Zehn Jahre OEZ: Bayern nennt es noch immer Amoklauf
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Zehn Jahre OEZ: Bayern nennt es noch immer Amoklauf

Zehn Jahre nach dem rechtsextrem motivierten Anschlag am Münchner Olympia Einkaufszentrum kämpfen Familien der neun Opfer noch immer um vollständige Aufarbeitung. Die bayerische Polizei listet auf ihrer Website 'Mobbing' noch immer vor 'Fremdenhass' als Tatmotive.

22. Juli 2026, 18:39 Uhr 806 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am heutigen 22. Juli gedenkt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit Angehörigen am Denkmal "Für Euch" in München-Moosach der neun Menschen, die 2016 beim rechtsextrem motivierten Anschlag am Olympia Einkaufszentrum ermordet wurden. Für Engin Kılıç, den Bruder von Opfer Selçuk Kılıç, ist der zehnte Jahrestag bitter: "Jetzt glauben wir nichts mehr, auch nicht der Polizei", sagte er der taz. Auf der Website der Bayerischen Polizei erscheint die Tat noch immer unter der Bezeichnung "Amoklauf", mit "Mobbing" als erstgenanntem Tatmotiv.

Freitag, 22. Juli 2016, kurz vor 18 Uhr

Es war 17:51 Uhr, als der 18-jährige Täter an einem McDonald's-Restaurant nahe dem OEZ das Feuer eröffnete. Er hatte Kinder und Jugendliche dorthin gelockt. Was folgte, war einer der schwersten Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung: neun Tote, fünf Verletzte, ein Täter, der sich anschließend selbst erschoss.

Der Täter, ein in München aufgewachsener Deutsch-Iraner, hatte in seinen persönlichen Aufzeichnungen den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik als Vorbild beschrieben. Sichergestellte Texte zeigten, dass er sich seit Jahren mit rechtsextremer Ideologie befasst hatte und seine Opfer gezielt nach ihrer Herkunft aussuchte.

Neun Opfer, eines das sie verband

Die Getöteten hießen Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Giuliano Kollmann, Hüseyin Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine, Selçuk Kılıç und Sevda Dağ. Die meisten von ihnen hatten türkische, griechische oder albanische Familiengeschichten; mehrere Opfer gehörten der Sinti- und Roma-Gemeinschaft an. Das verbindende Merkmal: Der Täter zielte auf Menschen, die er als ethnisch nicht deutsch wahrnahm, nach einem ideologischen Muster, das er aus rechtsextremen Texten bezogen hatte.

Für die Angehörigen begann das Leid nicht erst mit den Todesnachrichten. Mehrere Familien schilderten der taz und dem Sonntagsblatt, wie die Polizei sie während der Evakuierung am Betreten der Sperrzone hinderte und in einem Fall einen Angehörigen zu Boden drückte. Die Notrufhotline lieferte stundenlang keine Auskunft über den Verbleib der Betroffenen.

Von "Amoklauf" zu rassistischer Gewalt: eine Reklassifizierung auf Raten

Der damalige bayerische Innenminister Joachim Herrmann sprach noch am Abend des 22. Juli 2016 von einem "Amoklauf". Als Motive nannten Ermittler zunächst Mobbing und psychische Probleme. Der rechtsextreme Charakter der Tat, die systematische Opferauswahl nach ethnischen Kriterien, die ideologischen Breivik-Bezüge: All das blieb in der offiziellen Einschätzung zunächst unsichtbar.

Erst nach jahrelangem Druck durch Familienverbände, Menschenrechtsorganisationen und Medienberichte wurde die Tat schrittweise als rechtsextrem motiviert eingeordnet. Doch dieser Wandel blieb unvollständig. Die Amadeu-Antonio-Stiftung, die rechtsextreme Gewalt in Deutschland dokumentiert, hält zum zehnten Jahrestag fest: Bei der Aufarbeitung bestünden "weiterhin Lücken". Amnesty International schreibt, die Angehörigen kämpften "immer noch für Gerechtigkeit und Aufklärung".

Auf der Website der Bayerischen Polizei erscheint die Tat zehn Jahre später noch immer als "Amoklauf". Mobbing und psychische Auffälligkeiten stehen als Motive vor Fremdenhass, wie das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena in einer Analyse des Anschlags dokumentiert hat. Eine offizielle Entschuldigung des Freistaats Bayern hat es nie gegeben.

Der Untersuchungsausschuss, den Bayern verweigert

Einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss im bayerischen Landtag, wie ihn Opferfamilien seit Jahren fordern, gibt es nicht. Anträge blieben in der Minderheit. Zum zehnten Jahrestag haben Angehörige und Überlebende erneut eine Petition gestartet, die Einsetzung eines solchen Ausschusses verlangt. Sie wollen Akteneinsicht, eine unabhängige Aufarbeitung und die offizielle Anerkennung, dass es sich um rechtsextreme Gewalt handelte.

Die Gedenkstätte "Für Euch" an der Hanauer Straße in München-Moosach, gestaltet von der Künstlerin Elke Härtel und 2017 eröffnet, ist das einzige dauerhafte staatliche Erinnerungszeichen an die neun Opfer. Ein Gedenkraum im Stadtbezirk wurde im April 2025 eröffnet. Erstmals gestalten Angehörige der Opfer die heutige Zeremonie teilweise selbst mit, wie das Sonntagsblatt berichtet.

Das OEZ-Attentat reiht sich neben den NSU-Morden (2000 bis 2007), dem Anschlag in Halle (2019) und dem in Hanau (2020) in eine Reihe rechtsextremer Gewalttaten ein, deren politische Aufarbeitung als unzureichend gilt. In allen diesen Fällen dauerte die öffentliche Anerkennung des rassistischen Tatmotivs länger als die Tat selbst. In München dauert sie, zehn Jahre später, noch an.

Quellen (9)

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