Psilocybin-Therapie schafft Phase-3-Hürde gegen Depression
Zwei Phase-3-Studien bestanden, ein FDA-Priority-Voucher erteilt, die Einreichung des Zulassungsantrags für das vierte Quartal 2026 angekündigt: COMPASS Pathways hat mit COMP360, einer standardisierten Psilocybin-Therapie, erstmals ein Psychedelikum durch die klinische Prüfung gegen therapieresistente Depression gebracht. Das ist ein historischer Schritt, weil die Psychiatrie seit Jahrzehnten nach Alternativen zu Antidepressiva sucht, die bei einem erheblichen Teil der Patienten nicht wirken.
Wenn Antidepressiva nicht mehr helfen
Die WHO schätzt, dass weltweit 280 Millionen Menschen an Depressionen leiden. Bei etwa 30 Prozent wirken Antidepressiva nicht ausreichend: Nach mindestens zwei ernsthaft versuchten Therapien gelten diese Patienten als behandlungsresistent. Für sie stehen wenige wirksame Optionen zur Verfügung. Klassische SSRI-Antidepressiva erzielen in dieser Gruppe Remissionsraten von 10 bis 20 Prozent.

Bisher steht mit Esketamin (Spravato, Johnson & Johnson) ein einziges neuartiges Antidepressivum mit schnellem Wirkeintritt zur Verfügung, seit 2019 von der FDA zugelassen. Es muss wiederholt in zertifizierten medizinischen Einrichtungen verabreicht werden. Elektrokrampftherapie gilt weiterhin als Standard bei schwersten Fällen, ist aber mit Risiken für das Gedächtnis verbunden und sozial stark stigmatisiert. Die therapeutische Lücke ist erheblich.
Was die Studien zeigen
COMP360 ist synthetisches Psilocybin in einer standardisierten Dosis von 25 Milligramm, einmalig unter Aufsicht ausgebildeter Therapeuten verabreicht. Die Wirkdauer liegt bei sechs bis acht Stunden. Entscheidend laut COMPASS Pathways: Das Umfeld der Therapiesitzung, das sogenannte Set und Setting, ist essenziell für die Wirkung. Ein ausgebildetes Therapeutenteam bereitet Patienten vor und begleitet sie während und nach der Sitzung.
Zwei separate Phase-3-Studien haben die primären Endpunkte erreicht. In der ersten Studie (COMP005, eine Dosis gegen Placebo) erzielte COMP360 eine statistisch signifikante Verbesserung von 3,6 Punkten auf der Montgomery-Åsberg-Depressionsskala gegenüber Placebo (p unter 0,001). Die klinisch bedeutsame Ansprechrate (MADRS-Reduktion von mindestens 25 Prozent) nach sechs Wochen lag bei rund 25 Prozent, mit anhaltender Wirkung bis Woche 26. Die zweite Studie (COMP006, zwei Dosen im Abstand von drei Wochen) ergab eine Differenz von 3,8 Punkten (p unter 0,001). Hier sprachen 39 Prozent der Patienten klinisch bedeutsam auf die Behandlung an.
Die Effektgrößen sind statistisch robust, aber moderat. Für therapieresistente Patienten, die mehrere Medikamente erfolglos durchlaufen haben, sind 25 bis 30 Prozent Remission aus einer Einzelsitzung ein messbarer Fortschritt gegenüber dem bestehenden Angebot. Und: Die Wirkung bleibt laut Studiendaten über mindestens 26 Wochen stabil, ohne dass ein Patient täglich Tabletten nehmen muss.
Einordnung: Ein historischer Schritt mit offenen Fragen
MDMA, ein anderes Psychedelikum, scheiterte im August 2024 an der FDA-Zulassung für PTSD-Behandlung. Lykos Therapeutics hatte jahrelang auf eine Zulassung hingearbeitet. Das FDA-Beratergremium bemängelte unter anderem Verblindungsprobleme: Patienten merken in der Regel, ob sie ein Psychedelikum oder ein Placebo erhalten haben, was Selbstbewertungen beeinflussen kann. Psilocybin teilt dieses grundsätzliche Problem. COMPASS Pathways hat nach eigenen Angaben stärkere Kontrollen gegen Verblindungsbias eingebaut. Wie die FDA diese bewertet, wird über die Zulassung entscheiden.
Eine weitere offene Frage ist der Zugang. Eine COMP360-Behandlung erfordert ausgebildete Therapeuten, spezielle Räumlichkeiten und mehrstündige Begleitung. Das macht sie teurer als ein täglich eingenommenes Antidepressivum. Ob Krankenversicherungen die Therapie erstatten werden und wer realstisch Zugang haben wird, ist ungeklärt. Das bisherige Esketamin-Modell zeigt, wie schwer Erstattungshürden für neuartige psychiatrische Therapien zu überwinden sind: In Deutschland erstatten gesetzliche Krankenkassen Spravato erst nach individueller Prüfung.
Im Vergleich: Was vor COMP360 kam
Esketamin (Spravato): Die FDA ließ 2019 ein Nasenspray auf Basis von Esketamin für therapieresistente Depression zu. Es wirkt schnell innerhalb von Stunden bis Tagen, muss aber in klinischen Einrichtungen verabreicht werden, zunächst zweimal wöchentlich, dann seltener. Es ist das einzige neuartige Antidepressivum mit raschem Wirkeintritt, das bisher die Zulassung erhalten hat.
Elektrokrampftherapie ist seit Jahrzehnten das effektivste Verfahren bei schwerster therapieresistenter Depression, mit Remissionsraten von bis zu 60 bis 80 Prozent in ausgewählten Studien. Sie setzt jedoch eine Narkose voraus, kann kurzfristige Gedächtnisbeeinträchtigungen verursachen und ist sozial stark stigmatisiert. Weltweit wird sie deutlich seltener eingesetzt als klinisch sinnvoll wäre.
MDMA für PTSD: Das gescheiterte Zulassungsverfahren von Lykos Therapeutics hat gezeigt, wie hoch die regulatorischen Hürden für psychedelische Therapien sind. COMP360 tritt mit zwei positiven Phase-3-Studien in dieses Verfahren ein, was eine stärkere Ausgangslage darstellt als MDMA hatte.
Bis zur NDA-Einreichung im vierten Quartal 2026
Die FDA hat COMPASS Pathways am 24. April 2026 einen Commissioner's National Priority Voucher zuerkannt, basierend auf einem Präsidialerlass vom 18. April 2026. Dieser Voucher beschleunigt den regulatorischen Prüfprozess erheblich. COMPASS plant die Einreichung des New Drug Application für das vierte Quartal 2026. Eine FDA-Entscheidung könnte im ersten Halbjahr 2027 fallen.
Parallel arbeitet COMPASS an einer Einreichung bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA, ein konkreter Zeitplan wurde nicht kommuniziert. In der Psychiatrie-Community wird die Frage diskutiert, für wen die Therapie indiziert sein soll: Patienten nach Versagen von mindestens zwei Antidepressiva-Linien, Patienten mit besonders hohem Leidensdruck oder breiter? Die FDA-Beurteilung der Indikation wird die Antwort geben und damit auch bestimmen, wie viele Menschen die Therapie überhaupt in Anspruch nehmen könnten.
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