Brent kratzt an der 100-Dollar-Grenze
Wirtschaft

Brent kratzt an der 100-Dollar-Grenze

Brent-Rohöl sprang am Montag auf 97,83 Dollar je Barrel, der höchste Stand seit der gescheiterten Waffenruhe im April. In Rotterdam, Antwerpen und Amsterdam liegen die Kerosinvorräte auf einem Sechsjahrestief. Der Iran-Krieg hat den Energiemärkten eine Angst zurückgebracht, die kurzzeitig verschwunden schien.

10. Juni 2026, 0:40 Uhr 729 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Im April, als der Iran die Straße von Hormus kurzzeitig für Handelsschiffe öffnete, fiel der Ölpreis um elf Prozent. Es war ein kurzer Moment der Erleichterung. Am Montag, nach dem erneuten Schlagabtausch zwischen Iran und Israel, schloss Brent bei 97,83 Dollar je Barrel, ein Anstieg von 4,4 Prozent binnen eines Handelstages. Der psychologisch wichtige Schwellenwert von 100 Dollar, den die Märkte seit Kriegsbeginn meiden, ist wieder in Reichweite.

Von 78 auf 98 Dollar: Die zweite Welle

Seit dem Beginn des Iran-Kriegs im Februar stieg der Brent-Preis zunächst um mehr als 50 Prozent. Der kurze Rückgang im April, als Teheran eine Waffenruhe mit Washington vereinbarte, brachte Brent zeitweise auf rund 78 Dollar. Jetzt schließt die Lücke sich wieder. Auslöser der jüngsten Bewegung war der erneute Schusswechsel zwischen Iran und Israel am Wochenende: Israels Angriffe auf Petrochemie-Anlagen in Mahshahr und iranische Raketensalven auf israelische Städte haben das Signal gesendet, dass die Waffenruhe nicht hält.

Der Markt reagiert auf den Hormus-Faktor: Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls läuft in normalen Zeiten durch die Meerenge. Seit der iranischen Blockade fehlen dem Weltmarkt schätzungsweise 13 Millionen Barrel täglich, etwa zwölf Prozent der globalen Nachfrage. Das wird teils durch Lagerbestände und Umgehungsrouten kompensiert, aber nicht vollständig. Goldman Sachs prognostiziert für das vierte Quartal 2026 einen Brent-Preis von 90 Dollar, sofern sich die Lieferströme erholen. Dieses "sofern" trägt in diesen Wochen sehr viel Gewicht.

Warum Flughäfen jetzt nervös werden

Das spezifisch Neue an der aktuellen Lage ist der Kerosin-Engpass, der sich seit Wochen ankündigt und nun messbar geworden ist. Die Lagerbestände im ARA-Hub, dem Kerosin-Verteilzentrum der Häfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen, liegen auf einem Sechsjahrestief. Ende Juni könnte Kerosin in Nordwesteuropa knapp werden. Das trifft Fluggesellschaften in der Hauptsaison besonders hart.

Lufthansa hatte bereits im April angekündigt, Teile des Sommerprogramms zu streichen, wenn die Kerosinversorgung nicht stabilisiert wird. Die OECD-Lagerbestände insgesamt reichen nach Branchenangaben noch etwa 15 Monate. Das klingt entspannt, ist es aber nicht: Der Puffer gilt für Rohöl, nicht für veredelte Produkte wie Kerosin oder Diesel. Raffinerie-Kapazitäten und logistische Engpässe in der Verarbeitung machen den Unterschied zwischen "genug Öl" und "genug Kerosin".

Was Deutschen an der Zapfsäule droht

Der Einzelhandelsabsatz von Kraftstoffen in Deutschland sank im März 2026 um acht Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Das ist kein normales saisonales Muster, sondern ein Preissignal: Autofahrer schränken sich ein. Dabei lagen die Kraftstoffpreise im April noch um mehr als 26 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Die Bundesregierung hatte im Frühjahr mit einem Tankrabatt reagiert: 17 Cent staatliche Entlastung pro Liter. Laut ADAC-Messungen kamen davon 7,8 Cent tatsächlich an der Zapfsäule an. Die restlichen 9,2 Cent blieben bei den Mineralölkonzernen. Eine zweite Runde staatlicher Preissubventionen gilt im Bundesfinanzministerium derzeit als nicht finanzierbar. Das Haushaltsloch durch geringere Kraftstoffsteuereinnahmen ist ohnehin schon erheblich.

Indirekt trifft der Ölpreis die gesamte Wirtschaft. Transportkosten steigen, Heizkosten bleiben hoch, energieintensive Branchen verlieren Wettbewerbsfähigkeit. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) hatte den Ölpreis bereits im Mai als zweitgrößtes Risiko für die Konjunktur 2026 eingestuft, nach der Nachfrageschwäche aus dem Ausland.

Wenn die Waffenruhe hält, wenn nicht

Irans Revolutionsgarden erklärten am Montagabend die Einstellung ihrer Angriffe. Israel akzeptierte auf US-Druck einen Stopp der Iran-Bombardierungen. Ob dieser Waffenstillstand hält, ist die entscheidende Variable für die Ölmärkte im zweiten Halbjahr 2026. Goldman Sachs unterscheidet in seinen Szenarien klar: Hält die Waffenruhe und öffnet Hormus dauerhaft, fällt Brent auf 90 Dollar im vierten Quartal. Bleibt die Blockade oder eskaliert der Konflikt erneut, ist das 100-Dollar-Niveau eine nahe Möglichkeit, nicht mehr nur ein Extremszenario.

Trump erklärte am Montag, ein Abkommen mit Iran sei "kurz vor der Unterzeichnung", möglicherweise innerhalb von zwei bis drei Tagen. Ob diese Zeitrechnung stimmt, hängt unter anderem davon ab, ob Israel seine Libanon-Operationen zurückfährt, was Teheran als Grundbedingung betrachtet. Bisher hat Israel das nicht zugesagt. Für Energiemärkte bedeutet das: Die Angst bleibt eingepreist.

Quellen (9)

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