Jupp Zenzen ergänzt, die Ölpreissteigerungen und die damit einhergehende Unsicherheit dämpften das Wirtschaftswachstum der deutschen Industrie, was sich auch in den heute veröffentlichten Auftragsdaten ablese: Im April brachen die Industrieaufträge um 3,8 Prozent ein, doppelt so stark wie erwartet.

30. Juni: Ende des Tankrabatts

Das eigentliche Datum, auf das Autofahrer und Wirtschaftsplaner blicken, ist der 30. Juni. An diesem Tag läuft die Energiesteuersenkung aus, sofern der Bundestag keine Verlängerung beschließt. Ohne Verlängerung steigt der Preis an der Zapfsäule automatisch wieder um rund 17 Cent pro Liter. Bei Brentpreisen von knapp 100 Dollar wäre das eine Verdoppelung des Preisdrucks, den die Senkung bisher gepuffert hat.

Eine Entspannung des Ölpreises vor dem 30. Juni hängt vor allem vom G7-Gipfel im französischen Évian-les-Bains ab, der vom 15. bis 17. Juni stattfindet. Frankreich hatte den Gipfel explizit als Forum für Iran-Diplomatie angelegt. Trump hatte zuletzt erklärt, eine Einigung sei „weitgehend verhandelt“, aber an konkreten Schritten mangelt es. Ob das bis zum Monatsende ausreicht, um den Ölpreis genug zu senken, damit eine Nicht-Verlängerung der Steuersenkung politisch vertretbar wäre, gilt in Berliner Regierungskreisen als unwahrscheinlich. Die Alternative ist eine Verlängerung mit weiteren Haushaltskosten von rund 800 Millionen Euro pro Monat.

Quellen (9)

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